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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens
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Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 3.1.: Verantwortung ist nicht übertragbar (Bewusstsein und Verantwortung)

Wir fühlen nach Schopenhauer, der Baltasar Gracian zitiert, die instinktive große Obhut unseres Selbst, 'La gran sinderesis', ohne welche wir zugrunde gehen. Aus dem Bestehen dieser Obhut können wir eine Verantwortung ableiten, die ein persönliches Selbst für sich, seinen Körper und sein Handeln, Denken und Streben zu tragen hat.

Viele Menschen jedoch verorten ihre Verantwortung außerhalb von sich - beispielsweise sehen sie diese delegiert an Institutionen, Partner oder Eltern. Beispiele:

  1. Gerichte neigen dazu, Straftätern eines besonders abscheulichen Verbrechens Strafminderung zu gewähren, weil sie davon ausgehen, dass das soziale Umfeld der Täter einen negativen Einfluss hatte und somit prägend zu dieser Persönlichkeit beitrug. Die Richter und damit der Staat gehen also in solchen Fällen fälschlich von einer teilbaren Verantwortung für das Handeln aus.
  2. In der emotionalen Abhängigkeit einer Beziehung weist der Abhängige einen erheblichen Teil der Verantwortung für das eigene Selbst dem anderen zu. In einem solchen Fall gibt der Betroffene seine eigene Obhut auf und überlässt diese dem Anderen, bis der das Interesse an dieser Beziehung verloren hat und den Betroffenen orientierungslos zurücklässt.
  3. Einige vom Leben verstörte Menschen finden in ihrer Unsicherheit zu einer extremen, klammernden Beziehung zu dem, was sie unter 'Gott' verstehen, so dass sie ihr Leben stark einschränken und sich damit schöpferisch-kreative Gestaltungsmöglichkeiten nehmen. Das Phänomen tritt häufig auf bei Angehörigen von Sekten wie beispielsweise den Zeugen Jehovas und Scientology. Die Betroffenen suchen nach jemanden, der sie stringent1 führt, ihnen Entscheidungen abnimmt, ihr Leben regelt und ersatzweise Verantwortung für sie übernimmt. Und sie bei strengem Wohlverhalten nicht von sich weist. Diese Form der Abhängigkeit ähnelt der einer emotional abhängigen Partnerbeziehung.

Im Fall der Gerichte wird die Verantwortung von einer Institution der künstlichen Hierarchien der physischen Welt der Erscheinungen ohne Not an sich gerissen. Dies entmündigt den betroffenen Täter und nimmt ihm die Möglichkeit zu Erkennen, dass nur die Übernahme von Verantwortung eine positive Entwicklung einleiten kann.

In den beiden anderen genannten Fällen wird die Verantwortung freiwillig abgegeben - einmal an ein anderes persönliches Selbst und zuletzt an dasjenige, was sich der Betreffende unter Gott so vorstellt. Es ist also für Menschen unseres Kulturkreises vollkommen natürlich, die Verantwortung für das Handeln, Denken und Streben nicht bei sich selbst zu suchen.

Doch Institutionen der Gesellschaft sind ebenso wenig wie der Partner oder die Eltern für das Handeln, Denken und Streben des Individuums verantwortlich. Manche Menschen mit schwierigster Herkunft finden ihren Weg und übernehmen diese Verantwortung, andere mit besten Ausgangsbedingungen verweigern sich dieser. Es hängt also ausschließlich am Charakter des Betreffenden, sich so oder so zu entwickeln.

Mit Strafminderungen wird also den Betroffenen kein Gefallen getan. Wobei durchaus zu diskutieren ist, ob durch gesellschaftliche Institutionen verhängte Freiheitsstrafen der beste Weg sind, Menschen mit nachteiliger Orientierung zu führen. Es gäbe vermutlich bessere Wege, die aber erst beschritten werden können, wenn die Gesellschaft selbst ausschließlich an den Idealen wechselseitiger Wertschätzung und Respekt sowie körperlicher und seelischer Unversehrtheit orientiert agiert. Dem Läge das Wissen um die große Kooperation alles Seienden zugrunde. An Waffenexporte und Militäreinsätze, aber auch an Schikanen in künstlichen Hierarchien oder dem Nachgeben des Einflusses von Lobbyisten wäre dann nicht mehr zu denken. Es stünde stets das Wohl der schwächsten Bürger im Vordergrund.

Jeder ist also für sein eigenes Handeln, Denken und Streben verantwortlich in dem Sinne, dass er dessen nachteilige Folgen für alles Seiende - für andere Individuen, andere Lebensformen und die Natur an sich - bestmöglich vermeiden muss. Hierfür trägt er Verantwortung - und niemand kann sie ihm letztlich abnehmen.

Selbst die höheren Instanzen unseres Bewusstseins wie der Geist der Wesenheit stehen uns in unserem Lebenskampf nur unterstützend und beratend zu Seite, treffen jedoch für uns in der Regel keine Entscheidungen. Würden sie dies regelmäßig tun, wäre eine Trennung zwischen den Teilen des Selbst unnötig.

Unsere Anforderungen an andere müssen so niedrig gehalten werden, dass diese sich in Richtung maximal möglicher Werterfüllung entfalten können. Wirtschaftlich schwache Mitglieder der Gesellschaft sind zu unterstützen, ohne dies mit Gegenleistungen zu verknüpfen. Denn das Ausnutzen von Notlagen ist potentiell nachteilig. So hat der weniger Abhängige in einer Abhängigkeitsbeziehung eine Machtposition, aus der er die selbstbestimmte Werterfüllung des Partners einschränken könnte. Dieser Mechanismus lässt sich auf nahezu alle Arten von Beziehungen übertragen, in denen ein Ungleichgewicht, ein Machtgefälle herrscht.

Es ist jedoch völlig in Ordnung, in irgendeiner Weise Bedürftigen Unterstützung zukommen zu lassen. Nur darf diese nicht an verpflichtende, also ausgesprochene oder nicht ausgesprochene Bedingungen und Erwartungen geknüpft sein.

In der dritten beispielhaft genannten Form einer abhängigen Beziehung nun delegiert der Betroffene die Verantwortung für sich ganz oder teilweise an Gott, respektive an eine höchst irdische Institution, welche sich anmaßt, 'Gott' zu vertreten. Alle höheren Selbsts, die Wesenheiten wie auch All-das-was-ist, sind jedoch an vitalen, kreativen und schöpferisch aktiven, eigenverantwortlichen Identitäten interessiert. Der reflektierende Verstand, mit dem die menschliche Gattung ausgestattet ist, soll gerade Reflexionen und eigene Entscheidungen ermöglichen. Das unterscheidet den Menschen von den meisten anderen Lebensformen.

Es geht also bei all dem darum, die Verantwortung für sein Handeln, Denken und Streben gegenüber allem sonst noch Seienden zu erkennen und zu übernehmen - also im Streben und Handeln Entscheidungen zu treffen, welche die Werterfüllung alles Seienden, vom Insekt über sogenannte 'Nutztiere' bis hin zur unbelebten Natur, im Blick haben. Daher hat der Psychologe Wheeler recht, wenn er feststellt:

"Nur die ständige Verantwortung für sich selbst bringt Ergebnisse." [Lit 34]

So ist eine Flucht vor der Übernahme von Verantwortung in jeglicher Form nachteilig für die spirituelle Entwicklung der Identität. Deren Auswirkungen sind für einen Außenstehenden leichter zu erkennen, weil er nicht emotional verstrickt ist. Die Orientierungslosigkeit des Abhängigen ist eine der psychologischen Auswirkungen einer abgegebenen Verantwortung.

Der Eiertanz für ein jedes persönliches Selbst besteht somit darin,

Sollte man versuchen, seinen Lebenslauf zu verändern, um der Förderung der Werterfüllung anderer zum Beispiel durch aufopfernde Tätigkeiten näher zu kommen? Das wäre der falsche Weg, weil er durch Angst initiiert wäre und damit die eigene schöpferisch kreative Werterfüllung behindert. Wer aber darin Erfüllung findet, ist auf dem richtigen Weg.

Wir verfügen in jedem Augenblickspunkt über eine vollständige Handlungsfreiheit im Rahmen der zur Verfügung stehenden, wahrscheinlichen Alternativen. Diese in Schopenhauers Sinne zu nutzen, nämlich "das ein jeder das ihm angemessene tut, indem er bei den großen Zügen, den Hauptschritten des Lebenslaufes, nicht nach deutlicher Erkenntnis des Rechten, sondern nach einem inneren Impuls, der aus dem tiefsten Grunde des Wesens kommt, handelt", scheint dem am nächsten zu kommen.

Die Lebensaufgaben ergeben sich sukzessive im Lebensverlauf. Wir werden oft durch innere Impulse an diese herangeführt. Allerdings sollten die Impulse stets vom Verstand reflektiert werden, weil nicht jeder innere Impuls hilfreich ist. Resultieren diese beispielsweise aus einem dominierenden und ängstlichen Ego, also auf einer Überkontrolle des Verstands, verhärtet sich das persönliches Selbst - es verschließt sich dem Einfühlen in sonst noch Seiendes. Roberts (Seth) beschreibt es mit einer Analogie:

"Des Menschen Ego veranlasst ihn, alles im Lichte seiner selbst zu interpretieren. Auf diese Weise verliert er sehr viel. Das Ego kann mit der Borke eines Baumes verglichen werden [...] Sie stellt den Kontakt des Baumes zu seiner Umwelt dar, ist gleichsam des Baumes Dolmetscher und bis zu einem bestimmten Grad auch sein Gefährte. So sollte es auch des Menschen Ego sein.

Wenn des Menschen Ego stattdessen zu einem Panzer wird und wenn es sich, anstatt die äußerlichen Umstände zu interpretieren, zu heftig gegen diese wehrt, dann verhärtet es sich, nimmt eine einengende Gestalt an und fängt an, wichtige Daten zu löschen und erweiternde Informationen vor dem inneren Selbst zurückzuhalten [...] Würde sich zum Beispiel unsere Baumborke vor dem stürmischen Wetter fürchten und sich gegenüber den Elementen in zwar wohlgemeinter, aber verzerrt beschützender Gesinnung verhärten, dann würde der Baum sterben." [Lit 193]

So verhält es sich auch mit dem Ego, wenn es zu stark auf düstere Sekundärinformationen aus Medien und zweiter Hand reagiert, obschon in der direkten Sinneserfahrung alles in Ordnung ist.

Aber auch vom Körper initiierten Impulsen, wie Hunger oder sexuelle Bedürfnisse, sollte nur vom Verstand reflektiert, also mit Bedacht gefolgt werden.

Neben der naheliegenden Verantwortung des In-Obhut-Nehmens durch eine Ausweitung unseres persönlichen Selbst auf andere Menschen, Dinge oder Orte gibt es also auch eine Verantwortung für alles sonst noch Seiende - für andere Lebewesen und die nur scheinbar unbelebte Natur. Die Menschen unseres Zeitalters verschleudern Ressourcen der Natur und schädigen diese auf vielfältige Weise für unnötige Produkte. Diese sind zudem zu wenig haltbar, werden gar mit einer vom Hersteller vorsätzlich eingearbeiteten Obsoleszenz2 gefertigt, um die Produktion zu maximieren.

Wir beuten derzeit die Natur und sogenannte 'Nutztiere' aus, verlagern Umweltverseuchungen durch umweltschädliche Produktionsmethoden und Mülltransporte in despektierlich 'dritte Welt' genannte Bereiche unseres Planeten und nehmen ein umfassendes Artensterben in Kauf, als gäbe es ohnehin nur noch wenige Generationen bis zum Weltuntergang.

Kaufen wir jedoch eine Ware, mit der irgendwo in der Welt die Natur, Menschen oder andere Lebewesen geschädigt werden, sind wir mit dem Kauf in der Verantwortung, sobald wir uns dessen bewusst sind. Und ebenso die hiesigen, politischen 'Volksvertreter', welche zur Werterfüllung alles Seienden die Weichen stellen müssten. Der Wirtschafts-Experte Dirk Müller bringt die Machtstrukturen in Gesellschaften auf den Punkt, wenn er sagt, dass in Politik und Unternehmen zuerst Machtinteressen, dann Geldinteressen und zuletzt gesellschaftliche Interessen das Handeln bestimmen [Lit 224]. Die Bedürfnisse nicht-menschlichen Lebens sowie der Natur kommen in den Abwägungen praktisch nicht vor.

Wir alle sind mit dem Erwerb für Schädigungen von Mensch, Tier und Umwelt ebenso verantwortlich, wie es der Produzent und die beteiligten Arbeitskräfte sind, die ebenfalls hierüber die Augen verschließen. Es gibt kein Delegieren von Verantwortung, kein Delegieren des Wissens um die Umstände des Entstehens, keine Abgabe der Verantwortung und des Wissens

Es ist wichtig, diese persönliche Verantwortung zu erkennen, ihr entsprechend zu handeln und beispielsweise keine unnötigen Ressourcen zu beanspruchen. Das heißt unter anderem:

Hier wurzelt die eigentliche Verantwortlichkeit des Individuums - und nicht nur im direkten Eingreifen in Notsituationen, worauf viele Menschen angeführt durch tumbe Medien den Begriff der Verantwortung reduzieren. Ein Eingreifen in die Notsituation eines Anderen ist zudem abzulehnen respektive in den Auswirkungen streng abzuwägen, wenn die eigene Unversehrtheit in Gefahr ist. Denn wir tragen eine ebenso große Verantwortung für uns selbst.

So ist der Rat der Polizei, bei einem beobachteten aggressiven Angriff nicht direkt in das Geschehen einzugreifen, sondern Hilfe herbeizuholen, richtig - unabhängig davon, wie sich manche Medien hierzu äußern. Denn deren Autoren, welche undifferenziert das unbesonnene Eingreifen zu jeder Zeit und Situation propagieren, werden hierdurch zu mitverantwortlichen Tätern gegen den Helfenden, machen sich die Sache des Schädigers zu eigen und sind damit in letzter Konsequenz der Schädiger in gleicher Weise, wie es der ausführende Täter ist, wenn der Helfer ihren Worten folgt und zu Schaden kommt.

Wir haben also eine hohe Verantwortung für uns und andere in unserem Handeln und Streben. Diese sollte in jeder Handlung oder Äußerung bedacht werden. So bewahren wir Leben, indem wir auch nicht indirekt töten. So bewahren wir Unversehrtheit, indem wir mit Bedacht agieren. Und fördern so die Werterfüllung alles Seienden.

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