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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens
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Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 9.4.: Die Öffnung nach innen (Das zur Ruhe kommen)

Wenn wir wutgeladene Fanatiker beobachten, deren Ansichten wir nicht teilen, oder einen geistig Verwirrten, der seine Verirrungen von sich gibt, dann fällt es uns leicht, die mentalen Beschränkungen dieser Person, ihre Verblendung zu erkennen. Schwerer ist es jedoch mit unseren eigenen Verblendungen. Nur wenige besitzen das Interesse und die Distanz sich selbst gegenüber, um sich wie von außen gesehen zu betrachten. Wir erkennen also die Irrtümer und Verblendungen anderer und lernen daraus.

Ein spiritueller Lernerfolg könnte sich in einer stoischen Grundhaltung den Kümmernissen des Lebens gegenüber zeigen. Denn die Lebenserfahrungen lehren uns nach und nach, den Widrigkeiten des Lebens gelassen gegenüberzustehen und stets mit Bedacht zu reagieren. Diesem Gleichmut liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Herausforderungen, die das äußere Wachbewusstsein oft als Unglücksfälle interpretiert, ohnehin nicht zu vermeiden sind. Wer mit dem schlechtest anzunehmenden Verlauf rechnet und auf das Beste hofft, wird nicht überrascht und regt sich nicht mehr auf.

Des Weiteren beinhaltet das genannte Betrachten eines Schauspiels auch eine Katharsis1, sofern man seine eigene Rolle darin wieder findet. Infolge lösen sich entsprechende eigene Konflikte. Ingrisch schreibt:

"Warum, glaubst du, gibt es Bücher? Komödien, Tragödien, Filme? Sogar bis zu einem gewissen Grade die Medien? [...] Mitten in einem spannenden Roman hörst Du auf, Du selber zu sein. Und deshalb, nur deshalb liest Du ihn." [Lit 138]

Tagträume können nach Meek zum 'zur Ruhe kommen' durchaus hilfreich sein, weil sie das äußere Wachbewusstsein von der ständigen Auseinandersetzung mit der physischen Projektion für eine Weile lösen. Er bezeichnet Tagträume als wichtig und heilsam, weil in ihnen spirituelle Führung erfahren werden kann. [Lit 123]

Die jüdische Historikerin Hannah Ahrendt hält eine Weltflucht in finsteren Zeiten der Ohnmacht für sinnvoll, "solange die Wirklichkeit nicht ignoriert wird, sondern als das, wovor man flieht, in ständiger Präsenz gehalten wird". Der Buddhismus favorisiert zwar die Aufmerksamkeit auf einen jeden Augenblick der physischen Existenz, geht dabei jedoch von ungleich ruhigeren Lebensumständen aus.

Wenn ich mir selbst Zuhause nicht genug sein kann, bin ich mir nirgendwo genug. Deshalb muss ich mein Zuhause gegebenenfalls auf Kosten von Reisen und Vergnügungen so einrichten, dass es mich befriedigt. Sowohl in Florida als auch auf Madagaskar und selbst künftig auf dem Mars kochen die Menschen nur mit Wasser, kann man auf Reisen - wie schon der Taoismus lehrt - keine wesentlichen Erkenntnisse gewinnen. Reisen sind oft eine Flucht vor der Langeweile und dem Alleinsein mit sich selbst. Nur die Erscheinung des physischen Lebenssystems, anzutreffende Lebensformen und Gebräuche der Menschen differieren.

Es ist also ein zur Ruhe kommen in einer kontemplativen2 Lernumgebung vonnöten, die keineswegs so langweilig ist, wie es zunächst erscheinen mag. Denn anstelle des Ärgerns und Sorgens tritt ein Nachdenken über alle Dinge, in dem jede auch noch so kleine Erkenntnis mit einer tief aus dem Innern kommenden Heiterkeit belohnt wird. Es ist außerordentlich befriedigend, durch sich selbst in diese angenehme Verfassung zu kommen und nicht in unserer Informationshölle darauf zu warten, einen solchen ausgeglichenen Zustand erst nach dem Ableben zu erreichen. Denn auch im Lebenszyklus haben wir die freie Wahl, etwas an uns heran kommen zu lassen oder - entweder durch äußere Gesten oder innerlich mental - abzublocken.

Doch ist ein solcher Art ausgerichtetes Leben auch nicht frei von Nachteilen. Durch das zur Ruhe kommen wird der Wille des Egos stärker kontrolliert - ohne dies wäre das zur Ruhe kommen nicht möglich. Als Nebenwirkung verlieren wir unser Interesse an vielen Spielen des Lebens - an Kontakten zu anderen, am Ausleben der Sexualität und an Gesprächen mit spirituell uninformierteren Menschen. Das führt zu Entfremdungen im Freundeskreis und in der Partnerschaft, bringt somit Schwierigkeiten an das Tageslicht, die zuvor durch Geschäftigkeit und Aktivitäten überdeckt waren.

Wir erkennen uns erst dann, wenn wir mit uns selbst über längere Zeit allein sind. Beziehungen und Kontakte nach außen sind Kompromisse, um das Leben in dieser physischen Welt der Erscheinungen überhaupt leben zu können. Nur die Wenigsten wollen und können auf die Nähe und Sicherheit einer Partnerbeziehung verzichten. Vor allem nicht in jüngeren Jahren, wenn das selbstsüchtige Gebaren vieler Menschen noch nicht durchschaut, noch keine schützende Reaktion darauf eingetreten ist. Und diese wird sich wohl bei fast allen Naturen, früher oder später, im Rückzug aus der Geselligkeit zeigen. In diesem Sinne sagt Schopenhauer, dass die Geselligen unter uns bis in die mittleren Jahre gesucht sind, im Alter werden sie eher als lästig empfunden.

Je weniger äußeren Reizen man sich aussetzt, desto mehr öffnet man sich nach innen. Doch so erstrebenswert ein zur Ruhe kommen für den im aktiven Leben stehenden Menschen auch ist - diejenigen, welche als Paar oder Einzelpersonen ohne aktive Kontakte allein im Leben stehen und folglich nur noch wenigen Reizen aus der physischen Welt ausgesetzt sind, müssen den umgekehrten Weg gehen, um in ihrer Isolation nicht mental Schaden zu nehmen. Denn die Folgen eines andauernden, isolierten und beschaulichen Lebens in den eigenen vier Wänden sind Überängstlichkeit, Weltfremdheit und eine Entwöhnung von Menschen und der physischen Projektion überhaupt.

Einsamkeit macht also ängstlich. Einsame agieren beim Anblick nicht vertrauter Menschen wie fremdelnde Babys - so bedrohlich erscheint ihnen die hastende, oft selbstbezogene Masse der Unbekannten, der je nach Gusto sich mal wild, mal freundlich und mal unfreundlich gebärdenden Menschen. Denn ein Baby fremdelt aus dem gleichen Grund wie ein isoliert lebender Mensch: Nämlich aufgrund des vorhergehenden, ruhigen und reizarmen Daseins.

So erschöpfen zahlreiche, plötzlich einströmende neue Sinneseindrücke den Betroffenen bis zum Zusammenbruch, wenn beispielsweise ein alter Mensch doch einmal seine Wohnung verlassen muss3. Hier zeigt sich die Folge einer langwierigen Entwicklung, in der das für diese physische Umwelt zuständige äußere Wachbewusstsein seine Kompetenzen mehr und mehr verliert, bis es unfähig geworden ist, einströmende neue Reize zu verarbeiten.

Auf diese Weise enden isoliert lebende Paare oder Einzelpersonen in einer Lebensuntüchtigkeit und verlernen zudem die Spielregeln der Kommunikation im gesellschaftlichen Zusammenleben. Denn auch Begrüßungen, Benimmregeln und ähnliche Rituale - Kommunikationen überhaupt - unterliegen weitgehend feststehenden Regeln der Gesellschaft, die ohne ständige Übung verlernt werden.

Wird diese Entwicklung ohne Gegensteuern hingenommen, dann erleidet der Betroffene mehr und mehr die Qual, in dem Gefängnis der Isolation gefangen zu sein wie ein lebenslänglich Inhaftierter, welcher jedoch in der Regel noch nach äußeren Aktivitäten strebt. Dieser hat seine Motivation und damit seinen Antrieb, sich mit Sinneseindrücken und Menschen auseinander zu setzen, noch nicht verloren. Und damit eine Chance, nach der Rückkehr in die Freiheit in einen mehrjährigen Lernprozess seine Lebenstüchtigkeit wieder zu erlangen.

Auch nach einer Nahtoderfahrung dauert es bis zu sieben Jahre, bis das 'Fremdeln' abgelegt ist. Selbst wenn im Physischen nur wenige Minuten vergangen sind, kann der Betroffene Monate psychologischer Zeit in einer sehr entspannenden geistigen Welt verbracht haben.

Wenn nun ein angenommenes ideales persönliches Selbst zwischen der Zurückgezogenheit in Kontemplation und dem 'im Trubel sein' immer wieder wechselt, sollte es dennoch nicht das politische Weltgeschehen verfolgen. Roberts warnt:

"In einer bestimmten Weise befindet sich die Menschheit an diesem Punkt an einem Übergang. Es ist eine Zeit und eine Wahrscheinlichkeit, in der jede mögliche Hilfe erforderlich ist, und eure Gaben, Fähigkeiten und Vorurteile bereiten euch einzigartig auf das Schauspiel vor. Gleichzeitig möchte ich euch raten: Befasst euch nicht zu sehr mit dem Weltgeschehen, da die Konzentration auf eure eigene Natur und auf die physische Natur eurer Welt - wie auf die Jahreszeiten - euch erlaubt, eure eigenen Energien zu erfrischen, und euch frei macht, damit ihr von der Einsicht profitieren könnt, die so nötig ist." [Lit 183]

Dies gilt insbesondere für schwierige Zeiten.

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