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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens
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Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 6.7.3.: Von dem, was einer ist (Spirituelle versus verstandesmäßige Intelligenz / Spirituelle Intelligenz (SI))

Nach dem altrömischen Senator und Philosophen Boethius hat nur derjenige, der vernunftbasierte Urteilskraft besitzt, auch die Freiheit, zu wollen oder nicht zu wollen. Der größten Knechtschaft unterliege folglich derjenige, welcher sich "den Lastern hingibt", somit den Körper über den Geist dominieren lässt und hierüber Kontrolle und Vernunft verliert [Lit 76]. Der französische Theologe und Philosoph Arnauld stellt in seinem Werk 'Die Logik' treffend fest:

"Nichts ist höher zu schätzen als die Fähigkeit, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Andere Eigenschaften des Geistes sind von begrenztem Nutzen [...]" [Lit 73]

Der Charakter ist gewissermaßen die Summe der Tugenden einer Person - seine Disposition, Veranlagung und Grundhaltung. Ein hoch ausgebildeter Charakter ordnet ohne Nachdenken seine Handlungen dem kantischen kategorischen Imperativ unter:

"Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

Ein schwacher oder nicht existenter Charakter hindert den sich ungezügelt in alle Richtungen probierenden Willen nicht, seine selbstsüchtigen Ziele als allgemeingültig zu erklären und von anderem Seienden Unterordnung zu verlangen. So bezieht sich der französische Philosoph Helvetius vermutlich auf die spirituelle Informiertheit des Individuums, wenn er zum Verhältnis der Menschen untereinander sagt:

"Das Maß von Geist, das erforderlich ist, um uns zu gefallen, ist ein ziemlich genauer Gradmesser für das Maß von Geist, das wir besitzen."

Die Trennung zwischen Wahrheit und Irrtum ist nicht nur in den sich voran tastenden Wissenschaften schwierig, sondern auch in den alltäglichen Angelegenheiten der Menschen. Der Mensch wird überall mit Wahlmöglichkeiten konfrontiert, auf die er reagieren muss - entweder mittels

So werden nur auf Verstand basierende Entscheidungen ohne Abwägung eines möglichen Schadens für andere getroffen, die vernunftbasierten Entscheidungen dagegen berücksichtigen dies entsprechend dem Grad spiritueller Informiertheit.

Ein ausgebildeter, per se positiver Charakter mit hoher spiritueller Informiertheit erkennt schädigendes Tun als solches und lehnt dies seiner Natur gemäß ab. Ein schwach ausgebildeter Charakter aufgrund weitgehender spiritueller Uninformiertheit hat nur einen sehr begrenzten moralischen Maßstab für sein Handeln, kann somit nur durch gesellschaftliche Normen, Regeln und Zwänge zu einer andere nicht schädigenden Lebensführung veranlasst werden.

Denn ohne gesellschaftliche Sanktionen auf übergriffiges Verhalten würde er sich seinem Willen gemäß ausleben, der jedoch für sich keine Erkenntnisfähigkeit besitzt. Religiöse Leitplanken unterstützen manchen Menschen bei seiner Entscheidungsfindung - jedoch nicht immer zum Guten. Weil sich nach Schopenhauer fünf Sechstel der Menschen spirituell uniformiert gebärden, ist auch nach dem britischen Sozialwissenschaftler Hobbes der natürliche Zustand des Menschen einer des Krieges und des Streites, sofern nicht auf ihn eingewirkt und er von den Regeln gesellschaftlichen Lebens geführt würde.

Man sollte sich also davor hüten,

als Ausdruck eines ausgebildeten Charakters zu werten.

Spirituelle Intelligenz (SI) und somit ein starker Charakter zeigt sich also nicht in den nachfolgenden, vom deutschen Psychoanalytiker Riemann [Lit 85] genannten Merkmalen, weil diese lediglich das Resultat des Umgangs von Bezugspersonen mit dem Kind widerspiegeln. Angst vor Schuld und Strafe - entstanden aus prinzipiellen und autoritären Verhaltensweisen hart strafender Eltern mit schwer zu erringender Verzeihung - zeigt sich in

  1. Überanpassung bis zur Gefügigkeit und Rückgradlosigkeit - es mangelt an gesunder Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle;
  2. Unkritisches Festhalten an Normen, daraus resultierend Korrektheit und Verlässlichkeit sowie ein Mangel an Spontaneität und Originalität - es mangelt an kritischer Auseinandersetzungen mit Autorität;
  3. Mutlosigkeit, Ausweichen vor selbstverantwortlichen Entscheidungen, Verhalten wie das eines Kindes, Angepasstheit, Zwanghaftigkeit - es mangelt an gesunder Urteils- und Entscheidungskraft;
  4. Lampenfieber, Prüfungsangst, überhaupt Angst, sich mit anderen messen zu müssen und vor Blamage, Versagen - es mangelt an kritischer Auseinandersetzungen mit Forderungen;
  5. Minderwertigkeitsgefühle als Folge des Sich-nicht-angenommen-Fühlens, Angst vor Hingabe oder erobernden Werben - es mangelt an gesundem Selbstbewusstsein;
  6. Zukunftsangst, beziehen verbindlicher klarer Standpunkte, Ausweichen in eine alles relativierende Unverbindlichkeit und Scheinfreiheit - es mangelt an Vertrauen in sich selbst. [Lit 85]

Man neigt dazu, derartige Verhaltensweisen dem Charakter zuzuschreiben. Doch müssen wir uns an Schopenhauer halten und diesen Begriff ausschließlich für positive Eigenschaften verwenden. Negative Eigenschaften gibt es im Grunde nicht, es handelt sich dabei um spirituelle Uninformiertheit - also um etwas, was nicht da ist.

Aus Ängsten resultierende Verhaltensweisen dürfen zudem dem Charakter nicht zugeordnet werden, weil dies erlernte Verhaltensweisen sind, die wie das erlernte Wissen oder eine Spinnenphobie keine Charaktereigenschaft, sondern das Ergebnis von Lernerfahrungen sind. Die Spinnenphobie wurde vom Kleinkind einer Bezugsperson abgeschaut oder ist ein von ihr übernommener, nicht reflektierter Glaubenssatz - es gibt ansonsten keine Gründe für ängstliches Verhalten gegenüber Spinnen.

Auch unterliegt das Verhalten in der Alterung einem Wandel, und zwar unabhängig vom Charakter. Denn das jeweilige altersgemäße Verhalten basiert auf Entwicklungsprozesse - in der Jugend besteht beispielsweise eine Sehnsucht nach neuen Kontakten, im Alter dagegen eine Sehnsucht nach Ruhe und Zurückgezogenheit, wie es schon Schopenhauer beschrieb. Diese Verhaltensweisen basieren nicht auf Charaktermerkmalen.

Denn wenn wir jung sind, brauchen wir die anderen, um uns in ihnen zu erkennen, zu reflektieren. Ihre Anerkennung ist der Beweis, das wir in der Gesellschaft eine Chance haben. Wohl dem, der schon in dieser Phase mit Freude die Selbstreflexion übt, denn er wird sich später in der Reflexion seiner eigenen Gedanken selbst erkennen. Und bedarf dann der anderen nicht mehr, ist sich selbst in allem genug [Schopenhauer].

Der Fokus der Aufmerksamkeit verschiebt sich mit den Jahren von der äußeren physischen Welt der Erscheinungen hin zur inneren geistigen Welt. Man wird, wenn man erst einmal das Berufsleben hinter sich gelassen hat, empfänglicher für Daten der inneren Sinne. Diese Öffnung nach innen ist überaus positiv. Je geübter und vertrauter das Wachbewusstsein im Umgang mit geistigen Realitäten ist, desto spirituell informierter ist es. Je spirituell informierter es ist, desto näher ist es an dem Punkt, an dem weitere Lebenszyklen nicht mehr notwendig sind. Wenn es also gelernt hat, sein jeweilig dominierendes Ego zu kontrollieren und seinen Verstand wie ein Werkzeug nur noch punktuell zu benutzen, dann kann es auch mit geistigen Realitätssystemen umgehen.

Doch dies ist ein Entwicklungsprozess, der wohl eher über zahlreiche Lebenszyklen hinweg verläuft. Schon in den jungen Jahren eines Menschen kann man erkennen, wer wohin tendiert. Denn ein jeder gebärdet sich von klein auf entsprechend seiner auch auf Anlagen und Erfahrungen früherer Lebenszyklen basierenden Glaubenssätze und Bestrebungen.

Den Habitus1 fremder Menschen können wir über das Einfühlungsvermögen und den unbewussten Abgleich mit Erfahrungswerten ganz gut einschätzen. Man erkennt über die inneren Sinne in Bruchteilen von Sekunden, ob jemand mutlos oder mutig, offen oder verschlossen, vom Leben gebeutelt oder energisch sich durchsetzend, schüchtern oder forsch, intro- oder extrovertiert u.s.w. ist. Weil wir Fremde, über die uns noch nichts gesagt wurde, nur aus dem vorliegenden Kontext heraus und daher relativ unbefangen ansehen, ist dieses erste, noch nicht durch Erwartungen verzerrte Urteil so treffsicher.

Umgekehrt sind wir kaum in der Lage, einen alten Freund objektiv zu sehen und einzuschätzen, weil wir mit der Zeit gelernt haben, ihn unter Einbeziehung unserer Hoffnungen, Erwartungen und bisheriger subjektiver Erfahrungen zu betrachten. Damit werden wir dem uns so vertrauten Anderen oft nicht gerecht, zumal uns folglich auch der mit der Zeit einhergehende Wandel seines Habitus verborgen bleiben wird.

Ähnlich verhält es sich mit sich kontinuierlich weiterentwickelnden Kindern. Die Erwartungen und Ansprüche der Eltern sind einmal festgelegt und dann in der Regel einbetoniert. Eltern versehen ihre Kinder nicht selten mit starren Hoffnungen, Erwartungen und subjektiven Werturteilen.

Weiterhin ist es nicht so, dass die physische Erscheinung des Körpers das Bewusstsein prägt. Andersherum ist es der Fall. Viele nehmen dies jedoch an und versuchen, durch Schönheitsoperationen und andere Manipulationen ihre äußere Erscheinung dem überschätzten persönlichen Selbst anzupassen. Als ob ihre äußere Physiognomie2 nicht das intimste Resultat und die intimste Schöpfung ihres Seins wäre. Roberts schreibt erklärend:

"Die Vitalität gibt sich selbst Gestalt und Form. Die Form drängt sich nicht der Vitalität auf. Daher ist es auch nicht seltsam, die Möglichkeit einer Veränderung der Form aufgrund des Willens in Betracht zu ziehen, und das genau ist es, was im Universum grundsätzlich geschieht." [Lit 210]

Würden die Menschen doch nur erkennen, dass wahre Schönheit von innen kommt und relativ zum Auge des Betrachters und des Zeitgeistes ist. Man kann nicht allen Menschen mit ihren oft verzerrten Wertmaßstäben gefallen. Wer versucht, sich äußerlich aufzupeppen, drückt damit nur seine Angst vor dem Werturteil anderer Menschen aus.

Das Energiemuster des Bewusstseins prägt also mit seinem sich kontinuierlich verändernden Zustand für jede Planck-Zeit (Fn. S.34) den Ausdruck seiner physisch nach außen projizierten Körper-Erscheinung. Ein jedes Leben spiegelt sich in der Physiognomie des jeweiligen Körpers in dergestalt wieder, wie es von dessen persönlichen Selbst empfunden und bewertet wird. Ein gebeugter Gang oder ein aufrechter, ein verkniffenes Gesicht oder ein freundliches, ein starrer forcierender Blick oder ein leichtes Umschauen. Nicht umsonst lehrt uns ein Sprichwort, dass man ab dem vierzigsten Lebensjahr das Gesicht hat, das man sich selbst gab und somit verdient.

Doch auch alle Erfahrungen unseres Lebens einschließlich der Fixpunkte auf unserem Lebensfaden sind selbst gewählt. Zum Teil bereits, bevor der Lebenszyklus begann. Aber auch im Leben stehend akzeptieren und verwerfen wir unablässig Ereignisse, gehen an zahllosen potentiellen Toden als Ausstiegsmöglichkeit vorbei. Wir bewerten zudem die uns widerfahrenden Dinge entsprechend unseres Temperaments und unserer Einstellungen, so dass sich ein jedes Ereignis mit verschiedenen Augen betrachtet anders ausnehmen würde.

Nun kann man aber nicht sagen, dass in jedem schönen Körper ein kluger Kopf oder Kooperation und Mitgefühl (Fn. S. 25) mit allem Seienden zu erwarten wäre. Die äußere Attraktivität ist grundsätzlich völlig unabhängig von spiritueller Informiertheit und verstandesmäßiger Intelligenz. Zwar ist es eher so, dass es einem spirituell Informierten widerstrebt, Äußerlichkeiten hervorzuheben und sich einem Schönheitswahn zu unterwerfen. So kommt der spirituell Gescheite eher in Sack und Asche als aufgedonnert daher. Dennoch: Allein von jedweden Äußerlichkeiten auf innere Werte zu schließen ist ein Indiz für mentale Verengungen.

Wenn wir also Menschen sehen, die stottern oder unvorteilhaft oder linkisch daherkommen, dann spricht dies - angelehnt an Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit - erst einmal für sie. Der sich darin ausdrückende Respekt vor anderen Menschen könnte zwar auch durch negative Kindheitserfahrungen erlernt sein, ist jedoch ansonsten Ausdruck hoher spiritueller Intelligenz und damit eines starken Charakters. Ein solcher passt sich an die auf Äußerlichkeiten fixierte Masse nur insoweit an, als er relativ unbehelligt, also ohne allzu negativ aufzufallen, in ihr existieren kann. Er durchschaut die Hohlheit des Redens um das schönste Make-up, das schönste Kleid, den schönsten Urlaub, das schönste Auto, das schönste Haus, die schönste Yacht, das schönste Grab. So mag sein Haus verstaubt, das Auto schmutzig und er selbst in einfacher Kleidung stecken - seine inneren Werte heben ihn über viele seiner Mitmenschen hinaus. Soweit Schopenhauer. [Lit 105]

Nun lassen diese Ausführungen den Verdacht aufkommen, dass der Verfasser dieser Abhandlung nur sein eigenes Gebaren schönredet. Um dieser Annahme zu begegnen, zitiere ich im folgenden Platon, weil er diese Zusammenhänge im Rahmen seines Höhlengleichnisses [Der Staat, 7. Buch] ähnlich ausdrückt:

"Wohlan denn, fuhr ich fort, teile auch noch folgende Ansicht mit mir und finde es gar nicht auffallend, dass die, welche zu jener Erkenntnis gelangt sind, gar keine Lust haben, sich mit dem Händeln der Menschen abzugeben, sondern dass sie immer zum Verweilen im Überirdischen sich gezogen fühlen [...] Und kann man denn es ferner auffallend finden, dass jemand, von den göttlichen Anschauungen in die Welt der menschlichen Trübsale versetzt, sich ungeschickt stellt und gar albern scheint, wenn er noch während seines blöden Blickes und ohne hinreichende Gewöhnung an die nunmehrige Finsternis in die Notwendigkeit kommt, in Gerichtshöfen oder anderswo über die Schatten der Gerechtigkeit oder über die Gebilde, wovon die Schatten kommen, zu streiten und darüber zu wetteifern, wie sie von den Menschenkindern aufgefasst werden, von ihnen, die die Gerechtigkeit niemals geschaut haben?" [Lit 33]

Soweit Platon. Derjenige, welcher aus einer der angenehmeren Ebenen der geistigen Zwischenschicht II in einen Lebenszyklus eintritt, wird schädigendes Gebaren gegen Seiendes unerträglich finden; derjenige dagegen, welcher der Negativität ihrer unteren Ebenen entkommen ist, hat keinen diesbezüglichen Maßstab, ist eher selbstbezogen mit seinem Wohl beschäftigt. Für jemanden, der gewissermaßen aus der 'Hölle' kommt, ist dieses Lebenssystem ein wunderschöner Spielplatz, wogegen es demjenigen, welcher dem 'Paradies' entstiegen ist, nach Schopenhauer, Platon und C.G. Jung hart, einengend und grob gestrickt anmutet.

Ersterer wird sich hierin ohne Schwierigkeiten zurechtfinden und seinen Vorteil hierin zu ziehen suchen, wogegen letzterer - an wertschätzenden Umgang gewöhnt - naiv und zu nett für dieses Lebenssystem durch dasselbe geht. Hier kommt der Charakter zum tragen, welcher hier gut ausgebildet ist und dort nicht vorhanden. Der spirituell Informierte umfasst alles Seiende, wogegen der Uninformierte nur das wahrnimmt, was seine Sinne ihm gerade präsentieren und was einen Bezug zu ihm selbst hat - alles andere interessiert ihn nicht. Wir alle sind in diese Klötzchenwelt, wie C.G. Jung sie nannte, hineingeboren, doch manche sehen mehr als andere.

Von allen Menschen, die uns zum ersten Mal begegnen und von denen wir noch nichts gehört haben, sind wir zunächst einmal fasziniert. Wir sehen in Ihnen, was sie sein könnten, nicht, was sie tatsächlich sind. Doch dann reden sie, und wenn sie erzählen, wird fast immer ein Kleingeist sichtbar, der selbstbezogenes Wollen und kleinliche Sorgen offenbart. Und so sind wir nach der kurzen Phase übertriebener Anziehung von der Verengtheit ihres Denkens abgestoßen. Vielen Menschen fehlt jedes Wohlwollen für andere, ganz zu Schweigen für alles Seiende und dessen Werterfüllung (Sh. Erg.Bd.9).

Doch egal, wo wir spirituell stehen: Menschen zu finden, die einem ähnlich sind, ist schwer, und sie zu halten fast unmöglich. Manches Mal gelingt es ein- bis zweimal im Leben für einige Zeit. Und für diese ein bis zwei Menschen spielen wir dieses Spiel von Anziehung und Ablehnung, diese Suche nach der verwandten Seele, um uns in ihr zu spiegeln und hierüber die Welt zu verstehen oder wenigstens leichter zu akzeptieren, so wie sie ist, mit all ihren Fehlern. Haben wir unser Alter Ego gefunden und ist es ein gegengeschlechtliches Pendant, dann vergehen wir vor Respekt und Ehrfurcht, aus Angst, dieses Juwel durch plumpe Annäherung abzustoßen und somit letztlich durch eigenes Zutun wieder zu verlieren.

Ähnlich verhält es sich mit Freunden. Die Chance zu finden ist umso mehr reduziert, je einsamer wir sind. Wir sind "allein schwebend im dunklen Raum, gehalten von nichts als unseren gegenseitigen Versicherungen, unseren liebenden Lügen", wie Updike so treffend sagt.

Des Spiels mit zunehmenden Jahresringen müde geworden, entwickeln wir eine Meisterschaft im Vermeiden von Kontakten, im Weglaufen mit dem Ziel, Frieden zu finden und allen Wirrungen der Gefühle zu entsagen. Hinzu kommt, dass wir erfahrener geworden, nicht mehr nur die schöne Hülle sehen, sondern den dahinter steckenden Menschen erkennen; wohl auch, wie er heute ist, aber noch wichtiger, wie er sein wird. Aus diesem Zusammenhang resultiert wohl Schopenhauers Erkenntnis, dass ein jeder - wie immer er auch geistig beschaffen sein mag - sich im Alter zurückzieht, auf seine engste Umgebung reduziert, und damit auch die kontaktfreudigste Zeit vorüber geht, wenn wir selbst vorüber gehen, uns dem Endpunkt dieses Wimpernschlags, das Leben heißt, nähern.

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