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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens - Im Alltag zurechtfinden
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Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 12.2.: Chancen der Religionsgemeinschaften (Religionen - Quo vadis?)

Alles Seiende ist an der Schöpfung jedes Augenblicks beteiligt. Alle Hilfe, ohnehin alles, wonach wir suchen können, ist in uns zu finden. Denn alles, was wir physisch projizieren, ist nur der sekundäre Ausdruck primärer geistiger Verhältnisse. Und auch das, was wir gemeinhin unter Gott verstehen, ist zwar in allen physischen wie geistigen Projektionen enthalten, aber dennoch in dem Seienden zu suchen. Kirchen sind folglich als Orte kollektiver Glaubensbezeugungen und innerer Einkehr völlig verzichtbar.

Dennoch liegen in diesen Erkenntnissen Chancen für diejenigen Religionsgemeinschaften, welche ihre Lehren anzupassen in der Lage sind. Seit jeher besteht beispielsweise die Bibel nach Wickland aus in vielen Zeitperioden zusammengetragenen, sowohl Widersprüche als auch Wahrheiten enthaltenen Dichtungen, Geschichtsberichten, sinnbildlichen Erzählungen und Philosophie, die den Zweck hatten, die Menschen durch die Furcht vor dem Teufel und der Androhung von Höllenstrafen im Zaum zu halten. Er schreibt ähnlich Roberts:

"Die Kirche lehrt manches als historische Tatsache, was nur als Sinnbild gemeint sein kann, und durch Glaubenssatz, Lehrmeinung und Bekenntnisformeln ist die wirkliche geistige Bedeutung vielfach verdunkelt worden." [Lit 84]

Roberts sieht die überlieferten Ereignisse kirchlicher Lehren ebenfalls nicht als historisch an. Sie hält diese für primär psychologische Erfahrungen, die zudem teilweise verfälscht überliefert sind [Lit 175]. Auch Schopenhauer stellte schon zu seiner Zeit fest, dass das Ansehen der großen Glaubenslehren mehr und mehr gesunken ist:

"Diese nämlich, als auf die große Masse des Menschengeschlechts berechnet und derselben angemessen, kann bloß allegorische Wahrheit enthalten, welche sie jedoch, als sensu proprio wahr, geltend zu machen hat. Dadurch nun aber wird bei immer weiterer Verbreitung jeder Art historischer, physikalischer und sogar philosophischer Kenntnisse die Anzahl der Menschen, denen sie nicht mehr genügen kann, immer größer, und diese wird mehr und mehr auf die Wahrheit sensu proprio drängen." [Lit 105]

Würden die Kirchen jedoch damit beginnen, die stets vorläufigen Erkenntnisse der Wissenschaften in ihre Lehren einzubeziehen, würde das die unselige Dualität des Wachbewusstseins zum inneren Selbst verfestigen. Denn die heutigen Wissenschaften sind mit Ausnahme der Quantenphysik weit davon entfernt, das Physische als Ausdruck innerer geistiger Vorgänge anzusehen. So sind die meisten heutigen Wissenschaftsbereiche selbst noch auf dem Holzweg, würden also nichts zu einer Vereinigung von äußeren und inneren Selbst beitragen können. Denn für Fakultäten gibt es bestenfalls einen 'externen' Gott. Ihn in sich zu suchen käme wohl kaum ein Wissenschaftler auf die Idee.

Es besteht also die Notwendigkeit zur Hinwendung zum Inneren Selbst. Doch werden die Religionsgemeinschaften diese Wendung nicht vornehmen, denn damit wären sie im Grunde obsolet. Doch nur, wenn diese beginnen

werden sie überleben und für die Menschen weiterhin einen Nutzen haben.

Unterlassen sie dies, werden sich die Menschen in ihrer Sinnsuche weiter von den Religionsgemeinschaften abwenden und möglicherweise obskuren Glaubensgruppierungen in die Falle gehen. Der Aberglaube könnte in vielen Facetten wieder auferstehen und damit das geistige Mittelalter, wodurch "ihre ganze Religion mit einstürzt in den Abgrund" [Lit 101].

Viele Widersprüche, über die in einem Zeitalter erbittert gestritten wird, lösen sich auf, wenn zusätzliche Informationen bekannt werden. Beispielsweise zieht sich durch Schopenhauers Schriften wie ein roter Faden die Erkenntnis, dass von frühester Kindheit an etwas in uns verharrt, das nicht mit altert und unserem Handeln die gleichmäßige Färbung gibt. Dieses außerhalb der reellen Zeit (Fn. S.34) stehende Beharrende ist der Geist der Wesenheit. Der buddhistische Mönch Nyanaponika, welcher die buddhistische Sicht der Welt lehrt [Lit 122], konstatiert jedoch andererseits völlig korrekt, dass es keinen beharrenden Geist gibt, dass nicht nur die physische Existenz einer kontinuierlichen Veränderung unterworfen ist, sondern auch der Geist, das Bewusstsein an sich:

"Das Geistige im Menschen kann in keiner seiner Äußerungen verstanden werden, ohne dass man weiß und sich auch dessen bewusst bleibt, dass es durch und durch dynamisch, d.h. wandelbar ist."

Natürlich gibt es im System der Psyche keinen Stillstand, Geist kann sich nicht nicht verändern. Und doch hat Schopenhauer recht, bezieht er doch seine Äußerungen auf die aussendende Wesenheit, welche außerhalb der reellen Zeit stehend kaum von den Veränderungen in einem Lebenszyklus beeinflusst wird. Schopenhauer hatte einen physischen Lebenszyklus im Fokus seiner Betrachtung, Nyanaponika den Geist an sich, welcher unablässig schöpferisch tätig ist, denn jeder Gedanke gebiert bereits eine Schöpfung.

In dieser Art und Weise lösen sich Widersprüche häufig auf - wenn dann endlich weiterreichende Informationen zu dem strittigen Sachverhalt vorliegen und akzeptiert sind. Desgleichen verhält es sich mit der aktuellen, in den USA erbittert geführten Diskussion, ob die physische Welt

Dem mit meiner Abhandlung vertrauten Leser wird die Auflösung dieses vermeintlichen Widerspruchs leicht fallen. Aber so verhält sich die Masse der Menschen: Anstatt stetig und ohne Unterlass nach Erkenntnis und Wahrheit zu streben, wird der eigene mehr oder minder verzerrte Informationsstand als etwas Feststehendes verteidigt. Diese Erstarrung ist zugleich das größte Problem der heutigen Religionen, das größte Indiz für deren Untauglichkeit als ideales Leitbild der Zukunft und führt deren Weltbilder beim genaueren Hinsehen ad absurdum.

Ist der jeweilige Gott überhaupt derjenige, wofür wir ihn halten? Ist er der Inbegriff von Positivität und höchster spiritueller Informiertheit (vgl. S. 134)? Wird denn überhaupt die 'richtige' geistige Institution angebetet? Was ist mit einem Gott, der straft und wütet? Ein Beispiel der Bibel ist die Botschaft, vorgeblich eines Gottes, welcher dem Jesaja im 6. Kapitel seines Buches im Alten Testament über innere Sinne vermittelt, dass Israel und Juda dem Untergang geweiht seien, weil diese sich nicht belehren lassen, in seinem Sinne zu handeln.

Abgesehen davon, dass dieser Gott zu jeder Zeit aus demselben Motiv heraus Länder reihenweise untergehen lassen könnte, impliziert diese Darstellung eines nachtragenden und strafenden, nicht die Werterfüllung (Sh. Erg.Bd.9) alles Seienden fördernden Gottes sicher nicht den Höhepunkt spiritueller Intelligenz. Derartiges Gebaren erinnert an Intoleranz und Engstirnigkeit, wenngleich dieser 'Gott' wie jeder Fanatiker, vorgibt, hehre Ziele vor Augen zu haben.

Dass er zudem mit in der heutigen Zeit albern anmutenden Machtsymbolen beschrieben wird, wie beispielsweise einem Thron und ihm dienenden Engeln, passt zu der Unvollkommenheit seiner irdischen Anhänger, welche diese 'göttliche' Idee erst kollektiv projizieren. So erschaffen Glaubensgruppierungen mittels ihrer kollektiven Bewusstseinsenergien eine teilbewusste geistige Identität auf die gleiche Weise, wie uns selbstgestrickte Dämonen oder Heiligenfiguren erscheinen, wenn wir nur fest genug an sie glauben. Allerdings lösen sich diese allesamt auf, wenn der Glaube bröckelt. Sie sind Phantasiegeburten mit begrenzten Fähigkeiten, die von ihren Erzeugern abhängen.

Der religiöse Glaube, verinnerlichte Glaubenssätze und das Streben des Empfängers einer Eingebung vom Geist seiner Wesenheit verzerren oft diese Botschaft bis zur Unkenntlichkeit. Wickland stimmt Roberts zu, wenn er sagt, dass 'Gottes Sohn' in dem Sinne Gott selbst sei1, in dem Gott respektive die aussendende Wesenheit oder das Welten schöpfende All-das-was-ist in allem Seienden ist. Es gibt nichts außerhalb der Schöpfer.

Auch Ingrisch stimmt Roberts zu, wenn sie sagt, dass sowohl Christen als auch Juden das geschriebene Wort unerhört überschätzen:

"[...] das sind Wörter, die jenseits einer gewissen Grenze keinen Sinn mehr ergeben" [Lit 133].

Denn auch nach Roberts sind die bildhaften Überlieferungen der Religionen als Analogien zu verstehen. Die Menschen würden diese jedoch oft wörtlich auslegen. Einfach gesagt gibt es in den Wesenheiten zahlreiche in Lebenszyklen aussendende Götter sehr unterschiedlicher spiritueller Informiertheit. Um diese zu steigern seien wir hier. Nie würde jedoch einer Wesenheit oder ihren Aussendungen eine Erfahrung aufgezwungen - sie alle erleben nur dasjenige, das sie akzeptieren. Und da alle Aussendungen einer Wesenheit Aspekte ihrer Eigenschaften spiegeln und mental eng miteinander verbunden seien, kommen Erkenntnisse wie auch Hilfen allen zugute.

Es habe nach Roberts nicht jede Wesenheit den gleichen spirituellen Erkenntnisstand, wenn sie ihre Erfahrungen in unserer Sphäre (Sh. Ahg. 1) beendet und sich anders gearteten, stets nicht physischen Sphären zuwende. Manche sind hiernach spirituell informierter als andere. Ebenso wie manche mit einem Dreier- und manche mit einem Einser-Abitur abschließen.

Das Konstrukt des physisch projizierten Lebenssystems mit Lernerfolgen auf Basis kausal verbundener Abfolgen ist schon eine Besonderheit. In All-das-was-ist haben wir den höchsten, noch mit uns befassten Geist und Schöpfer unserer Welt. Auf seiner Ebene steht er jedoch nicht alleine, und über ihm gibt es weitere Schichten sich selbst bewusster Energien. Und so könnte man, wenn man wollte, auf der Suche nach 'Gott' ad infinitum2 weitergehen.

Die von Menschen verehrten Götter sind also Projektionen seiner Erwartungen. Würde man erkennen, dass man niemals außerhalb seiner Schöpfer war, sondern immer und überall in ihnen geborgen ist, dann würde man aufhören, sie als getrennt von sich zu denken und sich stattdessen Eins mit seinen Schöpfern fühlen. Die Dualität wäre aufgehoben. Die derzeit verbreitete Anbetung setzt jedoch die Trennung, eine Dualität zwischen Schöpfer und persönlichen Selbst voraus - und diese ist stets eine künstliche. Trennende Annahmen werden oftmals aus Angst vor dem sogenannten 'Unbewussten' angenommen. So entstanden unter anderem die Götter der alten Römer, der alten Griechen und diejenigen kleinerer indigener Stämme.

In der Geschichte der Philosophie gab es unzählige Interpretationsversuche, die jedoch ebenfalls mehr oder weniger an dem, was ist, vorbeigehen. So wurde angenommen, dass ein Gott höchster Weisheit und Güte, gleichsam der alte Mann mit Bart, dieses physische Lebenssystem so vorgesehen habe, um den anderes Seiende schädigenden Willen zu brechen, welcher sich von höheren Schichten des Göttlichen hierhin zurückgezogen habe.

Diese Annahme steht entgegen derjenigen der Gnostiker3, die bereits in den ersten vier Jahrhunderten des Christentums davon überzeugt waren, dass die sinnliche Welt von einer niederen Gottheit namens 'Jaldabaoth', dem rebellischen Sohn der himmlischen Weisheit 'Sophia' erschaffen worden wäre. Lange Zeit hätte die höchste Gottheit Jaldabaoth freie Hand gelassen, schließlich sandte dieser höchste Gott seinen Sohn, der zeitweilig die Gestalt des Menschen Jesus annehmen und die Welt von der falschen Lehre Moses befreien sollte. Diese Lehre wurde gewöhnlich mit der platonischen Philosophie verbunden, und selbst Plotin fand es schwierig, sie zu widerlegen. [Lit 100, Zweites Buch, I. Teil, 2. Kap.]

Der Begriff Gnostizismus bezeichnet verbreitete religiöse Lehren des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr.. Für das Christentum bedeutete diese Glaubensrichtung die Gefahr einer Abkehr von dessen alttestamentlich-jüdischen Wurzeln mit ihrer grundsätzlich positiven Sicht auf Materie und Leib, hin zu einer esoterischen und elitären Innerlichkeit. Im neutestamentlichen Kolosser-Brief richtet sich der Verfasser Apostel Paulus an die Christen und nimmt Bezug auf die von ihm vermuteten Irrtümer der gnostischen Lehre. Die Gnostiker wurden dann um 500 n. Chr. aus der Kirche verbannt. Damit verschwand auch das Reinkarnations- und Karmawissen des ursprünglichen Christentums - es wurde aus der christlichen Lehre entfernt.

Recht hatten die Gnostiker mit ihren Annahme zu Wiedergeburten und damit, dass das Problem bei dem individuellen Menschen liege, der sich der Göttlichkeit, die Bestandteil alles Seienden ist, nicht bewusst sei. Er sei vielmehr zu sehr in der materiellen Welt verhaftet. Die Gnostiker teilten die Menschheit in zwei oder drei Klassen ein:

Unschwer erkennt man die alte philosophische Fragestellung, ob es nur Weise und Toren gäbe, oder ob diejenigen, die sich zur Tugend hin entwickeln, noch auf die Seite der Toren oder schon auf die Seite der Weisen zu rechnen seien. Sofern Gnostiker eine höhere Art von Christentum zu vertreten beanspruchten, waren sie dem sich herausbildenden christlichen Ideal der Einheit der Ortsgemeinde abträglich. So wurde der Gnostizismus dem damaligen Mainstream der christlichen Lehre geopfert. Diese wurde nebenbei von dem Ballast an Wahrheiten und spirituellen Erkenntnissen befreit, welche der ungebildeten Vielzahl damaliger Anhänger nur schwer zu vermitteln waren. Heute - 1500 Jahre später - erkenne ich im Gnostizismus einige bedeutende, dem Christentum heute schmerzlich fehlende spirituelle Erkenntnisse.

Was wäre denn nun ein gleichsam optimiertes religiöses Leben -  die ideale Religiosität? Es respektiert alles Seiende gleich welcher Lebensform einschließlich der nur scheinbar unbelebten Natur. Es fördert im primären Erfahrungsumfeld die Werterfüllung alles Seienden und respektiert andere Weltanschauungen und vermeintliche Irrtümer in den Menschen. Ideale Religiosität wäre vollkommen gewaltfrei - weder Mensch noch Tier würde mutwillig verletzt oder gar getötet. Denn in unserer heutigen Zeit kann erstmals auf Fleisch in der Ernährung problemlos verzichtet werden, weil es alternative Lebensmittel in Hülle und Fülle gibt.

Ein optimiertes religiöses Leben würde natürliche Aggressionen ohne Gewaltausübung zulassen in dem Wissen, dass hierdurch viele Konflikte im Vornherein aufgelöst würden. Es würde keine Dogmen anerkennen und Gott respektive sein Äquivalent in sich suchen.

Dieser idealen Religiosität wäre ein nie endendes Streben nach Wahrheit und spiritueller Informiertheit inhärent. Dies beinhaltet die besonnene Kontrolle des Egos mit seinen Willen durch das nach außen gerichtete Wachbewusstsein. Ein untertäniges Beharren dagegen - auch auf religiösen Glauben - ist dagegen nachteilig, weil es einfach Stillstand bedeutet. Vertane Lebenszeit.

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