2 Besucher aktiv
von 1.357.211
seit 1999
Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens - Im Alltag zurechtfinden
(Link zum Verlags-Shop)
Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



Ein Kapitel zurück | Inhaltsverzeichnis | Zum nächsten Kapitel

Kapitel 11.: Schopenhauers philosophisches System

Schopenhauers Lebenswerk, sein philosophisches System, ist - das physische Universum betreffend - in sich schlüssig und abgeschlossen. Es umfasst die physische Welt der Erscheinungen in ihrer Gesamtheit und sieht die rein geistige Gedankenenergie des Willens oder präziser des Egos als Antrieb für alles Handeln. Auf diesen Willen baute er sein philosophisches System auf. Er setzte ihn als gegeben voraus, d.h. ohne weitergehende Untersuchung seines Ursprungs oder Zwecks.

Dies ist jedoch eine offene Wunde, ein nicht geschlossenes Fenster, an dem in den etwa einhundertsechzig Jahren seit seinen Tod 1860 immer wieder Kritik ansetzt: Schopenhauer lieferte nicht die metaphysische Erklärung, den Schlüssel zu den Voraussetzungen eines Charakters und damit zum dem 'Ding an sich', diesem zum einen den Willen färbenden Einfluss und zum anderen dem die physische Welt der Erscheinungen bedingenden Faktor. Dieser Mangel an Informationen mündete in der radikalen Konsequenz seiner pessimistischen Grundansicht.

Walter Abendroths Monographie über Schopenhauers Gesamtwerk thematisiert diese Problematik mit der treffenden Bemerkung, dass "Schopenhauers radikale Konsequenz, [...] die Erklärung des gesamten physischen Universums zu einer einzigen, nur der verächtlichen Verneinung würdigen universalen Sinnlosigkeit, etwas Absurdes hat".

Und das ist in der Tat der wunde Punkt in Schopenhauers Gesamtwerk. Die pessimistische Weltsicht wäre auch für ihn nicht haltbar gewesen, hätte er spirituelle Einsichten in das allem zugrunde liegende metaphysische System gewonnen. Er blickte jedoch in die physische Welt hinaus, erkannte das kleinliche und selbstbezogene Agieren vieler Menschen und suchte hiervon ausgehend nach Erklärungen. Und kam so auf den mehr oder minder kontrollierten Willen der jeweiligen Egos als treibende Kraft.

Hätte er erkannt, dass physisches Sein nur die Schule des umfassenderen persönlichen Selbst ist und das Ziel darin besteht, das kollektive Zusammenwirken alles Seienden - von der nur scheinbar unbelebten Natur über das kleinste Insekt bis zum größten Säugetier - zu erkennen und zu respektieren, infolge die Werterfüllung (Sh. Erg.Bd.9) alles Seienden im jeweiligen direkten Umfeld zu fördern, dann hätte er seine Aussagen zur negativen Weltsicht relativiert. Er schrieb aber aus dem Blickwinkel eines wahrheitsliebenden Menschen, der 'auf den Deckel' bekommen hatte, der selbst Druck und Repressalien ausgesetzt war, typischerweise auch innerhalb seiner Familie.

So ist diese und ähnliche Kritik berechtigt, das Loch in der Wand, das offene Fenster ist da. Sein philosophisches System kann nun nicht mehr als geschlossen bezeichnet werden. Schopenhauer erahnte möglicherweise dieses 'Defizit', wie Wilhelm Gwinner, sein erster Autobiograph, es ausdrückte, doch wollte er darüber keine Überlegungen anstellen. Vermutlich erkannte er, dass er mit den ihm zur Verfügung stehenden äußeren Informationen - selbst mit Platons Erkenntnissen und den ihm ebenfalls vertrauten buddhistischen Lehren - kein schlüssiges Gesamtbild würde aufbauen können.

Zwar nutzte er seine inneren Sinne intensiv im schöpferischen Erschaffen seiner Werke, doch wusste er nicht, dass hierüber sämtliche Informationen zu einem Betrachtungsgegenstand erreichbar sind und er diese bei entsprechender Fokussierung über innere Sinne hätte abrufen können. Er bräuchte hierzu weder ein Buch in die Hand zu nehmen noch das Haus zu verlassen. Er müsste nur intensiv entsprechende Fragestellungen reflektieren - und die Antworten wären gekommen.

Hätte er den metaphysischen Hintergrund jedoch ungenau und anfechtbar ausgeleuchtet, wäre damit sein philosophisches Gesamtwerk infrage gestellt worden. So stellte er hierzu klar: "Wie tief nun aber hier ihre Wurzeln gehen, gehört zu den Fragen, deren Beantwortung ich nicht unternehme."

So erkannte er zwar den "Fehler" der Dualität des Geistes, ging aber nicht weiter. Er hätte irgendwann erkennen können, dass diese Dualität nicht wirklich existiert, dass sie nur ein künstlich geschaffener Filter von denjenigen Menschen ist, die Glaubenssätze über das Bestehen einer Dualität verinnerlicht haben. So gibt es im Grunde keine Trennung des von ihm benannten 'Ding an sich' von der physischen Welt der Erscheinungen.

Es sind Publikationen der letzten neunzig Jahre, welche die fehlenden Informationen liefern und seine Annahmen zu einem abgeschlossenen philosophischen System ergänzen. Sie weisen eine akzeptable Schlüssigkeit auf und schließen das offene Fensters seiner Philosophie. Das Gesamtsystem stellt sich hiernach - verkürzt betrachtet - so dar:

In der Gesamt-Psyche gibt es zahllose Ebenen unterschiedlicher spiritueller Erkenntnis. Sie unterscheiden sich im Pulsationsbereich ihrer Energien. Deren Schwingungsfrequenz ist um so höher und die Energie damit umso stärker, je ausgeweiteter der darin befindliche Geist ist. Damit einher geht eine zunehmende spirituelle Informiertheit ihrer Individuen. Individualität empfindet jedoch alles Seiende aller Ebenen, diese geht niemals verloren, gleichgültig, wie viele Übergänge in andere Schichten vorgenommen werden.

Es gibt nicht nur die völlige Freiheit der Gedankenenergien, sich schöpferisch in alle Richtungen zu erproben und unabhängig vom Erzeuger weiterzuentwickeln, sondern auch eine Notwendigkeit hierzu als eines der wenigen wahren Gesetze, die es im System der Psyche gibt. Denn selbst 'Naturgesetze' sind im Grunde nur variable Grundannahmen, die wir fälschlich als Gesetze interpretieren, weil sie uns so stabil und zuverlässig erscheinen.

Diese vollumfängliche Freiheit des Geistes beinhaltet also auch, dass sich anderes Seiende schädigende Gedanken und Bestrebungen ungehindert entwickeln. Zwar verengt und benachteiligt dieses Denken seinen Schöpfer, doch hat dieser die Freiheit, es solange in seinen individuellen physischen Projektionen auszuleben, bis er selbst zu der Erkenntnis gekommen ist, auf dem Holzweg zu sein.

Egoismus und seine schlimmsten Auswüchse sind daher notwendiger Bestandteil physisch projizierter Welten. Es wäre in diesen Schulen des Lebens nichts zu lernen, würden Fehler - auch die schlimmsten - nicht gelebt werden. Wer jedoch nachteilige Eigenschaften durch spirituelle Verengungen nicht hat, wird auch von den Folgen entsprechenden Agierens Anderer in seinem primären Erfahrungsbereich nicht betroffen sein. Ebenso wie niemand, der vom Herzen den Frieden liebt, einen Krieg in seinem direkten primären Erfahrungsraum erleben wird.

Man mag dann in unserer Zeit über die weltumspannenden Medien die nicht akzeptierte Negativität durchaus aus den Augenwinkeln verfolgen können. Jedoch immer nur als sekundäre Erfahrung. In der primären wird sie nicht erscheinen. So basiert das Gejammer über die Schlechtigkeit der Welt auf einer Fehleinschätzung, die jedoch dazu führt, dass man Negativität über sekundäre Quellen intensiv fokussiert - und damit erst mit Energie versorgt und in seinen eigenen, primären Lebensraum hineinzieht.

Es hatte sich mit der künstlich erzeugten Dualität des Geistes ein trennender Egoismus herausgebildet, der Gefallen an sich fand. Diese Trennung des äußeren vom inneren Selbst führte in den letzten knapp zweihundert Jahren zu bemerkenswerten technologischen Fortschritten. Aber sie brachte auch das Kollektiv der Menschheit dieser Wahrscheinlichkeitslinie unserer Sphäre (Sh. Ahg. 1) in eine gefährliche Sackgasse. Mit diesem Egoismus, dessen Auswüchse wir in Überwachungen, Kriegen und Unterdrückungen sehen, haben wir keine Zukunft. Erst wenn alles Seiende respektiert und nach Kräften in deren persönlichen Erfahrungsbereichen gefördert wird, kann das Blatt sich wenden.

In der physischen Welt der Erscheinungen, in den unzähligen individuellen physischen Projektionen ihrer Beteiligten, ficht der Mensch Konflikte aus, die Ausdruck innerer, also geistiger Konflikte sind. Das Physische ist nur Ausdrucksmittel des Geistes in gleicher Weise, wie jeder physische Körper nur ein intimes Ausdrucksmittel des persönlichen Selbst ist. Schwer greifbare, ungelöste geistige Konflikte werden physisch ausgelebt und darüber einer Lösung zugeführt. Durch die eigene Erfahrung von Unterdrückung, Schmerz und Leid entfernt sich so manches Individuum früher oder später beispielsweise von seiner primitiven Lust auf Rache und öffnet sich einem umfassenden Verzeihen.

Die physische Welt der Erscheinungen ist ein Lernprogramm. Nur in dieser abgeschotteten Arbeitsumgebung können Aussendungen der an der Sphäre beteiligten Wesenheiten durch Versuch und Irrtum und durch Erfahrung der Folgen eigenen Strebens, Denkens und Handelns zu spirituellen Erkenntnissen kommen, die durch Erfahrungen in geistigen Welten nicht erlangt werden können. Sie erreichen hierüber eine Geisteshaltung, die frei von Selbstsucht ist.

Je nach spirituellem Informationsstand der aussendenden Wesenheit und ihrer Fähigkeit zur Informationsverarbeitung reichen dem einen zwei Lebenszyklen, um seine Erfahrungen abzuschließen, während ein anderer immer mehr Gefallen am irdischen Treiben findet, immer wieder mitspielen will und infolge vieler Lebenszyklen bedarf, um sich von seinen mentalen Verstrickungen und Anhaftungen zu lösen. Dies ist kein schneller Prozess, denn er erfordert das Erzielen spiritueller Einsichten.

Die tief Verstrickten bedürfen also zahlreicher Lebenszyklen, um zu Erkennen, dass es Gut und Böse als eigenständige Kräfte nicht gibt, sondern nur mehr oder minder starke Verengungen des Geistes mit mehr oder minder unkontrolliert agierendem Willen. Jede rückläufige Entwicklung ist ein Umweg auf dem Pfad zur Erkenntnis. Die Annahme von Reinkarnationen lag übrigens Schopenhauer durchaus nahe.

Nun sollte jedoch niemand auf die Idee kommen, das Leben eines Heiligen anzustreben. Auch in den höchsten noch mit uns befassten Ebenen der geistigen Welt wird sich ausgetauscht und Klartext gesprochen respektive kommuniziert, reagiert mancher wie von hier gewohnt impulsiv, ist mal stinksauer und mal hocherfreut. Abgesehen von einer tiefen spirituellen Kenntnis des Systems, Wahrheitsliebe und Neugier unterscheidet sich der hochstehende Jenseitige nicht davon, wie wir als lebende Menschen sind und miteinander agieren.

Sehr große spirituelle Informiertheit zu besitzen bedeutet also nicht, seine Emotionen krampfhaft auf nur einem schwachen Level zu halten. Das würde die schöpferische Kreativität und damit Weiterentwicklung ersticken, weil Emotionen der stärkste Antrieb sind. Es kommt nur darauf an, wonach wir emotional streben.

Für uns das Physische projizierende Menschen entsteht die Zeit-Falle, weil wir uns darauf geeinigt haben, nur Ereignisse zu akzeptieren, die halbwegs in eine kausale Ereignisabfolge passen. Nur so können die Folgen eigenen Handelns erlebt werden, kann spirituelle Informiertheit entstehen. Es gibt Menschen in allen spirituellen Entwicklungsstufen, vom spirituell Uninformierten, charakterlosen bis hin zum Bestinformierten. Sie alle sind in dieses hervorragende Lernprogramm [Monroe] eingebunden, versuchen mit allem Seienden, also mit ihren Komplementär-Aspekten, bestmöglich umzugehen - allerdings ihrem individuellen Erkenntnisstand und ihrer Motivation entsprechend.

Je höher sie spirituell entwickelt sind, desto mehr fühlen sie sich als Teil einer gemeinsamen metaphysischen Identität, die - wie Schopenhauer erkannte - alles Lebende umfasst. Weniger als die Übrigen machen sie einen Unterschied zwischen sich und allen anderen Lebewesen. Ein leicht zu erkennender Gradmesser hierfür ist beispielsweise der Respekt, der Kleinstlebewesen entgegengebracht wird, und zwar von frühester Kindheit an (vgl. S. 134, 156).

Schopenhauers philosophisches System hat unverändert sein offenes Fenster. Aber wenn wir jetzt durch dieses offene Fenster aus der physischen Welt heraus in die geistige schauen, dann sehen wir anstelle des Nichts die lebhafte Welt hinter den Kulissen. Diese Informationen also fehlen seiner Lehre. Ihm war aber - wie oben erwähnt - diese Schwäche seines philosophischen Systems wohlbekannt. Er schrieb im Schlusskapitel seiner Vorlesungen:

"Nun endlich zuletzt [...] könnte vielleicht jemand noch so fragen: 'Woher denn nun aber endlich dieser Wille, der Freiheit hat, sich entweder zu bejahen, wovon die Erscheinung die gegenwärtige Welt ist; oder auch sich zu verneinen und aufzuheben, wodurch wir zwar begreifen, dass diese erscheinende Welt für ihn wegfällt, aber [...] keine positive Erkenntnis haben können, von dem neuen Zustand, der dann für ihn eintreten mag; woher überhaupt zuletzt dieses ganze Wesen, das Wille seyn kann und auch nicht Wille?

Hierauf wäre nun die erste Antwort diese, dass alles Woher bloß auf dem Satz vom Grunde beruht, der aber nur Form der Erscheinung ist und sonach nur auf dem Gebiet der Erscheinung gilt, nicht darüber hinaus: folglich hier ganz fälschlich das Woher auf das Ding an sich übertragen wird." [Aus Band 4 'Metaphysik der Sitten', Kap. 'Eine letzte Frage']

Schopenhauers Grundsatz, nur Informationen zu berücksichtigen, welche sich in der Erfahrung nachweisen lassen, mündete notwendig in seinem unhinterfragten Akzeptieren der Dualität. So sah er zwei Pole: Die physische Existenz als Erscheinung und das Ding an sich. Er hat recht, wenn er feststellt, dass dieses 'Ding an sich' frei vom Willen zum physischen Leben ist. Aber es ist keineswegs frei von Willen zum Sein. Andernfalls hätte All-das-was-ist keinerlei Antrieb für schöpferische Gedanken, woraus auch unser Weltensystem resultiert. Wir sind im Grunde Ausdruck des Willens All-das-was-ists.

So ist tiefer hineingehend in uns der Wille des Egos mehr und mehr kontrolliert, das Ego zur Raison gebracht und die Schwingungsfrequenz der Identität jeweils höher als zuvor. Doch unzweifelhaft steuern auch posthum Überzeugungen, Verstand, der kontrollierte Wille und Motive das Handeln.

Schopenhauers 'Wille zum Leben' ist also nicht auf das physische Dasein beschränkt. Je nach spiritueller Informiertheit dominiert jedoch entweder das Ego des nach außen gerichteten Wachbewusstseins oder das nach innen gerichtete Selbst. Letzteres wäre nochmals in das nach innen gerichtete Wachbewusstsein, das Unterbewusstsein und dem Geist der Wesenheit zu unterscheiden.

Ein dominierendes äußeres Wachbewusstsein führt nach dem physischen Ableben recht zeitnah in einen nächsten ungeplanten Lebenszyklus. Ein führendes inneres Selbst dagegen nutzt die Reflexionspause zwischen Lebenszyklen, um seine letzte Art, sich physisch auszudrücken, zu analysieren. Und auch dazu, den nächsten Lebenszyklus sorgfältig zu planen.

Schopenhauer schwamm also in der Beantwortung seiner selbst gestellten Frage zu Recht, da er dem posthumen geistigen Sein sowohl Willen zum Leben als auch Verstand absprach. Insofern ist auch seine selbst gegebene Antwort in dem obigen Zitat unzutreffend. Doch in Verbindung mit den Annahmen dieser Abhandlung könnte sein offenes Fenster nunmehr geschlossen sein.

Ein Kapitel zurück | Inhaltsverzeichnis | Zum nächsten Kapitel

Begriffserläuterungen (Lexikon) | Literaturverzeichnis | Zur Bücher-Übersichtsseite | Impressum & Datenschutz | W3C HTML-Validierung | W3C CSS-Validierung Stehlen Sie keinen Content von dieser Seite. Plagiate werden durch Copyscape aufgedeckt.
chinnow.net - seit 1999 online