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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens - Im Alltag zurechtfinden
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Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 10.3.: Liebe &Geschlechtstrieb (Glück, Liebe, Freundschaft und so weiter)

Platon hielt schon 400 v. Chr. die Liebe für einen mächtigen Dämon, einen Vermittler zwischen Menschen und Göttern. Nach seiner Auffassung spielt sich die Liebe auf einer Ebene zwischen Himmel und Erde ab, die vom nach innen gerichteten Selbst initiiert wird und über innere Sinne kommuniziert.

Der Anstoß zur Liebe kommt nach Platon aus einem Mangel, einer Armut; sie versetze uns in einen Zustand der Unerfülltheit und des Verlangens nach Vollständigkeit und nach Harmonie; die Fortpflanzung sei dabei ein Streben nach Unsterblichkeit. Und tatsächlich setzen wir nach Roberts als Fragment unserer Eltern mit den Kindern Fragmente von uns in die Welt.

In der Liebe erweitern wir unser Ich auf die affizierte Person. Wir registrieren durch Einfühlen über innere Sinne ihr Körpergefühl wie unser eigenes und ihre Stimmungen wie unsere eigenen - wir könnten sprichwörtlich mit den Augen des Anderen sehen (vgl. Bd. 4). Fühlen wir uns plötzlich - scheinbar grundlos - schlecht, könnte es darauf beruhen, dass sich ein Nahestehender gerade schlecht fühlt. Je nach Verfassung der fokussierten Person können diese Eindrücke auch bedrückend, beglückend oder aufputschend sein.

Die Liebe ist kein Mysterium, sondern der Wunsch nach tiefer Einfühlung in einer stets wechselseitigen Anziehung. Diese Anziehung ist das Resultat einer positiv verlaufenen Abstimmung beider inneren Selbsts über die inneren Sinne. Sie ist dem nach außen gerichteten Wachbewusstseinsteil nicht direkt zugänglich, wird aber gefühlt, was den Wunsch nach wahrnehmbarer innerer Kommunikation befeuert. Infolge orientiert sich der Verliebte mehr nach innen.

Das lässt die Liebe wie ein Mysterium erscheinen, obgleich sich das Geheimnisvolle nur auf die in unserer Gesellschaft künstlich(!) erzeugte Dualität zwischen äußerem und inneren Selbst bezieht. In der Liebe wird das Vorhandensein innerer Sinne sowie eines durchaus realen inneren Selbst deutlich gewahr, weil Liebe nur über eine geistige Verschmelzung durch Einfühlen möglich ist. Liebe ist Mitgefühl (Fn. S. 24).

Daher auch können wir bis über beide Ohren verliebt sein, ohne dass das äußere Wachbewusstsein dies schon realisiert und akzeptiert hat. Es folgt dann staunend dem tiefen Gefühl einer inneren Anziehung, die von den nach inneren gerichteten Selbsts schon beschlossene Sache ist. Das äußere Wachbewusstsein ist also nicht immer auf dem Laufenden. Das gilt auch umgekehrt für das Ende einer Beziehung, wenn der Partner nicht mehr zu mir gehört, obwohl ein Teil seines nach außen gerichteten Wachbewusstseins noch mit mir verbunden ist. Dann fokussiert er bereits einen oder mehrere Andere zur Erweiterung seines Selbst.

Mein äußeres Wachbewusstsein fühlt dann nur, dass die innere Nähe abhanden gekommen ist. Denn der sich lösende Partner wehrt das nicht mehr erwünschte Einfühlen des anderen mental ab und dringt selbst nicht mehr in diesen ein. Beide leben vielleicht noch zusammen, sind jedoch mental auseinander gerückt. Zu Lieben bedeutet also, sich für jemanden zu entscheiden, indem man sich ihm oder ihr innerlich öffnet und annähert. Dies muss Tag für Tag immer neu geschehen und ohnehin immer vorangehen - auch in der Liebe auf dem ersten Blick, wo diese Abstimmungen in Bruchteilen der reellen Zeit, jedoch ohne Zeitdruck in psychologischer Zeit erfolgen. Ansonsten ist eine rein physische Annäherung fast aussichtslos.

Die Liebe beginnt mit der ersten Entscheidung für diesen Partner und endet mit der letzten. Deshalb muss man sich in einer auf Dauer angelegten Beziehung an jedem verdammten Tag neu für seinen Partner entscheiden - es reicht bei weitem nicht aus, dies nur einmal im Standesamt oder in der Kirche getan zu haben.

Monroe sieht die Liebe - im Gegensatz zum biologisch initiierten (vgl. Bd. 5) Geschlechtstrieb - als treibende Kraft und schöpferische Energie, die das menschliche Denken und Handeln motiviert. Nach ihm sollen Gefühle erfasst und verstanden werden und mühelos fließen; ihre Beherrschung und Steuerung, nicht aber ihre Zügelung oder Unterdrückung stelle den Hauptzweck menschlichen Erlebens dar. Der Geschlechtstrieb hingegen sei nicht das Wesen dieser im Physischen sehr schöpferischen Energie und habe nur die Funktion, einen Anreiz zu liefern, einen Prozess in Gang zu setzen.

Auch Roberts (Seth) warnt vor der Unterdrückung von Emotionen:

"Bei eurem gegenwärtigen Glaubenssatzsystem [...] machen Emotionen oft angst. Häufig werden sie nicht nur im Wachzustand nicht zugelassen, sondern weitestmöglich auch noch in den Träumen einer Zensur unterzogen. Ihr Ausdruck wird sehr erschwert, große Energiestaus treten auf, die zu neurotischem oder, schlimmer noch, psychotischem Verhalten führen können." [Lit 184]

Bei Bestehen einer an sich intakten Beziehung ist der frisch in jemand anderen verliebte Partner jedoch gefordert, seine Gefühle distanziert verstandesmäßig zu bewerten. Bloß weil man sich einmal nicht für seinen bewährten Partner entschieden hat, heißt nicht, dass diese Beziehung nun obsolet ist. Man sollte sich im Idealfall schon ab dem ersten Kennenlernen darüber im Klaren sein, dass solche Situationen - das Auftauchen neuer potentieller Partner - in der heutigen Gesellschaft mit unzähligen Kontakten nahezu unvermeidbar sind.

Ist die alte Beziehung schon zuvor am Ende gewesen, könnte es Sinn machen, auf ein neues Pferd aufzusteigen. Oder man bemüht sich und fokussiert sich auf den bisherigen Partner. Ist die alte Beziehung jedoch intakt, nur der erste Schwung durch Gewohnheit verflogen, denkt man besser darüber nach, ob man überhaupt für eine auf Dauer angelegte Beziehung geeignet ist. Denn jede Beziehung kommt nach dem emotionalen Hoch der Anfangszeit nach spätestens dreieinhalb Jahren an einen ersten toten Punkt, an dem das sexuelle Begehren wenigstens eines Beteiligten eingeschlafen ist und man an seiner Beziehung ernsthaft arbeiten muss.

Kurzum, man tut gut daran, sich schnellstmöglich zu entscheiden, wenn ein anderer Mensch in das Leben tritt. Tut man das nicht zu Beginn, sinkt die Möglichkeit der Mitsprache in dieser so wesentlichen Entscheidung kontinuierlich. Das äußere Wachbewusstsein gäbe die Entscheidungshoheit aus der Hand, und zwar an den potentiellen neuen Partner ab.

Doch werden sehr emotionsgesteuerte Menschen, deren Willen und Emotionen vom Verstand kaum kontrolliert sind, damit Probleme haben. Ein spirituell erfahrener, kontrollierter Mensch reitet seine Emotionen - und nicht umgekehrt. Dieser erlebt zwar keine emotionalen Höhenflüge, aber ihm bleiben dafür emotionale Tiefpunkte erspart. Der spirituell Uninformierte jedoch definiert den Wert seiner Existenz über die erlebten Emotionen - fühlt er nichts, hält er sich gleichsam für tot.

Doch ist eine sexuelle Anziehung recht flüchtig und wie gesagt ein Trick der Natur, um Beziehungen in Gang zu bringen. Wenn wir davon sprechen, dass in einem Leben nur Beziehungen und Gefühle eine Bedeutung haben, dann reden wir von nicht sexuell motivierten Emotionen. Wir reden von der tiefen Emotion der Zuneigung und Liebe, von Respekt und einer tiefen Verbundenheit über die inneren Sinne.

Die einzige dem Lernprogramm des Lebens [Monroe]] extrahierbare Bedeutung ist also in diesen tiefgehenden Emotionen und Gedanken zu finden. Sexualität spielt durch die äußeren Körperreaktionen eine Tiefe vor, die ihr nicht zu eigen ist. Sexuelle Anziehung ist oberflächlich. Unser Leben ist, wie wir es abseits sexueller Anziehung fühlen, nicht was es dem äußeren Anschein nach ist. Dabei gilt zudem nicht, dass derjenige spirituell umso informierter ist, der besonders emotional auf dies und das reagiert. Dies ist eher ein Zeichen mangelnden Überblicks, mangelnder verstandesmäßiger Kontrolle des Egos und damit von Defiziten in seiner spirituellen Informiertheit.

Unterdrückt ein solcher für ihn nicht in den Griff zu bekommende Emotionen, ohne sie zu respektieren, in seiner Abwägung zu berücksichtigen und somit langsam zu assimilieren (Fn. S. 70), dann stört dies auf Dauer sein Nervensystem und dessen Heilmechanismen und mündet letztlich in Projektionen, in denen sich die unterdrückten Energien ausdrücken und Luft verschaffen:

Durch Letzteres kommt es auf nationaler Ebene beispielsweise zur Ablehnung von Farbigen durch Weiße oder zur Projektion von herabsetzenden Eigenschaften auf einen vermeintlichen Feind; im privaten Lebensumfeld zu nicht auf Liebe gegründeten, gewalttätigen sexuellen Anziehungen oder Ablehnungen von Menschen. [Lit 184]

So sieht Roberts die Fixierung unserer heutigen Zivilisation auf die Sexualität kritisch:

"Ihr seid vom sexuellem Wahn besessen, wenn ihr das Geschlechtsleben für schlecht, widerlich oder entwürdigend haltet, wenn ihr es verheimlicht und, obwohl ihr es auslebt, so tut, als ob es 'tierisch' wäre. Ihr seid genauso vom sexuellem Wahn besessen, wenn ihr die Wohltaten der Sexualität und eure Leistungen auf diesem Gebiet in übertriebener Form auf dem Marktplatz verkündet. Ihr seid vom sexuellem Wahn besessen, wenn ihr dem Ausdruck der Sexualität unrealistisch enge Schranken setzt, und wenn ihr ebenso unrealistische 'Leistungsnormen' aufstellt, nach denen sich eure Mitmenschen richten sollen." [Lit 183]

Sexuelle Freiheit beinhaltet nach ihrer Auffassung keine "erzwungene Promiskuität1", welche unbeeinflusste Jugendliche als sehr unnatürlich empfinden. Ihre Beziehungen mit dem anderen Geschlecht sind anfangs noch unbefangen, noch nicht auf eine sexuelle Vereinigung fixiert, wie es in späteren Jahren in der Regel der Fall ist. Noch vom Umfeld oder Medien unbeeinflusst haben sie Beziehungen zu Menschen beiderlei Geschlechts ohne sexuelle Absichten. Erst dann, wenn der junge Mensch beginnt, die Sexualität als etwas von Liebe und Hingabe getrenntes anzusehen, programmiert er sein Geschlechtsleben um. Nach Roberts beraubt dies jedoch der Sexualität ihrer tiefsten Bedeutung. Jedoch präzisiert sie:

"Ich sage nicht, jede sexuelle Abreaktion sei 'falsch', bedeutungslos oder erniedrigend, wenn sie nicht von Gefühlen der Hingabe und Liebe begleitet sei. In der Jugend und noch während einer längeren Zeit danach und für manche Menschen ein für allemal wird der Ausdruck des Sex jedoch der Neigung des Herzens folgen." [Lit 183]

Extravagante oder sonst wie überspannte sexuelle Vorstellungen - wie beispielsweise von Unterwerfung und Dominanz - sind nach Roberts Auffassung künstlich antrainiert. Sie entstünden, wenn die Beteiligten zur Überzeugung gelangten, dass Sexualität und Liebe in ihrer Beziehung nicht vereint werden können. Wenn also entweder die Liebe fehlt oder die Sexualität einschläft. Sie sagt treffend:

"In eurem Alltagsleben seid ihr alle mehr oder weniger Karikaturen eurer sexuellen Verpflichtung." [Lit 183]

So geht es in der Annäherung zwischen zwei Menschen heutzutage oft nicht darum, Gefühle zu zeigen oder auszutauschen, sondern um ein Machtspiel der Körper. Wären beide unsäglich ineinander verliebt, wäre die Annäherung zu Beginn völlig natürlich und frei jeder Machtausübung. Man schaut sich in die Augen und erkennt Sehnsucht, kann gar nichts anderes tun als sich anzunähern.

Wird eine emotionale Annäherung jedoch zu Beginn einer Liebesbeziehung unterdrückt, wird sie mit der Zeit aufgrund des mit der Liebe einhergehenden tiefen Respekts fast unmöglich. Man wird eher zu Freunden. Roberts stellt passend fest, dass nicht jede Liebe sexuell ausgerichtet ist - die Sexualität sei nur ein möglicher, aber nicht notwendiger Ausdruck hiervon [Lit 183].

Wenn Sie nicht verstehen, wie eine Liebesbeziehung ohne Sehnsucht nach Sexualität gelebt kann, dann denken Sie einmal zurück an die Zeit des Heranwachsens, als erst nach einer sehr langen Phase der

beginnend mit der Pubertät sexuelle Bedürfnisse dem äußeren Wachbewusstsein vom Körper her aufgedrängt wurden. Bis dahin waren Sie auch schon Familie und Freunden beiderlei Geschlechts emotional tief verbunden. Aus der biologisch initiierten Sexualität resultierte dann jedoch die Sehnsucht nach einem bislang unbekannten Menschen als emotional verbundenen Sexualpartner, welche fortan das Denken dominierte und alles andere mehr oder weniger beiseite schob.

Der rein auf sexueller Anziehung basierende Kontakt ist ohne Liebe in dessen ursprünglichen Wortsinn. Denn sexuelle Bedürfnisse sind körperlich initiiert und werden im Gegensatz zur reinen Liebe nach buddhistischer Definition durch einen ab der Pubertät veränderten Stoffwechsel hervorgerufen. Doch je älter man dann wird, desto weniger treten aufgrund nachlassender Stoffwechselprozesse derartige, dem Körper geschuldete Emotionen auf. Wenn in dieser Abhandlung also von Liebe die Rede ist, dann ist - wenn nicht anders vermerkt - stets der Begriff der reinen Liebe im Sinne der buddhistischen Definition gemeint.

Wenn es zwei Menschen am Anfang einer Beziehung nicht schaffen, ein Liebespaar zu werden, obwohl Zuneigung besteht, dann werden sie zu Freunden. Spätestens jetzt fehlt die zum einander näherkommen erforderliche Spannung, eine gewaltfreie natürliche Aggression im aufeinander Zugehen, die erst das mutige Eindringen in Privatsphäre und Intimbereich des anderen ermöglicht und der Sexualität guttut. Wagt man dies in der Freundschaft schließlich doch noch, raschelt es nur anstatt zu knallen.

Der physische Geschlechtstrieb ist somit ein Trick der Natur, wie Ingrisch es fälschlich von der Liebe annahm. Er ist notwendig, um Affinitäten herzustellen, danach ist er überflüssig und eher störend. Denn die Bedeutung einer Beziehung besteht nach Monroe in einer Schutzgemeinschaft, in der Nachwuchs großgezogen und unterrichtet werden kann.

Auch Schopenhauer erkennt im Geschlechtstrieb den Instinkt einer Gattung, der nur auf das Ziel hinausläuft, Nachkommen in die Welt zu setzen, also den Fortbestand der Gattung zu sichern. Den Geschlechtstrieb erkannte er als Ausdruck des Willens zum Leben überhaupt, über den die künftige Generation mit Bestimmtheit ins Dasein drängt.

Liebe ist nach Ingrisch keine Verwirrung der Hormone, sondern die Fähigkeit, Verbindungen einzugehen, die unser Bewusstsein auf das Geliebte ausdehnen. Soweit liegt sie richtig. Sie zitiert dann jedoch einen Jenseitigen mit den Worten:

"Liebe ist, ganz und gar auf sich selbst zu verzichten. Du bist dann selbst nichts mehr. Aber du bist alles, was du liebst." [Lit 138]

Diese Formulierung repräsentiert eine übertriebene Fokussierung auf den Geliebten, also eine mentale Verengung unter Selbstaufgabe, die Ausdruck einer Flucht vor Verantwortung ist. Liebe an sich nimmt anderes Seiende in ihre liebevolle Obhut, wodurch das persönliche Selbst erweitert und gestärkt wird. Um zu lieben, muss man selbstbewusst sein und bleiben und darf nicht die eigene Identität negieren. So liefert Ingrisch mit diesem Zitat ein Beispiel für die selbstsüchtige Liebe des spirituell Uninformierten, die gar die Eigenliebe ausschließt.

Roberts erklärt gleichsam den technischen Hintergrund jeder Liebe:

"Um jemanden zu lieben, müsst ihr anerkennen, wie sich dieser Mensch von euch selbst und von anderen unterscheidet. Ihr müsst diesen Menschen in euren Geist behalten, so dass die Liebe gewissermaßen Inhalt einer Art Meditation wird, durch die euch ein ständiges und lebendiges Eingehen auf ein anderes Individuum gelingt [...] Liebe ist von Natur aus schöpferisch und forschend und entdeckend, immer neugierig am Werk. Ihr möchtet alle Wesenszüge der Geliebten beziehungsweise des Geliebten erforschen. Selbst Züge, die ihr sonst nicht schätzt, gewinnen am geliebten Menschen noch eine liebenswerte Note." [Lit 183]

Wenn wir lieben, nehmen wir nach Roberts Auffassung den Anderen im Gnadenzustand (Fn. S. 71) wahr, nämlich so, wie er im Idealfall sein könnte: Strahlend, voller tiefer innerer Lebensfreude in einer gesegneten freudigen Ergebenheit mühelosen Wachsens. Im Gnadenzustand wird alles Seiende geboren, doch verlässt ihn der Mensch oft im Laufe der Sozialisation - unter anderem aufgrund schlechter Erfahrungen in die Werterfüllung behindernden künstlichen Strukturen wie Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen (vgl. S. 267). Die gewandelten Überzeugungen machen dann blind für das stete Vorhandensein des Gnadenzustands. Wir sind dann zwar immer noch begnadet, jedoch unfähig, beispielsweise die eigene Einmaligkeit und Integrität wahrzunehmen. [Lit 184]

Ein Mensch ohne jede Liebe, ohne Affinität zur irgendjemanden oder irgendetwas, wird nach Roberts "überall nur Chaos wahrnehmen". Freundlichkeit ist "das apersönliche Synonym für Liebe", mittels derer wir uns allen Möglichkeiten unseres Seins in Liebe öffnen. So ist Liebe die organisierende Kraft im Universum. [Lit 133]

C.G. Jung sieht die emotionale Basis der Liebe im Spannungsfeld zwischen Animus und Anima als 'Personifikationen' der beteiligten Wesenheiten:

"Wenn Animus und Anima sich begegnen, so zückt der Animus das Schwert seiner Macht, und Anima spritzt das Gift ihrer Täuschung und Verführung. Der Erfolg braucht nicht immer negativ zu sein, denn es besteht die ebenso große Wahrscheinlichkeit, dass sich die beiden ineinander verlieben." [Lit 180]

Jedoch personifizieren sich Animus und Anima nicht einseitig in einer Identität, sondern sind beide wirksam in unterschiedlich gewichteten Anteilen. Es sind elementare Wesensbestandteile der Wesenheiten und deren Aussendungen, die im Idealfall situationsbezogen gewichtet werden.

Auch irrt C.G. Jung, wenn er im weiteren Verlauf annimmt, dass in einander Verliebte in einer "Illusion" leben würden, der Illusion, "auf individuellste Weise aufeinander bezogen zu sein". Wie Roberts oben überzeugend darlegt, sind die Protagonisten über wechselseitiges Einfühlen auf individuellste Weise aufeinander bezogen - es ist keine Illusion. Auch wenn die Liebe den Umstehenden wie eine Klischee-Beziehung erscheinen mag, weil sie sich bekannter Ausdrucksformen bedient, wird doch die Durchdringung der Bewusstseinsenergien immer höchst individuell empfunden.

Recht hat C.G. Jung mit seinem Hinweis, dass Affekte, die nur Ausdruck größter Selbstbezogenheit sind, wie oben bei Ingrischs Zitat eine übertriebene Fokussierung auf den Geliebten, also eine mentale Verengung ausdrücken:

"Affekte erniedrigen das Niveau der Beziehung und nähern es der allgemeinen Instinktbasis an, welche nichts Individuelles mehr an sich hat. Nicht selten findet daher die Beziehung über die Köpfe der menschlichen Darsteller hinweg statt, welche nachher nicht wissen, wie ihnen geschah." [Lit 180]

Wenn wir zwei uns fremde Menschen sehen, die aufeinander zugehen und sich dann leidenschaftlich küssend um den Hals fallen, ahnen wir zwar aufgrund unserer Erfahrung, dass sich diese an einem Punkt ihrer Beziehung ineinander verliebt haben und nun emotional tief miteinander verbunden sind. Aber es fällt uns in der Regel an keinem von beiden etwas Besonderes auf, was diese Anziehung und damit dieses Gehabe rechtfertigen könnte.

Und wenn wir uns nun vergegenwärtigen, dass nahezu alle Menschen dieses Planeten sowie einige Tiergattungen diese Form der emotionalen Anziehung kennen und so etwas 'schon mal durchgemacht haben', dann erkennen wir den Trick der nach Schopenhauer ausschließlich auf Arterhalt bedachten Natur, welche einigen Gattungen den Wunsch nach Nähe über die sexuellen Bedürfnisse durch das Erbmaterial gleichsam einhaucht. Präziser ausgedrückt sind es die Wesenheiten, welche die Eigenschaften der Gattungen kollektiv vereinbaren und laufend nachjustieren.

Dies geschieht beim Menschen über die Festlegung, wann die Kindheit im biologischen Körperhaushalt endet. Mit Beginn der Pubertät stellt der Teil des innere Selbst, welcher für die unbewussten Körperfunktionen zuständig ist, den Hormonhaushalt etwas um. Dadurch erwachen zunächst nur im Körper der sexuelle Ausdruck und entsprechende körperliche Empfindungen - anfänglich als etwas dem äußeren Wachbewusstsein Fremdes. Infolge der Beschäftigung hiermit entsteht der Wunsch des Wachbewusstseins, diese interessanten körperlichen Gefühle zu reproduzieren. Und so findet es auf Umwegen zu sexuellen Gedanken. Auf diese Weise erwacht die Sexualität des physischen Körpers wie aus dem Nichts und wird oft zur dominierenden Triebfeder menschlichen Handelns.

Wäre die Sexualität Bestandteil des grundsätzlichen Strebens eines jeden Bewusstseins, dann wären wir vom ersten Moment unserer physischen Existenz aktiv auf sexuelle Erfahrungen ausgerichtet - was nicht der Fall ist. Die Doktorspiele der Kinder drücken nur eine unbefangene Neugier nach dem Aussehen anderer Körper aus, ihnen liegen noch keine sexuellen Motive zugrunde. Ein Verengtes und stark anhaftendes Wachbewusstsein kann nebenbei bemerkt auch über den physischen Tod hinaus an sexuellen Sehnsüchten wie an einer Sucht festhalten.

Jeder Mensch geht davon aus, dass es wenigstens einen passenden Liebespartner gibt. Das nach innen gerichtete Selbst sendet sehnsuchtsvolle Botschaften wie Strahlen in alle Richtungen und tastet andere Menschen über innere Sinne nach einer Entsprechung ab. Ist sie gefunden, führt eine innere Kommunikation die beiden Menschen in Zeit und Raum zusammen. [Lit 181]

Bis zur Pubertät bedürfen wir auch zwingend der emotionalen und körperlichen Nähe anderer Menschen, nur ist dieses Streben nicht sexuell motiviert. Dieses Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Zuwendung ist so essentiell, dass ein Baby stirbt, wenn man es ohne Zuwendung einfach nur optimal versorgt. Selbst nach dem Erwachen der Sexualität fühlen wir - wie oben ausgeführt - keinerlei sexuell motivierten Bedarf an wechselnden Beziehungen. Bei vielen Tierarten verhält es sich ähnlich. So könnte man sagen: Wenn im Laufe der Sozialisation der Sexualtrieb einer Art erwacht ist, sucht sich das hierdurch einen Mangel verspürende, persönliche Selbst ein Objekt zur Befriedigung. Ob sich dieses nun in Ermangelung eines gegengeschlechtlichen, gleichaltrigen, also gemeinhin 'passenden' Partners der gleichen Gattung auf

fixiert, hängt von deren Lebensumständen und der Verfügbarkeit von Objekten zur Befriedigung des Geschlechtstriebs sowie beim Menschen vom Charakter - also seiner spirituellen Informiertheit - ab.

So wird der Geschlechtspartner in der Sexualität ohne Liebe und Einfühlung als Attrappe benutzt. Wenn wir nicht mögen, was hinter der Maske des anderen an Eigenschaften verborgen ist, lieben wir nicht einen Menschen, sondern benutzen ihn.

So etwas kann auch in langjährigen Beziehungen geschehen, wenn die Liebe gewichen ist. Doch könnte eine erneute Fokussierung auf den einstmals geliebten Menschen die Anziehung wieder herstellen. Hierzu muss das Wachbewusstsein sein beleidigtes Ego überstimmen und sich bewusst dafür entscheiden, den anderen in jeder Hinsicht interessant und liebenswert zu finden - wie einst, als die Beziehung begann. Das funktioniert allerdings nicht mit nur einer einzigen Entscheidung für den Partner als Lieblingsmenschen, sondern ist ein Prozess, der Monate braucht, aber besser niemals abgeschlossen werden sollte.

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