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Nebenwerk: 'Reiseführer für die letzte Reise' ONLINE LESEN

'Reiseführer für die letzte Reise'


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(ISBN 97 8375 2811 131)


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Kapitel 4.3: Das dritte Land - die Region der Stille (Die sechs Länder des Kontinent Jenseits)

4.3.1. Bevölkerung

Die hiesigen Bewohner sind sich im Gegensatz zu denen des zweiten Landes - der Region der Gewalt - wenigstens teilweise darüber im klaren, dass sie ausgewandert sind und nicht mehr in ihr bisheriges Leben zurückkönnen. Ähnlich der Darsteller der unzähligen Aufführungen dieses ersten Landes ist ein jeder irgendwie in seiner eigenen, kalten und einsamen Theateraufführung versunken, die wie Schauspiele von vorbeikommenden Touristen von außen einsehbar sind. Nur kann der einzige Darsteller und Urheber dieser Projektion sein eventuell vorhandenes Publikum nicht sehen.

Einige der Bewohner haben sich selbst in einen tiefen Schlafzustand versetzt

So sind die Bewohner des dritten Landes - der Region der Stille - also direkt ohne große Einreiseformalitäten hier hergekommen. Sie haben ihre Auswanderung auch vage eingesehen, existieren jedoch wie betäubt in einem passiven Zustand der Bewegungslosigkeit und des Nichtwahrnehmens, als warteten sie darauf, dass sich irgend etwas ereignet, irgend etwas passiert. Sie sind verängstigt, ohne viel zu denken. Sie bewegten sich mit ihrem geistigen Körper meist extrem langsam und in einem engen Radius ihrer von außen einsehbaren, immer trostlosen geistigen Kulisse. Sie haben keine Ahnung, was sie in dieser Lage tun können, ob sie überhaupt etwas tun können. Allerdings lassen sich die Existenzen dieser Ebene sich leicht helfen und führen.

Mögliche Versuche der ersten Kontaktaufnahme durch begleitende, früher eingereiste Angehörige und Freude haben die hiesigen Einwohner entweder wegen ihrer inneren Verstrickungen nicht annehmen können oder wollen, oder aber es kam noch nicht zu diesen Kontakten. So können die Bewohner nur dann in tiefere Länder weiterreisen, wenn sie auf die schon beschriebene Art und Weise um Hilfe gebeten haben und von einem Nahestehenden oder den 'Weißen Engeln' in ein passendes nördliches Land geführt wurden.

Natürlich könnten sie auch warten, bis sich ein Angehöriger ihrer erinnert und sie sucht. Doch ohne eine wechselseitige gedankliche Verbindung gleicht diese Suche derjenigen nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Wenn also der Betroffene mit seinen Gedanken nur um sich selbst kreist, ist er kaum zu orten. Darum ist ein Hilferuf so wichtig und notwendig.

Wenn Bewohner jedoch versuchen, der bedrückenden Umgebung durch Flucht zu entkommen, werden sie unweigerlich von drei Abgründen zurückgehalten, die sie an ihre Phantasiewelt binden. Diese Abgründe sind jedoch - aber das Wissen die Bewohner nicht - nur nach außen projizierte Manifestationen negativer Aspekte des eigenen Bewusstseins - nämlich dem Zorn, der Begierde und der Ignoranz. Denn indifferente und ignorante Menschen erfahren hier beispielsweise ihre eigene Negativität durch das Erleben völliger Gleichgültigkeit und geistiger Dumpfheit.

In diesem Land der Stille wird also wie in allen anderen Lebensumgebungen jeder Einwohner mit seinen eigenen Bewusstseinsinhalten konfrontiert. Sind diese vorwiegend negativ, dann erlebt dieser beispielsweise auch die Angst, die aus den andere schädigenden Handlungen entsteht. Sind diese dagegen positiv, könnte man sich bereits im Einreiseprocedere in den angenehmsten Phantasien des Bewusstseins wiederfinden. Allerdings ist ein zu ausgiebiger Aufenthalt in Phantasien stets nachteilig. Irgendwann sollte man dort selbst hinausfinden.

Dieses Versunken sein der Bewohner ist also eine Falle ihres eigenen Bewusstseins. Und damit eine Täuschung, der sie aufsitzen. Würden sie ihre Theaterdarstellungen als eigene Projektionen erkennen, erkannten sie auch die Problematik ihrer mentalen Verfassung. Damit wäre bereits die Voraussetzung erfüllt, unter der sie hier nicht mehr hineinpassten und in tiefere Länder weiterreisen könnten. So umgibt man sich hier mit einem Mantel eigener Gedanken, die gesehen und als real erfahren werden können. Wer sich dessen bewusst wird, kann den Mantel aufbrechen.

Viele der Bewohner bleiben jedoch nicht lange hier. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt nur zwischen sieben und neunundvierzig Tagen. Nahezu alle wandern von hier direkt wieder aus Jenseits aus - zurück in unser vertrautes physisches Lebenssystem, von dem aus sie hierher kamen. Allerdings müssen sie dann sprichwörtlich 'ein neues Leben' beginnen, fangen also ungeplant irgendwo auf der großen weiten Welt neu an.

4.3.2. Landschaft

Die Natur in den Aufführungen erscheint Tag wie Nacht mit einem tristen durchdringenden grauen Nebel überzogen, strahlt Unbehaglichkeit, Kälte und Traurigkeit aus. Es gibt zwar Häuser und Bäche, jedoch wirkt alles kalt, tot und unwirklich; nirgendwo ist Leben zu spüren. Selbst die Bäume sind grau und ohne Laub. Gewässer wirken finster und feindlich, Türme und Baulichkeiten seltsam abweisend, wie seit langem verlassen. Über allem liegt Traurigkeit. Die Zeit scheint hier stillzustehen, wenn auch Gewässer und Bäume in einer üblichen leichten Bewegung erscheinen. Lotte Ingrisch beschreibt diesen Ort sehr schön in ihrem Gedicht 'Zwischenreich':

Da war eine Stadt aus Schatten,
in die hab ich mich verirrt.
Durch die Gassen huschten nur Ratten,
O fänd mich ein guter Hirt!

Die finsteren Wasser schlugen
Um Türme aus kalten Stein.
Die das Mal der Traurigkeit trugen,
Noch nie war ich so allein.

Die Welt war zu End gegangen,
und totenstill stand die Zeit.
Ich war als Schatten gefangen
Im Kerker der Dunkelheit.

In Häusern und Korridoren,
wo lange schon keiner wohnt,
hab verirrt ich mich und verloren,
im Zwischenreich unterm Mond.

Ein herzlicher Dank an Lotte Ingrisch für ihre Erlaubnis, das Gedicht hier zu verwenden.

Nirgendwo hier ist Leben zu sehen - der Protagonist dieser Schauspiele ist mit sich selbst allein und wähnt sich angesichts seiner Einsamkeit verirrt und verloren in einer Falle. Gelegentlich hört man als durchreisender Tourist aus verschiedenen Aufführungen lautes aggressiv-zorniges Schreien. Die Darstellungen beinhalten allesamt Einsamkeit und Tristesse - man sieht Stürme, Schneestürme, furchterregende schwarze Dunkelheit. In Letzterer erfährt sich der Bewohner allein und verlassen im 'Nichts', um ihn herum nur Schwärze und vollkommene Stille.

In dieser Isolation verbleiben als einzige Ablenkung für die Betroffenen die plastischen Lebensrückschauen als dreidimensionale Filmvorführungen aus der Zeit vor der Auswanderung, welche so manchen seinen Lebensverlauf und damit auch die Fehler seines Lebens immer wieder vor Augen führen. Dieses quälende Ringen mit sich selbst in völliger Einsamkeit führt jedoch letztlich zur Selbstüberwindung eigener Negativität. Schneller könnten die Bewohner aus diesem Land herauskommen, wenn sie Gefühle des Selbstmitleids sowie irdische Bedürfnisse und Empfindungen von Traurigkeit überwinden könnten. Denn diese verhindern es oft, die auch gelegentlich ungefragt erscheinenden 'Weißen Engel' der nördlichsten Länder wahrzunehmen.

4.3.3. Unterkunft

Die hiesigen typischen Behausungen sind - wie oben beschrieben - trist und deprimierend, laden den Reisenden nicht zum Eintreten oder gar zum Verweilen ein - wenngleich dies möglich wäre. Denn man kann Eintreten in die geistigen Welten anderer Menschen. Allerdings bedürfte es schon einer besonderen Frohnatur, um hier nicht depressiv zu werden. So ist auch dieses dritte Land eines derjenigen oberen Länder des Kontinents Jenseits, durch die man besser nur flott hindurch reist.

4.3.4. Unterhaltung

Die Attraktivität der zahlreichen hiesigen Film- und Theateraufführungen tendiert gegen Null. Die Aufführungen des ersten Landes der Leidenden erscheinen dagegen als interessant, abwechslungsreich und sehenswert. Man kann die hiesigen also getrost vergessen und hat absolut nichts verpasst, wenn man im Blindflug dieses Land der Stille überquert.

4.3.5. Highlights

Wer das Schlechte nicht kennt, kann sich an dem Schönen nicht erfreuen. So gesehen ist dieses Land ein sehenswertes Musterbeispiel für das deprimierende der geistigen Isolation und Stille. Und wer es einmal erlebt und gesehen hat, ist umso glücklicher, diesem nach unten entkommen zu sein, seine Kontakte um so mehr zu pflegen und anderen beizustehen.

4.3.6. Kriminalität

Die hiesigen Bewohner sind durchweg so passiv, dass sich deren Negativität nur gegen sie selbst richtet. Als Tourist haben Sie somit gar nichts zu befürchten. Es gibt keinerlei Bedrohungen oder Misshandlungen.

4.3.7. Religion

Zwar gibt es keine genauen Statistiken, doch würde sich ein nicht unerheblicher Anteil der Bewohner als religiös bezeichnen. Jedoch ist deren Glaube nur ein oberflächlicher. Als Beleg hierfür diene der Hinweis, dass alleine schon die vom Herzen an Gott gerichtete Bitte um Hilfe einen jeden Bewohner aus seiner unerfreulichen Lebenssituation retten würde. Zwar käme nicht der jeweilige 'Gott' der Religionen zur Hilfe herbeigeeilt, sondern ein 'Weißer Engel' aus den tieferen Ländern des Kontinents, doch würde ein fester religiöser Glaube immerhin diesen Ausweg eröffnen. Selbst wenn derartige feste religiöse Vorstellungen auch nur eine Begrenzung sind, wie wir es später an den Bewohnern des fünften Landes, der Region der Glaubenssysteme erkennen werden.

4.3.8. Nützliches

Was Sie in diesem Land sehen und präsentiert bekommen, sind reale Projektionen der Bewohner. Sie haben genauso ihre Realität wie jede andere Vorstellungswelt. Und letztlich gibt es nichts anderes als Vorstellungswelten - auch auf dem physischen Kontinent. Hier sind es jedoch isolierende Phantasien der jeweiligen Bewohner, mit denen sie sich umgeben. Sofern Sie diesen beiwohnen möchten, bleiben Sie besser auf Abstand. Von außen bekommt man ohnehin den genauesten Eindruck von der Einsamkeit der Phantasien und der Darsteller, welche nur auf sich selbst fixiert sind. Das hilft, das System zu verstehen.

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