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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens
(Link zum Verlags-Shop)
Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 9.2.: Fokusänderung (Das zur Ruhe kommen)

In der Einschränkung der Sozialphobie ist die ängstigende Einstellung an sich bereits eine Aussage, eine Kommunikation: Man will auf diese Art nicht mehr kommunizieren. Doch stellt auch der nach heutiger Definition psychisch 'Gesunde' ständig unbewusst derartige Grenzlinien auf zwischen dem, was er als zuwenig und als zuviel Kontakt betrachtet.

Die Welt im primären, also über körperliche Sinne zugänglichen Erfahrungsbereich ist in der Regel stets die gleiche, egal was uns widerfährt. Sie ist in jedem Moment genauso schön wie an den schönsten Tagen und genauso düster wie an den schlechtesten. Der Unterschied liegt darin, wie wir uns entschieden haben, die Welt zu sehen.

Sind wir beispielsweise frisch verliebt, erscheint sie selbst in der November-Trübnis rosarot und wir sind glücklich. Wir haben uns dann entschieden, die Ärgernisse des Alltags anders zu bewerten, diese nicht zu fokussieren und dadurch leichter zu nehmen. Ist dagegen ein naher Angehöriger verstorben, wird auch der schönste Frühlingstag unsere Stimmung nicht aufhellen. Wir entscheiden in jedem Moment unseres Seins mit dem, worauf wir uns fokussieren, über unsere persönliche Glückserfahrung.

Wer nur die unvermeidbare Negativität der Welt fokussiert und bekrittelt, verunmöglicht seine eigene Lust am Leben - nämlich das Vergnügen, einfach da zu sein, geborgen in den Jahreszeiten zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Das kritische Beäugen der Aktionen der Mitmenschen, die anderen möglicherweise Schaden zufügen, behindert die eigene schöpferische Kreativität. Ignoriere ein Problem und es wird aus deinem Erfahrungsbereich verschwinden, sagt Roberts zu recht. Die im Grunde immer gleiche Welt erscheint uns in jedem Moment unseres Seins, wie wir gerade entschieden haben, sie zu sehen, was auch Schopenhauer nachwies. Wir entscheiden darüber, was uns wichtig ist und was nicht.

Wenn wir uns jedoch auch nach einem zur Ruhe kommen, in einer Situation ohne Ablenkung schlecht fühlen, dann ist unsere momentane Lebenssituation nachteilig für unsere Psyche. Und bedarf der Veränderung. Denn wir fühlen uns immer angemessen. Wie wir uns wirklich fühlen, erfahren wir aber erst nach dem besagten zur Ruhe kommen.

Wenn dann die Umstände als nicht veränderbar erscheinen, hilft es, auch ängstigende oder bedrückende Gefühle zuzulassen, ihnen Raum zu geben. Denn diese bislang unterdrückten Energieblöcke sollten unbedingt gehört und berücksichtigt sein. Auch wenn danach das äußere Wachbewusstsein entscheidet, dass die Situation unverändert beibehalten werden muss, ist dem widerstrebenden Energieblock viel von seiner Kraft genommen - er ist teilweise assimiliert (Fn. S. 70).

Das Beste ist also, widerstreitende Emotionen anzusehen, ihnen kontrolliert Raum zum Ausdruck zu geben und sich in sie einzufühlen, auch wenn es weh tut. Dann warte man demütig und ohne Willenseinsatz, bis die belastenden Emotionen wie von selbst durch positive ersetzt sind. Nur so kommt man in seine Mitte.

Dies gilt auch für hoffnungslose Situationen, beispielsweise im Falle eines nach oberflächlichen Kriterien scheinbar verpfuschten Lebens. Denn solange es währt und es die Gesundheit zulässt, können Weichen neu gestellt werden, um sich aus der momentanen Fokussierung des äußeren Selbst zu lösen. Dieses Warten ist dem inneren Selbst ein Impuls, die Auswahl der künftigen Ereignisse in Richtung der vom äußeren Wachbewusstsein ohne Willenseinsatz angestrebten Veränderung einzuleiten.

Zum anderen beinhaltet es ein in sich gehen, ein zur Ruhe kommen. Dies kann mit einer beliebigen Form der Meditation (vgl. Bd. 4) unterstützt werden oder durch die Beschäftigung mit philosophischer Literatur. Wir Menschen sind in der beneidenswerten Position, untereinander Informationen und Erfahrungen durch das geschriebene und gesprochene Wort austauschen zu können - ein Privileg unter allen uns bekannten Lebensformen. Es nicht zu nutzen hieße, Möglichkeiten der spirituellen Öffnung in diesem Lebenszyklus zu verschenken.

Auch eine chinesische Weisheit sagt:

"Unter allem, was die Dinge endet und die Dinge anfängt, gibt es nichts Herrlicheres als das Stillhalten." [Schu Gua, zitiert in Lit 129]

Der Buddhismus lehrt das Stillhalten als höchstes Ziel, weil

Laotse formulierte es in seinen Versen ähnlich. Zunächst folgt jedoch seine Erläuterung des Begriffs 'Tao'. Der Taoismus ist eine Religionsphilosophie, die sich in China um 600 v. Chr. entwickelt hat und später mit dem Buddhismus verschmolzen ist:

"Das Prinzip des Tao ist das, was von selbst geschieht [...]
Das Tao ist das, von dem man nicht abweichen kann;
Das, wovon man abweichen kann, ist nicht das Tao;"

Das Tao entspricht somit Emersons Lebensfaden (vgl. Bd. 4). Und nun Laotses Verse:

"Nicht aus dem Hause geh'n
Doch alles wissen
Nicht aus dem Fenster blicken
Und doch das Tao des Himmels seh'n

Je weiter hinaus man geht
Desto weniger weiß man
Darum geht der Weise nicht hinaus
Und weiß doch

Er blickt nicht hin
Und kann doch der Dinge Namen nennen
Er handelt nicht
Und vollendet doch"

[Laotse, Tao te king, Kap. 47]

Und an anderer Stelle:

"Das Tao tut nichts, und nichts bleibt ungetan
Wenn Fürsten und Könige es zu wahren verstünden
Die Dinge wandelten sich von selbst
Wandelten sich und gediehen
Ich hielt sie nieder mit Unverdorbenheit, die keinen Namen braucht
Wären sie ohne Begierde
Ohne Begierde durch Ruhe
Die Welt ordnete sich von selbst"

[Laotse, Tao te king, Kap. 37]

Somit ist ein passives Stillhalten eine höchst schöpferische Tätigkeit, in der das äußere Wachbewusstsein lediglich sein Ego kontrolliert. Die kreativen Veränderungen werden vom inneren Selbst bewirkt. Darum wird sich mit jedem Innehalten alles zum Besseren wenden. Roberts stellte fest:

"Oft unterwandert ihr einfach die euch über eure Sinnesempfindungen vermittelte Wirklichkeit eures Lebens - den Überfluss an Vitalität und den Genuss des täglichen Augenblicks -, indem ihr die Wichtigkeit der Sekundärerfahrung [A.d.V.: Erzähltes, Fernsehen, Zeitungen, Radio hören, aber auch Bücher lesen] [...] überschätzt und übertreibt." [Lit 183]

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