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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 6: Philosophie des Lebens
(Link zum Verlags-Shop)
Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8375 1921 947)



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Kapitel 7.1.: Schulversagen (Leistungsdenken in unserer Gesellschaft)

Die meisten von uns halten Schulen für einen Ort, an dem Lerninhalte auf eine effektive Weise vermittelt werden und entsprechend der jeweiligen Leistung des Schülers in einer weitgehend gerechten Note münden. Jedoch entscheidet auch die Erscheinung eines Schülers - ob schlank und behände oder nicht schlank und träge - wenigstens im Sportunterricht indirekt über seine Bewertung, wird damit ein Bestandteil seiner Leistung. Diese versteckte Diskriminierung ist ein Kennzeichen einer Welt, in der in kollektiven Glaubenssätzen die Ansicht verankert ist, dass Starke die Schwachen fressen, dass ein Raubtiercharakter dominiert und dass dies völlig in Ordnung ist.

Schon den jüngsten Mitgliedern unserer Gesellschaft wird dies in der Verkleidung eines nur scheinbar achtbaren Systems vermittelt. Denn ein Sportlehrer lässt gegenüber einem körperlich benachteiligten Schüler gewöhnlich auf unsensible Art keinen Zweifel daran, dass er mit seiner aggressiv negativen Bewertung die auf Traditionen beruhenden Normen, gar die Moral auf seiner Seite weiß, somit per se und unanfechtbar im Recht ist. Denn nicht umsonst bedeutet der Begriff Moral auch Stimmung, Kampfgeist - und so ist die in diesem Sinne verwerfliche Moralität kein Vorzug und eine solche Haltung des Lehrkörpers frei jedweder spiritueller Informiertheit.

Die einzige, nicht eine Auslese aufgrund körperlicher Merkmale fördernde Einstufung wäre in diesem Beispiel der Zeugniseintrag 'Am Sport teilgenommen' oder 'Nicht am Sport teilgenommen'. Merkwürdigerweise stoßen sich die Wenigsten daran, dass Menschen auch heute noch nach derartigen Gesichtspunkten wenn schon nicht aussortiert1, dann doch benachteiligt werden. Das Aussortieren beginnt somit bereits in der Grundschule, denn wenn eine negative Bewertung im Sportunterricht den Noten-Durchschnitt nach unten zieht, ist möglicherweise der Übergang auf ein Gymnasium gefährdet. Und in manchen Bundesländern ist die oft subjektiv-emotional getroffene 'Lehrerempfehlung' des Grundschul-Klassenlehrers für die Art der weiterführenden Schule bindend.

Auf Gymnasien wie auch auf Stadtteilschulen geht die Diskriminierung weiter. So kann ein deutliches Übergewicht dazu führen, dass der für den angestrebten Studiengang notwendige Notenschnitt verfehlt wird. Auch private Universitäten sind aufgrund ihrer Zugangshürden möglicherweise nicht mehr erreichbar. Dass dieses System nicht infrage gestellt wird, zeigt, wie fest dieses Denken im menschlichen Kollektiv etabliert ist. Die entsprechenden Glaubenssätze und Überzeugungen sind so verinnerlicht, dass sie für Realität gehalten und nicht mehr infrage gestellt werden.

Kaum ein Lehrer sagt seinem Schüler nicht, wie er zu sein habe - orientiert an seiner eigenen, oft erbärmlichen Werteskala mit latenten Vorstellungen von Gehorsam und Anpassung. So wird in Lehrerempfehlungen auch die Zu- oder Abneigung des Lehrers zum Kind benotet. Das Problem der von mehr oder minder spirituell verengten Menschen geleiteten Ausbildungen in Kindergärten, Sportgruppen, Schulen und Universitäten lässt sich mit dem folgenden Zitat eines Erstklässlers zum Unterricht zusammenfassen:

"Da stand vorne jemand, der wurde sauer, wenn ich Fehler machte."

Durch miese Pädagogik, welche Fehler sanktioniert anstatt richtig gemachtes zu honorieren, wurden und werden Heerscharen von Schülern in einem Zeitraum von nur wenigen Monaten desillusioniert. Kommen anfangs doch fast alle hoch motiviert in die Grundschule, schaffen es die gedankenlosen und uninspirierten Vertreter unseres Schulsystems, nahezu jedem den Spaß am Lernen zu nehmen. Jedoch gibt es wenige begnadete Pädagogen, die in einer Weise zu Lehren verstehen, dass es nahezu alle Kinder einer Klasse fesselt und ihnen Bestätigung und Ermutigung gibt. Das sind die Lehrer, die den Kindern bis ins hohe Alter in Erinnerung bleiben.

Nur auf die folgende Weise werden Kooperation und gegenseitige Werterfüllung (Sh. Erg.Bd.9) - neben der Gewaltfreiheit die höchsten spirituellen Ziele des Seins - gefördert: Den Schwachen ist ohne Druck zu helfen, sie sind zu fördern, ihnen ist beizustehen und Erreichtes ist zu bewahren. Wir müssen also die Schwächeren in unsere Obhut nehmen, streng orientiert am Streben nach Wahrheit sowie am buddhistischen Begriff des Mitgefühls (Fn. S. 25), auf dass ein Jeder frei von Leid und dessen Ursachen sein möge.

Leistungsstarke und leistungsschwache Schüler müssen zusammen unterrichtet werden - der pervertierte und die Gesellschaft spaltende 'Exzellenz'-Gedanke sollte wie auch das Überspringen von Klassen aus dem Ausbildungssystem verschwinden. Die derzeitige falsche Schwerpunktsetzung trägt dazu bei, dass es inzwischen Abiturienten gibt, die nur eine sehr schwache Lesekompetenz aufweisen. Lesen ist jedoch der Kern jeder Bildung. Man könnte einmal darüber nachdenken, wie exzellent die politischen und industriellen Entscheider selbst sind, deren Streben im aktuellen Ausbildungssystem mündete.

So werden in unserem nunmehr turbokapitalistischen System unnötig die wenigen Starken fokussiert und die Ausbildung der breiten Masse vernachlässigt. Ebenso wie gesellschaftlich gut durchmischte Wohnviertel ein angenehmeres menschliches Klima bieten als Sammelbecken der Gescheiterten, nutzt auch eine leistungsmäßig gut durchmischte Schulklasse beiden Seiten - der Schwache profitiert vom Vorbild und der Starke profitiert vom direktem sozialen Kontakt zu Schwächeren.

Das nach der Nazizeit überwunden geglaubte Elitedenken ist also wieder ausgegraben. Die Leidensäußerungen der nicht geförderten Schwachen verhallen ungehört, sie äußern sich nur stumm in den Statistiken zu 'anerkannt' depressiven Schülern. Man könnte das Vorantreiben dieser Entwicklung durch Medien und Politik auch so bewerten: Unsere Gesellschaft entwickelt sich kollektiv spirituell zurück, verliert einen nicht unerheblichen Teil ihres mühsam errungenen Humanismus2, welcher Ausdruck spiritueller Informiertheit ist.

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