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Reihe: 'Hinter den Kulissen unserer Welt' ONLINE LESEN
Band 3: Klassische Sterbeforschung
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Das hier zum Lesen freigegebene Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich
(ISBN 97 8374 9455 133)


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Kapitel 8.: Von Trauer, Verbundenheit und der Angst vor dem Tod 1

Ist es nicht merkwürdig, dass wir so vieles über das Leben wissen wollen, doch so wenig über das Sterben und über das System, welches das physische Leben einbettet? Mystery-Serien im Fernsehen finden zahlreiche Anhänger, Mord und Totschlag im Computerspiel, Film und auf der Bühne faszinieren die Menschen, aber nur wenige finden den Zugang zu Schriften, welche ihnen Annahmen über die uns umgebende, ungleich komplexere geistige Welt vermitteln.

"Man hat mir eine Eintrittskarte für das Paradies bestellt - ein Flug in weite Ferne. Es wird ganz einfach sein." Dies ist die Übersetzung eines Gedichts eines zwölfjährigen Mädchens, geschrieben wenige Wochen vor einem Geiseldrama in einer russischen Schule, bei dem dieses Mädchen und viele andere ihr Leben ließen. Das Sterben ist weniger als ein Schritt - wir nehmen diesen Prozess nicht wahr, wenn wir ihn nicht erwarten oder hierbei abgelenkt sind, beispielsweise durch Kampfhandlungen oder durch einen das Sterben verursachenden Unfall. Dann ist es für den Betroffenen eine Überraschung, festzustellen, verstorben zu sein. Das Sterben an sich besteht also in einem völlig unspektakulären Ablegen des physischen Körpers, ähnlich dem Ablegen eines Mantels - das Schwere daran ist häufig die Zeit vor diesem Moment, wenn das Wachbewusstsein noch an einen kranken oder verletzten Körper gebunden ist.

Doch selbst wenn unser Leben zu Ende ist, möchten wir oft noch verweilen, so wie man im Kino nach einem ergreifenden Film auch nach dem Abspann sitzen bleibt, um das Gesehene zu verdauen und sich langsam davon zu lösen. Doch die Filmspule klappert leer im Projektor, hier geht nichts mehr weiter. Nun beginnt ein neuer Abschnitt der Existenz, eine Reflexionspause vom Leben. Das in der Psyche des Wachbewusstsein dominierende Ich (vgl. Bd.zero) bleibt wach und teilnehmend, es nimmt nur einen Platz in der hinteren Reihe ein. Nun tritt das Unterbewusstsein als Experte geistiger Welten in den Vordergrund - so wie es sich zu Lebzeiten im Hintergrund gehalten hatte [Lit 191].

Die Momente des Eingehens in einen neuen physischen Körper und des Sterbens sind also für unser Bewusstsein kaum merkliche Vorgänge. Es sind unmerkliche Übergänge in andere Zustände. Roberts (Seth) bemerkt hierzu, dass die Geburt ein weit größerer Schock sei als der Tod. Manchmal merke man gar nicht, wenn man stirbt, aber die Geburt bringe fast immer ein heftiges, plötzliches Erkennen mit sich. Sie ergänzt:

"Das Leben ist ein Zustand des Werdens, und der Tod ist ein Teil dieses Werdeprozesses. Ihr seid gegenwärtig am Leben, seid ein Bewusstsein, das von sich weiß und inmitten eines Trümmerhaufens toter und absterbender Zellen Erkenntnis sprüht; voller Leben, während in eurem Körper Atome und Moleküle sterben und ihre Wiedergeburt erleben. Ihr seid demnach umgeben von kleinen Toden; Teile eures Erscheinungsbildes bröckeln in jedem Augenblick ab, ohne dass ihr einen Gedanken daran verschwendet. So seid ihr also jetzt gewissermaßen inmitten eures eigenen Todes lebendig - lebendig trotz und gerade wegen der mannigfaltigen Tode und Wiedergeburten, die sich in eurem Körper auf physischer Ebene vollziehen. Stürben die Zellen nicht ab und würden nicht erneuert, so könnte euer körperliches Erscheinungsbild nicht fortbestehen. Auf diese Weise umflackert euer Bewusstsein ein ständig sich wandelndes körperliches Erscheinungsbild [...] der Körper, den ihr heute habt, enthält kein einziges Teilchen der physischen Materie mehr, die »er«, sagen wir, vor zehn Jahren hatte. Euer Körper ist ein völlig anderer jetzt als der vor zehn Jahren. Der Körper, den ihr vor zehn Jahren hattet, liebe Leser, ist tot." [Lit 175]

So wie wir inmitten unserer eigenen mannigfaltigen kleinen Tode lebendig sind, sind wir nach Roberts selbst im sprühenden Leben unseres Wachbewusstseins oft von der physischen Realität gänzlich abgekehrt. Und an anderer Stelle:

"Es ist die Natur des Menschen, zu leben und zu sterben. Der Tod ist keine dem Leben zugefügte Schmach, sondern er bedeutet die Fortsetzung des Lebens - nicht [...] innerhalb des Bezugssystems der Natur, wie ihr sie versteht, sondern im Sinne des schöpferischen Ursprungs der Natur. Dann allerdings erscheint Sterben als natürlich" [Lit 181]

Und in einer weiteren Publikation:

"Wenn euch ein Leben nach dem Tode unnatürlich und mit einem spekulativen Übernatürlichen verhaftet erscheint, dann fühlt ihr euch von allem losgetrennt, abgeschnitten und verwirrt [...] Ihr müsst wissen, dass [...] nicht zu sein ebenso natürlich ist wie das physische Dasein. Ein Leben vor und nach dem Tode ist eine genauso normale Erscheinung wie eure gegenwärtige Existenz." [Lit 184]

So ist nur das Eingebundensein in ein physisches Lebenssystem, gebunden an den vergleichsweise trägen und in vielerlei Hinsicht bedürftigen und anfälligen physischen Körper, das gelegentlich schwer zu Bewältigende. Es wird umso leichter, je erweiterter wir sind und sonst noch Seiendes in unsere Obhut nehmen. Denn jede Verengung basiert auf Angst - und diese wird als Last empfunden und bindet Energie. Wir nehmen die uns in einem Lebenszyklus dargebotene äußere Identität (vgl. S.286) an und leben sie ähnlich versunken, wie der Online-Spieler in die Figur seines Protagonisten schlüpft. Unsere Spielwelt ist zwar ungleich vielfältiger, doch das Prinzip ist ähnlich. Wir nehmen Tätigkeiten auf, erwerben irgendeine Art von Status, haben ggf. einen Beruf, eine Familie, eine gesellschaftliche Identität, arbeiten bewusst oder unbewusst an unseren Lebensaufgaben (vgl. S.103) - kurzum, wir sind in einem definierten Bezugsrahmen beschäftigt. In diesem Spiel werden wir von höheren Instanzen unseres Selbst vierundzwanzig Stunden am Tag unterstützt und in dem, was wir Schlaf nennen, geschult und belehrt (vgl. Bd.4).

Wenn wir dieses nur dem Wachbewusstsein vertraute Bezugssystem verlassen, befreit uns dieser Schritt von den vorgenannten, uns definierenden Begrenzungen. Zwar sind wir nach dem Übergang nicht mehr in der gesellschaftlichen Identität unseres letzten Lebenszyklus aktiv und damit scheinbar nicht mehr derselbe. Dennoch unterscheiden wir uns posthum ebenso wenig von unserer letzten irdischen Identität, wie wir uns heute von dem Kind unterscheiden, das wir einst waren. In beiden Fällen gibt es psychologische Entwicklungen. Wir empfinden jenseitig ebenso Emotionen wie hier und denken. Nur finden wir uns nach jeder Zustandsänderung in einer neuen Rolle wieder - lediglich unser ursprüngliches Selbst bleibt von diesen Wechseln unberührt. [Lit 133]

So nehmen wir auch unsere engeren Bindungen mit uns. Sie bleiben erhalten, solange wir uns nicht mental von den anderen abwenden oder sie von uns. So gibt es keinen Grund, sich nach dem physischen Ableben nicht von alledem zu lösen und wegen übermäßiger Anhaftungen für lange Zeit eine 'verlorene Seele' zu werden. Sei es,

Daher hatte das kleine Mädchen aus dem obigen Beispiel einen glatten Durchlauf - ihr Gewissen war unbelastet und es besaß noch die Offenheit, welche eigentlich nur kleinen Kindern zu eigen ist. Erst wenn der Verstorbene bereit ist, allen irdischen Ballast zunächst abzustreifen und sich dem Verlauf mit Neugier zu öffnen, kann er in Bereiche der geistigen Welt vordringen, die zu seiner spirituellen Informiertheit passen. Oft weiß er um die Möglichkeit eines Aufstiegs nach einer Klärung von Konflikten.

Jeder Angehörige sollte daher wissen, dass alte Konflikte auch wortlos und ohne Hinzuziehen eines Mediums mit dem Verstorbenen geklärt werden können. Denken Sie hierzu

so liebevoll als möglich an den physisch Verstorbenen, an das, was ihn ausmachte. Und dann stellen Sie sich selbst diejenigen Fragen, die den Verstorbenen quälen könnten. Und beantworten Sie diese gedanklich. Und warten ab, ob Ihnen noch weitere Fragen unvermittelt in den Sinn kommen. Und beantworten sie ebenso. Danach stellen Sie in der gleichen Weise dem Verstorbenen klare einfache Fragen und halten abwartend emotionslos inne. Achten Sie auf eine von außen kommende, emotionale Stimmung oder einen starken emotionalen Eindruck, welcher die Antwort ist. Sie erhalten als Antwort niemals die Wahrnehmung von Stimmen oder Worten, sondern nur emotionale Eindrücke wie von außen kommende Traurigkeit, heitere Gelöstheit oder heftige Glücksgefühle.

So könnten Sie beispielsweise fragen, wie sich der Verstorbene fühlt und würden bei gutem Kontakt und Offenheit dessen emotionale Verfassung im eigenen physischen Körper spüren. Dessen Gefühle der Angst, Trauer, Gelöstheit oder Freude etc. werden von Ihnen als von außen kommend erfahren und sind es auch. Sie fühlen, dass diese Stimmungen nicht aus ihrem persönlichen Bewusstsein resultieren.

Die bei anderen Menschen und Tieren - lebenden wie verstorbenen - und überhaupt bei allem uns interessierenden Seienden geparkten Energieanteile unseres persönlichen Selbst ziehen wir entweder nach unserem physischen Ableben in bewusster Entscheidung vom Anderen ab oder aber wir belassen sie bei denen, die wir einst in unsere geistige Obhut genommen haben. Wenn wir diese Anteile abziehen, uns mental von Hinterbliebenen abwenden, empfinden die Betroffenen diesen Verlust als tiefe Trauer. Sie entsteht aus dem Leeregefühl, einem Gefühl der Einsamkeit und des Verlassenseins, wenn vertraute Energieanteile des Anderen dem eigenen Selbst plötzlich fehlen.

Wohl jeder hat diesen Effekt schon einmal erlebt. Wenn man nach einer innigen Beziehung verlassen wird, ist es genauso. Umgekehrt kann in einer engen Beziehung, nach dem physischen Ableben eines der Beteiligten, beim Hinterbliebenen das Gefühl der Trauer vollkommen ausbleiben - nämlich dann, wenn man sich immer noch sehr nah ist, sich keiner vom anderen abwendet und ihm damit emotional kündigt. Ingrisch beschreibt dies sehr schön in einer festgehaltenen Kommunikation mit ihrem verstorbenen Ehemann:

Ingrisch: "Bin ich Dein Seismograph? Reagiere ich mit Ruhe, Verzweiflung, Trauer, Fassungslosigkeit auf Deine Zustände?"

Gottfried von Einem (25 Tage zuvor verstorben): "So ist es. Und ich reagiere auf Deine. Wir sind ein dies-jenseitiges Paar. Wie diese Elektronenpärchen, von denen Du mir immer erzählt hast. Der Tod scheidet nicht. Also pass' auf, dass Du nicht als lauter Trübsal in mich einfließt. Sei heller."

Soweit das Zitat. Wenn wir einen Nahestehen durch den Tod oder eine Trennung zu Lebzeiten verlieren, können wir in dreierlei Weise trauern:

Trost können wir beim Verlust eines Menschen durch physisches Ableben in der Gewissheit finden, beim Weiterbestehen einer gefühlsmäßigen Verbindung den Kontakt zum Anderen nicht zu verlieren und ihn nach unserem eigenen physischen Ableben wiederzutreffen - wenn wir denn die gedankliche Verbindung aufrecht erhalten. Allerdings müssen wir hinnehmen, dass sich der andere inzwischen weiterentwickelt und ohnehin eine größere Geschichte hat, als uns bekannt ist. So ist die uns vertraute irdische Identität des Anderen nur eine von vielen aus dessen 'Repertoire', wie Ingrisch es nennt [Lit 131].

Aus der Sicht der geistigen Welt betrachtet gibt es beim physischen Ableben nichts zu betrauern - ebenso wenig, wie man wegen eines Umzugs innerhalb der physischen Welt trauern würde. Denn niemand ist völlig 'aus der Welt', nur möglicherweise einige Zeit schwerer zu erreichen. Dennoch unterstützt die große Obhut unseres Selbst das individuelle Leben, wo immer es Sinn macht. Ein im Konzentrationslager Gefangener wurde beispielsweise nach seiner Nahtoderfahrung vital und kräftig, obschon er sich bereits aufgegeben hatte und der Tod durch Entkräftung unmittelbar bevorstand. Er fühlte sich fortan geborgen und getragen von einer "lebensprudelnden Kraft", die ihn vor Auszehrung bewahrte.

Die Grundhaltung der

Wenn nun manche frisch Verstorbene von heiteren, gutgelaunten, vormals verstorbenen Nahestehenden empfangen werden, ist dies ein Indiz für die Annahme, dass ein Leben in der geistigen Welt für nicht selbstsüchtige Identitäten besser ist als für spirituell uninformierte. Und das erstere die Möglichkeit haben, eine hohe Energieebene direkt im Übergang des physischen Ablebens ohne zeitlichen Verzug zu erreichen.

Hierzu gehört jedoch, dass der auf die physische Welt bezogene Wille, das "sinnliche Wollen" [Lit 112], knapp gehalten wird, das Wachbewusstsein sich zurücknimmt, wenig denkt und sich der Führung des Unterbewusstseins überlässt. Hierdurch folgt man dem dargebotenen Verlauf ohne störende Einflüsse und löst sich leicht vom letzten Lebenszyklus. Dennoch ist das Jenseits für viele Übergehende mühsam, denn die mentalen Zustände eines physisch Lebenden unterscheiden sich wenig von denen nach dem Ableben [Lit 126]. Wenn jedoch neue Erkenntnisse gewonnen werden, bessert sich mit der damit einhergehenden Bewusstseinserweiterung auch der geistige Zustand. Die Erkenntnisse sind oft recht einfacher Natur. Sie erfordern jedoch einen Blick auf unsere Existenz, der über den Tellerrand unserer physischen Theaterkulisse hinausgeht.

Nach Vollmar stellte für die Griechen der Schlaf 'hypnos' mit seinen Träumen den kleine Bruder des Todes 'thanatos' dar [Lit 172]. Auch nach Ingrisch, Monroe, Roberts und anderen Quellen bewegen wir uns bereits Nacht für Nacht und meist äußerst gerne in den geistigen Vorstellungswelten, vor denen sich viele Menschen aufgrund irriger Glaubenssätze fürchten. Wir sind also bereits zu Lebzeiten in Tagträumen und im Schlaf (vgl. Bd.4) mit dem Fokus der Aufmerksamkeit des Wachbewusstseins im 'Himmel' unterwegs und außerhalb der reellen Zeit unseres physischen Lebenssystems aktiv (vgl. S.71). Warum also haben wir Angst, am Lebensende auf unseren mehr oder weniger schwerfälligen und bedürftigen physischen Körper zu verzichten? Nichts anderes ist das Verlieren des physischen Lebens. Der Körper ist ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel für die physische Welt der Erscheinungen des Willens (Def. Band 5), ein das Bewusstsein bindendes und begrenzendes Element für die Dauer eines Lebens.

Das physische Sein ist dennoch ein interessanter und sehr wichtiger Teil der gesamten Existenz. Daher sei angemerkt, dass eine Selbsttötung oft Ausdruck extremer Anhaftung an irgendetwas aus dem physischen Lebenssystem ist und hieraus ein ungünstiger Verlauf der Orientierungsphase resultiert (vgl. Bd.7). Der lebensverkürzende Eingriff ist Ausdruck eines dominierenden Willens. Umgekehrt führt nur die Negierung jeglichen Wollens zum natürlichen physischen Ableben und posthum zu einer schnellen Befreiung (Fn. S.198). Dieser Aufgabe allen Wollens liegt eine wichtige Erkenntnis zugrunde. Lässt man dagegen seinen Willen lebensverkürzend eingreifen, setzt sich dessen Dominanz nach dem physischen Ableben zunächst fort. Dies behindert die freie Bewegung in der geistigen Welt.

Roberts weist darauf hin, dass Selbstmördern der gleiche Verlauf bevorsteht wie auf andere Weise Getöteten. Es sind also die eine Selbsttötung initiierenden persönlichen Verstrickungen zum Zeitpunkt des Ablebens, welche zu Lebzeiten oft leichter aufgelöst werden können als in der geistigen Welt. Ungelöste Probleme werden immer - bei jedem Ableben - mitgenommen und in einem der nachfolgenden Lebenszyklen aufgearbeitet. [Lit 175]

Folglich hat es derjenige schwerer, welcher sich beispielsweise wegen verfehlter Lebensziele oder einer verlorenen Liebe das Leben nimmt als derjenige, welcher innerhalb einer stark fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung durch bewusste Entscheidung aus dem Leben tritt. Dennoch ist es der Königsweg, auch dieses Schicksal als ein selbstgewähltes demütig zu akzeptieren und bestmöglich zu leben. Alles ist nur vorübergehend. Das sei vor allem denjenigen gesagt, die einer gesetzlich reglementierten Tötungsindustrie das Wort reden. Derartige Entscheidungen dürfen niemals durch einen gesetzlichen Rahmen o.ä. als vermeintlicher Ausweg aus schwierigen Lebenssituationen nahegelegt werden - denn dann müsste es auch erlaubt sein, schwer verletzte Unfallopfer zu töten, wenn man meint, das werde ohnehin nichts mehr mit der Gesundung.

Leben muss man wollen - wer gar nichts mehr will, stirbt ohnehin zu jeder Zeit in jedem Alter auch in bester gesundheitlicher Verfassung binnen überschaubarer Zeit (vgl. 48). So müssen sämtliche Erfahrungen der Lebenszyklen wie nicht medikamentös unterdrückbare Schmerzen oder körperliche und geistige Einschränkungen bis zur finalen Aufgabe allen Wollens erduldet werden. Wer diese Erfahrungen unter Reduzierung seines Willens zunehmend stoisch erträgt, ist auf dem bestmöglichen Weg. Eine Lebensverlängerung über Atemunterstützung oder künstliche Beatmung, über Nierenersatzverfahren oder künstliche Ernährung ohne eine Perspektive auf Besserung der Gesamtverfassung ist dagegen abzulehnen (vgl. S.47).

Das Bewusstsein ist unzerstörbar und endet nicht am Übergang des physischen Todes, es erfährt nicht einmal eine wahrnehmbare Veränderung - wenn man davon absieht, dass man sich hiernach um ein Vielfaches klarer im Geist und gesund fühlt. Insofern sind Tod und Geburt Zustandsänderungen. Unser Bewusstsein ist das eigentlich Lebendige, das dauerhaft Lebende. Unsere sichtbare physische Welt der Erscheinungen des Willens ist dagegen als temporäre Lernumgebung, als Schule zu denken. Der Stoiker Marcus Aurelius Antonius vertrat die Auffassung, dass es keinen Unterschied macht, ob man 100 oder 200 Jahre lang ewig ein und dasselbe sieht. Und dass der, der noch das längste Leben vor sich hat - ich zitiere - "auch nur dasselbe verliert wie der, der sehr bald stirbt - denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt und niemand verlieren kann, was er nicht hat [...] Zudem ist diese Verwandlung und Lösung das Naturgemäße, und das Naturgemäße ist niemals von Übel." [Lit 72]

Soweit Marc Aurel, wie er oft verkürzend genannt wird. Allerdings rührt die Angst vor dem Übergang auch daher, dass die bisherigen wesentlichen Inhalte unseres Denkens und Sorgens ihren Bezug im physischen Leben haben - es sei denn, wir trauern stark um einen Verstorbenen und wollen ihm nachgehen, wie es bei alten Leuten nach langjährigen Partnerschaften manches Mal zu beobachten ist. Doch schon Konfuzius sagt: "Betrauert die Abgeschiedenen nicht mit übertriebenen Klagen; die Verstorbenen sind unsere ergebenen und treuen Freunde und immer um uns." Sie sind nur einen Gedanken weit entfernt.

Natürlich werden wir, wenn wir denn so empfinden - den vorübergehend verloren gegangenen direkten Kontakt zu denen, welche vor uns gegangen sind, betrauern. Doch sollte sich hierin auch Erleichterung mischen, dass jene ihre Lebensaufgaben erfüllt haben und ihnen unschätzbare Entwicklungsmöglichkeiten offen stehen. Und Hoffnung, dass ihr Zuwachs an spiritueller Erkenntnis im letzten Lebenszyklus ausreichend war, so dass ihnen nur noch geplante Lebenszyklen bevorstehen - wenn überhaupt. Auch scheint es ein Muster zu geben, welches die Leben Nahestehender eng miteinander verknüpft, so dass nicht selten Reinkarnation in 'Seelengruppen' und hierin in "abenteuerlichen Variationen" stattfinden. So entstünde ein Band des Geben und Nehmens über eine Abfolge von Lebenszyklen. [Lit 133] 

Die bewusste Entscheidung eines Verunfallten, trotz schwerster Verletzungen im physischen Leben zu bleiben, um Angehörigen weiter zur Seite zu stehen oder eine Aufgabe zu Ende zu bringen, ist trotz des Trosts der Nähe zu den im physischen Leben Befindlichen ohne Zweifel das härtere Los. Doch steht jeder unter der großen Obhut seines ursprünglichen Selbst1. Dessen Hilfen haben es in sich, sie geben schon zu Lebzeiten Richtung und Halt, trösten uns, wenn wir verzweifelt sind und geben uns im Wachsein wie in Träumen unzählige Winke. Und zeigen sich in Fügungen, die wir meist fälschlich als Zufälle deuten. Wenn wir diese Hilfen allerdings nicht erkennen und annehmen, ist uns nicht zu helfen. Bestritten wir diese Obhut, wähnten wir uns auch in der Orientierungsphase in der Raumzeit gefangen, in gewisser Weise verloren - bis wir unsere selbstgestrickte Falle erkennen.

Wir allein reichen nicht, um Liebe (vgl. Bde. 6 & 8) und Frieden zu spüren. Es bedarf eines Bezugspunktes für die Liebe außerhalb unseres persönlichen Selbst. So können wir zwar uns selbst lieben und gut zu uns sein, Erfüllung jedoch nur im Spiegel eines anderen finden. Ingrisch schreibt hierzu in Briefen aus der geistigen Welt - dem 'Donnerstagebuch':

"Mach Dir nicht zu große Sorgen um die vor Dir Verstorbenen. Du musst nichts mehr in Ordnung bringen, die Ordnung geschieht. Die Welt ist ein Gewebe, Du bist nur ein Faden. Willst Du an Dir selbst zerren, um das Gewebe zu erhalten? Du störst nur, wenn Du es versuchst, und eine hässliche Unregelmäßigkeit entsteht [...] Fühle Dich geborgen! Fühle alle geborgen, um die Du jetzt Angst hast. Du bist in lebendiger Abhängigkeit von allem, was war und sein wird [...] Wir sind [A.d.V.: in einer höheren Schicht des Seins] ineinander verschränkt zu einer einzigen Wesenheit, und diese Wesenheit bist Du auch, doch in einer anderen Phase Deiner Entfaltung" [Lit 133]

Soweit Ingrisch. Man sollte den Tod nicht fürchten, weil dies das Leben behindert. Man sollte sich aber auch nicht auf ihn freuen, weil auch das das Leben behindert. Die beste Haltung beschreibt einmal mehr der Stoiker Marc Aurel, welcher sagt, dass man mit einem Schiff in einen Hafen kommt, dort an Land geht, ein paar Blumen pflückt, sich vielleicht verliebt, Geschäften nachgeht und sich irgendwie einrichtet. Aber das Schiff wird wieder ablegen. Und man muss dabei sein. Darum sollte man stets in Sichtweite des Schiffes bleiben, um nicht am Ende mit Gewalt an Bord gezerrt zu werden. Man geht aufrecht zurück, wenn es an der Zeit ist weiterzufahren. [Lit 166]

Die mit dem Sterben verbundene Bewegung auf der Skala der 5. Energiedimension wird gelegentlich2 als Flug durch einen Tunnel beschrieben. Dieser Tunnel präsentiert sich unterschiedlich - mal groß und weit, ein anderes Mal an den Körper angepasst. Manches Mal gibt es Kurven und die Bewegung ist ein Durchschweben, ein anderes Mal bewegt sich die Tunnelwand mit.

Dies ist für uns alles andere als ungewöhnlich, weil wir diese Strecke Nacht für Nacht, bei jedem Einschlafen und vor jedem Erwachen, in beide Richtungen absolvieren. In der Regel haben wir am Morgen keine Erinnerung daran. So sind die Abläufe des Sterbeprozesses für unser Bewusstsein nichts Aufregendes - selbst das Ablegen des physischen Körpers haben wir meist schon unzählige Male erlebt. Das einzig Überraschende ist, dass uns all dies neu erscheint, denn von den durch unser Wachbewusstsein passiv begleiteten nächtlichen Traumreisen (vgl. Bd.4) bleiben nur wenige Fragmente im Gedächtnis haften.

"Erst heute weiß ich, dass Ende und Anfang eins sind", schreibt Ingrisch [Lit 134]. Wir treten ein in ein Leben wie zu einem Besuch - und so verlassen wir es auch und trotten den früher Gegangenen hinterher. Und finden uns schließlich auf wohlvertrauten Wegen wieder.

Wenn also in der letzten Phase des Übergangs das Leben endgültig unter uns hinwegfegt, es uns als ein Wimpernschlag erscheint, als kurzer Moment, was lässt uns dann wiederkehren, uns um unsere Lieben, die im Leben zurückgeblieben sind, sorgen? Was veranlasst uns, uns weiter mit den Lasten des Lebens zu beschäftigen? Wir helfen unseren Lieben wie einem guten Freund - weil sie für uns eine Bedeutung haben, es Durchmischungen der Bewusstseinsenergien gibt, welche uns mit allem, was 'uns lieb' ist, verbindet. Dem liegt Liebe zugrunde.

Das Schlusswort dieses 3. Bandes gebührt Schopenhauer:

"Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das Ende der Anfang knüpft, wie nämlich der Eros mit dem Tode in einem geheimen Zusammenhange steht, vermöge dessen der Orkus3 [...] nicht nur der Nehmende, sondern auch der Gebende und der Tod das große Reservoir des Lebens ist. Daher also, daher, aus dem Orkus kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben hat - wären wir nur fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, vermöge dessen das geschieht, dann wäre alles klar." [Lit 106 - Aphorismen zur Lebensweisheit]

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