Lesewelten

Das Kritik-Blog

[04-2007] Vergänglichkeit

Ist es nicht merkwürdig, wie beharrlich wir von einem Nicht-Altern der Menschen ausgehen, so dass wir erschrecken, sehen wir diese erst nach Jahren wieder? Dann erkennen wir, wie die Zeit auch an uns arbeitet, dass wir nicht ausgeschlossen sein können von diesem Verfall, wenngleich unser Innerstes nicht mitzualtern scheint, tatsächlich aushaart und noch das gleiche ist wie in jungen Jahren. Nur unser Gebaren passen wir an unsere Erfahrung an.

Mein alter Deutschlehrer mag damals wohl Anfang Fünfzig gewesen sein - bis zum Schreiben dieser Zeilen ist es mir nie in den Sinn gekommen, dass er zwischenzeitlich gealtert sein müsste. Der Vater eines Freundes, den man nur alle paar Jahre sieht, den zufällig wiedergetroffenen Schulfreund, die Nachbarin, welche uns nur alle paar Jahre über den Weg läuft - sie alle lehren uns mit ihren dann sichtbaren Alterungen Respekt vor der Zeit, welche uns so unmerklich unablässig mitzieht, ohne uns auch nur eine Sekunde des Verweilens zu lassen. Darum müssen wir in diesem Fluss der Zeit von Zeit zu Zeit in unseren Tätigkeiten innehalten, um uns zu besinnen auf das, was um uns herum und mit uns allen geschieht. Damit wir wenigstens gelegentlich einen Überblick über das, was wir leben nennen, bekommen. Damit wir nicht erst am Ende unseres Lebens durch Alter und Krankheit gezwungen innehalten und uns fragen: "War das alles?"



Klassische Sterbeforschung
Leitfaden für Sterbebegleiter und Angehörige
überall im Buchhandel
(ISBN 97 8374 9455 133)

(Link zum Verlags-Shop)