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Das Kritik-Blog

[10-2006] Umformulierung klassischer Texte aus Gründen der political correctness

Die US-Amerikaner machen es uns vor - seit Jahren werden dort Klassiker aus aller Welt wie beispielsweise 'Rotkäppchen und der böse Wolf' unter dieser Motivation von den Verlagen umgeschrieben. Da können wir natürlich nicht zurückstehen. Den Anfang macht in diesem unseren Lande die EKHN (Evangelische Kirche Hessen Nassau) mit der Bibel. Die Evangelisten finanzierte fünf Jahre lang 50 Übersetzer mit EUR 400.000,-, um die bekannte Jahrhunderte alte Übersetzung politisch korrekt umzuformulieren.

Ein Ergebnis von vielen anderen (Originaltext):

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." (Luther, Psalm 23)

Neuer Text:

"Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern." (Luther, Psalm 23)

Sowohl die Zeitform als auch die unterstellte Intention stimmen nicht mehr überein - das Ergebnis scheint mit einem Übersetzungsprogramm erstellt zu sein. Das Geld dieses unnötigen und die Inhalte verfälschenden Projektes mit erbärmlichen Resultat wäre besser aufgehoben gewesen in der Finanzierung sozialer Aufgaben. Zudem: Was bliebe für die nachfolgenden Generationen von dem Originaltext eines großen Denkers, einer Ausnahmeerscheinung wie beispielsweise Kant oder Schopenhauer denn noch übrig, wenn dieser von weniger hochstehenden Köpfen alle paar hundert Jahre an Zeitgeist und Rechtsprechung angepasst würde?



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