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12. Juni 2008

Noch Kinder in diese Welt setzen?

Wir sind ein glückliches Paar, Anfang Dreißig, beruflich gut etabliert, leben ein fast perfektes Leben. Wir wollen eigentlich Kinder, trauen uns aber nicht, diesen ein Leben in dieser Welt voller Gewalt, Kriegen und Auseinandersetzungen zuzumuten. Wir sind ratlos. Was sagen Sie dazu?

Jürgen & Maria L., Karlsruhe


Einerseits ahnen Sie, dass Sie Ihren Kindern etwas zumuten werden. Schon die Sozialisation unter teilweise gestörten Anderen ist kein Zuckerschlecken. Auch ist der Weltlauf nicht in Ihren Händen - so ist es nicht auszuschließen, dass morgen nebenan ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, ein weiterer irrer Politiker einen Weltkrieg auslöst oder die Umweltverschmutzung unsere Kinder und Kindeskinder krank machen wird. So ist mit der Freude über Kinder auch Sorge und einiges Leid verbunden.

Und doch: Wir müssen es immer wieder versuchen. Ohne das Vertrauen und die Zuversicht, mit der unsere Eltern uns in diese Welt einführten, wären wir schlicht nicht da. Und ich denke, dass - wenn es ein Leben vor und nach unserer physischen Existenz gibt - solch ein oft hartes, nicht selten leidvolles Erdenleben auch eine Funktion erfüllt, welche die dieses Durchstehenden in irgend einer Weise weiter bringen kann. Sie beide haben die besten Voraussetzungen, um einem Kind den Weg zu ebnen: Sie sind wirtschaftlich abgesichert, verspüren den Wunsch nach einer Erweiterung ihrer Beziehung durch Kinder, sind zugleich vorausschauend besorgt. Besser können es Ihre Kinder nicht treffen. Geben Sie Ihnen eine Chance. Und vielleicht ist auch Ihre eigene Lebensaufgabe erst erfüllt, wenn Sie dieses auf sich genommen haben.

11. Mai 2008

Gibt es Freundschaft zwischen Mann und Frau?

Ich bin seit längerem verheiratet und arbeite seit einiger Zeit mit einer sehr netten jungen Kollegin zusammen. Wir verstehen uns prächtig - und während einer privaten Geburtstagsfeier eines anderen Kollegen hatten wir unseren ersten Streit. Darüber, ob es reine Freundschaft zwischen Männern und Frauen geben könne. Ich denke nein, aber sie sagt ja. Wir fühlen uns sicherlich zueinander hingezogen, doch ich möchte keinesfalls mehr als eine Freundschaft und kein 'Risiko' eingehen. Kann ich mich auf einen engeren freundschaftlichen Kontakt einlassen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten?

Frank B., Berlin



Ihr Gefühl signalisiert Ihnen bereits, dass das Eis dünner und dünner wird. Tatsächlich leistet die Natur mit ihren den Männern und Frauen eingepflanzten Genen und passenden körperlichen Reaktionen ganze Arbeit, indem diese - nicht am Wohl eines Einzelnen, sondern nur am Erhalt der Gattung interessiert - über ein Gefühl der Sehnsucht die Frau nach potentiellen Vätern ihrer Kinder, dem Mann dito nach geeigneten Müttern suchen lässt. Kaum jemand vermag diesem Urtrieb zu widerstehen. Und nur wenigen gelingt es bei der Vielzahl von potentiellen Familiengründungspartnern, die uns im Laufe unseres Lebens über den Weg laufen, durchgängig einen intimen Kontakt zu vermeiden.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass auch diese Frau - vielleicht entgegen ihren eigenen Absichten - in einem Moment größerer Nähe zum Angriff, zur Eroberung Ihrer Festung übergeht. Selbst wenn Sie Ihre Zeugungsinstrumente in der Vergangenheit stets in der Hose gelassen haben, ist dies keine Gewähr dafür, dass Sie uneinnehmbar sind. Das Beste für Ihre derzeitige Beziehung wird daher sein, keine weitere Annäherung zuzulassen und auch keine positiven Signale auszusenden. Selbst wenn Sie es in einen kritischen Moment schafften, nein zu sagen, wäre diese Zurückweisung für Ihre Kollegin unerträglich - sie würde sich tief verletzt vollständig abwenden. Liebende Frauen verzeihen den Männern alle Fehler und jeden Übergriff in ihre Intimsphäre - aber keine Ablehnung in einem späten Stadium der Annäherung.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gibt keine reine Freundschaft zwischen Männer und Frauen - jede so erscheinende langjährige 'Freundschaft' ist tatsächlich ein 'potentielle Partner in Reserve bunkern'; vielleicht sind beide noch in anderen Beziehungen und die Zeit nur noch nicht reif. Wenn sie also für Ihre Kollegin etwas fühlen - zeigen Sie es nicht.

16. April 2008

Wie der Mutter helfen?

Meine Schwester bekam das Haus meiner Mutter überschrieben unter der Bedingung eines lebenslangen Wohnrechts. Sie zog vor Jahren mit Ihrem gutmütigen Mann ein, übernahm nach und nach die immer intensivere Betreuung und Pflege. Nun ist meine Mutter so verwirrt, dass sie trotz der Bitte, nichts mehr zu kochen, immer wieder den Herd anlässt, vieles vergisst und jede Reinigung ihres Wohnbereichs oder auch nur das Lüften ablehnt. Meine Schwester schafft es nicht, von ihr dieses Mindestmaß an Zustimmung einzufordern. Auch ist absehbar, dass sie ohne externe Hilfen - die meine Mutter ebenfalls ablehnt - bald am Ende ihrer Kräfte und ihrer Ehe ist. Ich werde von meiner Mutter hinausgeworfen, wenn ich das Thema anschneide. Was tun?

Kristina L., Hamburg



Einerseits scheint Ihre Schwester in der moralischen Falle festzusitzen, Ihrer Mutter eine lebenslange Betreuung zugesichert zu haben, die im grundbuchlich eingetragenem Wohnrecht Ausdruck findet. Diese zugesagte Betreuung lässt sich so jedoch nicht einlösen. In guten Tagen abgegebene, gut gemeinte Versprechen dieser Art können auch an anderen neu hinzutretenden Umständen scheitern - ein Unfall, eine Krankheit oder unerwartete Einschnitte in der finanziellen Situation. Der erste Schritt ist nun die Einsicht, dass die seinerzeit getroffene Vereinbarung eine beidseitige Verpflichtung beinhaltete - nämlich auch die unausgesprochene Ihrer Mutter, alles dazu beizutragen, damit die Tochter die Betreuung arrangieren kann. Diesen Teil der Vereinbarung hat sie gebrochen. Denn wäre Ihrer Schwester bekannt gewesen, dass Ihre Mutter derart unkooperativ werden würde, hätte sie die aus einer solchen Haltung resultierenden Schwierigkeiten abwägen können. Doch Kinder werden von Wesensveränderungen ihrer Eltern überrascht - kaum jemand bezieht beispielsweise die Auswirkungen einer Alzheimer-Erkrankung eines Elternteils in die Überlegung ein. Es muss eine Situation geschaffen werden, die der Mutter ein Weiterleben im Haus in Sauberkeit und menschenwürdiger Betreuung ermöglicht. Dies kann nur über eine Verteilung der Betreuungsaufgaben auf viele Schultern erreicht werden. Die Meinung der Mutter jedoch ist nun nach eingetretener Betreuung kein zu berücksichtigendes Kriterium - sie muss sich beugen.

Fazit: Ihre Schwester muss aus Selbstschutz und zum Wohle Ihrer Mutter auf externe Hilfen bestehen und diese einsetzen - auch ohne ihre Einwilligung. Auch würde Ihre Mutter dieser Verfahrensweise wohl zugestimmt haben, wäre schon damals dieser Punkt angesprochen worden. Als Alternative käme nur eine geschlossene Heimunterbringung in Betracht, die jedoch keiner von Ihnen will. Bemühen Sie sich für finanzielle Unterstützung um eine Einstufung in eine Pflegestufe und suchen Sie in aller Ruhe einen Pflegedienst und eine Haushaltshilfe, welche die Problematik akzeptieren und nicht bei Widerständen das Handtuch werfen. Nur so können Sie und Ihre Schwester Ihrer Mutter einen würdigen Lebensabend bereiten.

5. März 2008

Wohin beruflich orientieren?

Lassen Sie mich meine Situation kurz beschreiben. Bei einem Arbeitgeber in der Forschung beschäftigt, haben sich seit Jahren bestehende Leitungskonflikte in den letzten Monaten in extremer Weise verschärft. Dazwischen stehen die Mitarbeiter, die mehrheitlich, psychisch und mittlerweile auch verstärkt psychosomatisch unter den täglichen Spannungen zwischen den Leitungspersonen leiden. Auch aufgrund dieser Umstände habe ich mich zu einem Ortswechsel entschieden und dies meinem Chef bereits mitgeteilt. Nun befürchte ich, beim anstehenden Arbeitgeberwechsel vom Regen in die Traufe zu geraten. Was können Sie mir für die Jobsuche empfehlen?

Mit hochachtungsvollen Grüßen
Ein kleiner Forscher



So erwachsen wir auch sein mögen, wir bedürfen alle der Anerkennung, der Zustimmung und eines Halts durch andere Menschen. Berufliche Konflikte wie die Ihrigen lassen sich für eine Weile durch liebende Familienangehörige und Freunde auffangen. Aber nicht auf Dauer. Ihre Lebensqualität verliert sich mehr und mehr, woraus seelische und körperliche Defekte erwachsen können. Eine Lösung des Leitungskonflikts scheint nicht greifbar zu sein, eine Einflussnahme übergeordneter Stellen nicht möglich, sonst hätte sich die Frage nach einem beruflichen Wechsel nicht gestellt. Darum ist es nicht nur richtig, sondern notwendig, dass Sie selbst nach Auswegen suchen.

Dennoch möchte ich Sie ermutigen, zunächst mit den betroffenen Vorgesetzten nach einer Lösung zu suchen. Oftmals ist den Beteiligten nicht im vollem Umfang bewusst, welche weitreichenden Auswirkungen ihr Verhalten auf die Mitarbeiter hat. Dadurch, dass Sie Ihrem Chef bereits die Möglichkeit eines Fortgangs mitgeteilt haben, ist der Boden geebnet für ein klärendes Gespräch. Geben Sie von Anfang an zu erkennen, dass Sie eine Lösung suchen. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie Ihre Tätigkeit, Ihre Kollegen und auch Ihre Vorgesetzte schätzen - die derzeitige Situation jedoch untragbar ist. Es kann gut sein, dass sich Ihre Position und eventuell auch die Ihrer Kollegen hiernach wesentlich verbessert, man Ihre Fähigkeit zur diplomatischen Eingreifen achtet.

Wenn dieses Gespräch jedoch nirgendwohin führt, müssen Sie handeln. Aristoteles bemerkt: "Nicht dem Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der Vernünftige nach", wobei hier die Schmerzlosigkeit mit einem fehlendem Leidensdruck gleichzusetzen ist. Sie haben ein reales Ziel, wollen ein Übel los sein - da lässt sich etwas ausrichten. Die Ungewissheit über die Verhältnisse an Ihrer neuen Arbeitsstelle ist kein Grund, diesen Schritt nicht zu gehen. Zwar kann Ihnen keiner kann sagen, wie die Sache ausgehen wird. Und höchstwahrscheinlich werden die Charaktere der Sie umgebenden Menschen an dem neuen Ort von ähnlicher selbstbezogener Beschaffenheit sein. Doch besteht eine gute Chance, dass Sie dort nicht oder weniger stark zum Spielball egoistischer Ziele werden und man Sie wohlwollend in das dortige System einbindet. Fühlen Sie dennoch ein deutliches Unbehagen im Bezug auf die neue Anstellung, sollten Sie auf Ihre innere Stimme, Ihr Unterbewusstsein hören und weitersuchen.

Die größte Hürde, das Problem überhaupt anzugehen, haben Sie überwunden. Nun könnten Sie sich entspannen und auf eine Veränderung hinarbeiten. Und halten Sie zu guter Letzt noch einen Moment inne, blicken Sie über Ihr Leben und fragen sich: Wozu könnte dies - dereinst retrospektiv betrachtet - gut gewesen sein. Wohin könnte es mich bringen?

2. Februar 2008

Bleiben oder gehen

Ich bin neununddreißig Jahre alt und schon ewig verheiratet. Wir haben zwei fast erwachsene Kinder. Unsere Ehe ist nach unruhigen Jahren nunmehr ein freundliches Arrangement - aber letztlich käme jeder von uns ohne den anderen besser zurecht. Bis auf unsere Kinder. Was tun?

Frank B., Idar Oberstein


Sie haben seinerzeit, als Sie Ihre Kinder in die Welt setzten, eine Kern-Verantwortung in Ihrem Leben übernommen. Sie besteht darin, die Nachfahren in diese Welt einzuführen und ihnen den Weg zu ebnen. Dieses Behüten im wahren Wortsinn wäre nicht möglich, wenn die Behüter nicht ihre eigenen damit inkompatiblen Ansprüche an das Leben aufgeben oder wenigstens reduzieren würden. Daher werden Abstriche an Einkommen, Reisen, neuen Erfahrungen und anderem gemacht, um diese Aufgabe zu vollenden. Ihre Frage zielt nun darauf ab, wann diese Aufgabe vollendet ist und Sie beide wieder frei sind. An Ihrer eigenen unsicheren Position erkennen Sie, dass selbst alte Kinder, wie Sie eines sind, an ihren Lebensweg zweifeln und mit sich hadern. So ist auch für Sie - und damit auch für Ihre Kinder - ein stabiler elterlicher Background ein großes Plus, um im Leben zu bestehen. Man bewegt sich im ruhigeren Fahrwasser, wenn wenigstens die Eltern als konstant stabiler Faktor für ihre Kinder stets da sind ähnlich wie zu der Zeit, als sie klein waren. Oft halten Kinder zwischen dem zwanzigsten und dem vierzigsten Lebensjahr großen Abstand - doch ist diese Distance ohne Bedeutung für ihr Bedürfnis nach einem beharrenden Elternhaus. Diese Eltern-Kind Beziehung ändert sich also nicht wirklich in den Jahren - und das ist gut so. Denn Eltern sind die einzigen Menschen, die (hoffentlich) ihren Kindern immer verzeihen, die sie vorbehaltlos lieben, an denen sich Kinder ihre Ecken und Kanten abschleifen können. Und zu denen sie zurückkehren können, wenn alles schiefgelaufen ist, sie allein und in großer wirtschaftlicher oder emotionaler Not sind.

Diese Elternrolle endet nicht. Daher wäre es Ihren Kindern zu wünschen, dass Sie das Arrangement mit Ihrer Frau fortführen können. Nicht für Sie beide selbst, sondern um Ihre Lebensaufgabe optimal zum Abschluss zu bringen.

13. Januar 2008

Müssen Kinder mit auf Verwandtenbesuche?

Ich habe einen siebzehnjährigen Sohn, der nur noch unter Protest auf Verwandtengeburtstage geht. Ab wann sollte er selbst entscheiden?

Holger R., Freiburg/Breisgau


Es trifft Eltern sehr, wenn sie erleben, wie ihre Kinder zunehmend selbst Entscheidungen treffen und Vorstellungen der Eltern ignorieren. Doch ist dies ein wichtiger und notwendiger Prozess auf ihren Weg zu einen eigenverantwortlichen Erwachsenen. Daher empfehle ich Ihnen, Ihren fast volljährigen Sohn eigenverantwortlich entscheiden zu lassen. Anders verhält es sich mit jüngeren Kindern und Jugendlichen - diesen wird über die Teilnahme an Familienfestlichkeiten der gesellige Umgang vorgelebt, wenngleich dieser nicht immer konfliktfrei abläuft. So lernen die Jungen von den Alten und wenden sich oft nach einer gut zehnjährigen Phase der Abnabelung wieder der Familie zu.

13. Dezember 2007

Soll das Kind getauft werden?

Ich bin 35 Jahre alt, evangelisch, getauft und glaube nicht mehr an die kirchliche Lehre. Nun möchten meine Frau und die Verwandtschaft, dass wir unser Kind endlich taufen lassen. Was tun?

Benjamin G, Kassel


Sie haben wie viele andere im Laufe der Sozialisation zunächst einmal die Werte und Einstellungen der Eltern blind übernommen. Mit den Jahren reflexieren Sie diese und kommen teilweise zu anderen Schlüssen. Ihr Kind wird dereinst die gleiche Entwicklung durchlaufen. Da Ihre Familie offenbar gläubig ist, könnten Sie Ihrem Kind beides auf den Weg geben - den von der Familie vermittelten traditionellen Glauben, symbolisiert durch eine Taufe, und Ihre weltoffene Anschauung, vermittelt durch Gespräche. So geben Sie Ihrem Kind wertvolle weil differenzierende Lebensanschauungen mit auf seinen Lebensweg, die es in die Lage versetzen, seinen eigenen Glauben zu finden.