März 26, 2002

Eltern


Ich hatte immer Angst um meine Eltern, schon als ich ein kleiner Junge war. Ich erinnere mich, ich war acht oder neun und kletterte abends immer noch einmal aus meinem Bett, schlich leise in den Flur um zu horchen - voller Angst, ob sie womöglich zwischenzeitlich verstorben wären, plötzlich und unerwartet. So unerwartet vielleicht nicht, denn meine stete Sorge, ihnen könnte etwas Schlimmes zustoßen und mich alleine auf der Welt zurücklassen, trug ich sicher schon vorher mit mir herum. Stets war ich dann erleichtert, ihre Stimmen zu hören, eine leise Unterhaltung, ein Austausch beim Lesen, ich schlich mich dann beruhigt zurück ins Bett und hatte für eine Nacht Ruhe. Woher diese übertriebene Sorge? Wahrscheinlich legte ein dreimonatiger Krankenhausaufenthalt im Alter von eindreiviertel Jahren, den ich ähnlich einer Isolationshaft nahezu ohne Kontakt zu lebenden Wesen verbrachte, den Grundstein zu diesem fehlenden Vertrauen in eine stabile Welt. Wie es der Zufall so will, sehe ich in der Zeit, als ich hieran schreibe, eine Reportage der BBC zu diesem Thema. Wissenschaftler haben demnach beobachtet, dass eine Trennung der Kinder von der Bezugsperson in einem Alter unterhalb von zweieinhalb Jahren irreparabel Urvertrauen schädigt, das in diesem Zeitraum aufgebaut wird. Daraus ergeben sich Verhaltensstörungen wie Klammern, nicht loslassen können. Die Verlustängste meinen Eltern gegenüber legten sich jedoch zunächst mit den Jahren und wurden abgelöst von einer Art ernsten Wachen. Als ich achtzehn Jahre alt war, starb mein Vater dann tatsächlich - viel zu früh und zu dem Zeitpunkt völlig unerwartet, ein trauriger Einschnitt; vielleicht war es aber auch nur eines jener Ereignisse, die wir schon lange vorweg erahnen und auf uns zukommen sehen.

Dann kamen lange glückliche Jahre, unbeschwert und nicht sehr besorgt, ich verbrachte sie abgelenkt durch meine inzwischen gegründete Familie, mich dabei an meinen Familienkosmos samt Freunden klammernd, meine Mutter soweit möglich immer einbeziehend - nicht nur aus einer Fürsorge, sondern aus dem persönlichen Wunsch, der Sehnsucht nach Kontakt heraus. Sie ist ein treuer Begleiter, eine Freundin und einzig übriggebliebene Vertraute, so sehen wir uns inzwischen täglich und fragen uns manchmal wie ein altes Ehepaar, wo denn nun die Jahre, die Jahrzehnte geblieben sind. Ich glaube, dies ist die beste Art ein Leben zu verbringen: nicht merkend, wie die Zeit vergeht, die Uhren zunächst nur unmerklich weiter und später dann ablaufen. Heute, sie ist siebenundachtzig Jahre alt, kommt wieder mehr Besorgnis in meine Gedanken, nunmehr begründet. Ihre Kräfte lassen nach.

In dem Wissen um die Bedeutung, den unersetzlichen Wert unserer Liebsten liegt immer Trauer verborgen, ein Verlust kann uns jederzeit ereilen, Freunde können aus unserem Dreieck der Welt wegziehen oder Gott hat entschieden, dass ein Lebensweg hier zu Ende geht. Insofern ist es vielleicht nicht erstrebenswert, sich dieser Möglichkeiten allzu Bewusst zu sein und zu sehr in Besorgnis zu verharren. So wie die Natur nach Emerson niemals grausam ist will sie nicht, dass in ihr lebende Existenzen traurig sind; Trauer schwächt das Immunsystem und so kann es im schlimmsten Fall die ständig irgendwo im Körper auftretenden entarteten Zellen, die Krebszellen nicht mehr im Schach halten. Nach Elisabeth Kübler-Ross ist selbst ein Schuldgefühl eine völlig unnötige Energieverschwendung; es löst sich nach ihr erst dann auf, wenn man sich selbst vergeben hat.

Zu meinem persönlichen nicht Loslassen können kommt allerdings noch eine weitere, für mich nicht besonders schmeichelhafte dünkelhafte Komponente: ich bilde mir - ohne es bewusst zu wollen - ein, dass das Wohl eines Jeden wesentlich von mir und meinem Verhalten, meinem Beistehen abhängt. Das ist ein sehr guter Nährboden für zusätzliche Schuldgefühle, für viele Erlebnisse des Versagens und damit für ein reduziertes Selbstbewusstsein. Es ist ein Dünkel zu glauben, schreibt Updike, dass das Glück der Welt von einem selbst abhänge. Aber vielleicht ist es wenigstens so, dass wir Schwachen, Kranken etwas von unserer Energie abgeben können, wenn wir an sie denken oder ihnen nah sind. Dann hätte dieses negative Persönlichkeitsmerkmal letztlich möglicherweise doch noch einen positiven Effekt. Verschiedene Sterbeforscher, so auch Bernard Jakoby, gehen von einer starken schöpferischen Kraft der Gedanken aus, sowohl im Leben wie auch in dem Teil des Jenseits, das bei Nahtoderfahrungen eingesehen werden konnte. Die objektiven Elemente des Jenseits würden dabei von den eigenen Vorstellungen, Wünschen und Gedanken beeinflusst, so das sich durch die Macht der eigenen Gedanken zumindest im außerkörperlichen Erleben alles Gedachte umgehend manifestierte. Die Auswirkungen unserer Gedanken zu Lebzeiten sind dagegen nur schwer auszumachen, wo sich alles eher als beliebiges Schicksal von außen zu manifestieren scheint; beim Übergang in den Tod würden wir jedoch das Ergebnis unserer Gedankenkraft erfahren. Wir schafften uns also hier wie dort unsere eigene Wirklichkeit, wählten, was wir erleben wollen.

Wie soll es weitergehen? Ich denke, wir alle sollten uns zurücklehnen und entspannen und den Dingen ihren Lauf lassen. Auch wenn sie uns nicht immer gefallen. Und wann immer es geht sagen: "Es ist nicht mein Problem". Schließlich bin ich nicht allein auf der Welt und noch weniger für andere verantwortlich. Zwar sind wir von Dummheit umgeben, von Narren regiert, doch, nicht mein Problem. Ich werde gedrängt, mein Beitrag zu diesem und jenem gefordert, doch immer öfter konstatiere ich auch hier: nicht mein Problem.