Dezember 26, 2001

Unweihnachtliche Weihnachten


Schon im November hatten sie Weihnachtslieder gehört, bis auf George allerdings nicht ganz freiwillig, denn er neigte dazu, seine Wünsche zu erfüllen, während er die seiner Familie eher übersah. Weihnachtslieder spielten im Auto, auf Fahrten zum und vom Supermarkt und auf dem Weg zu einem Besuch, einem Geburtstag oder Kieferorthopäden, den regelmäßig aufzusuchen in kleinen Unregelmäßigkeiten in dem von ihrem Zahnarzt zuerst erkannten Fehlbissen ihre Ursache hatten. George spielte sie auch zu Hause, wo sich jeder so gut es ging zurückzuziehen versuchte, nicht einfach in einer kleinen 78 ½ Quadratmeter Dreizimmer-Wohnung, in der sie, so gut es eben auf so beengtem Raum ging, lebten. Es ist ein Segen, dass uns die Alternativen zu unserem Lebensstil nicht einmal ansatzweise vorstellbar und bekannt sind, dass wir in einer Art Dämmerzustand leben und nicht sehen, was wir nicht haben, haben können; wir würden verrückt werden angesichts der Fülle besserer Alternativen, zu denen es mit den bisher getroffenen Entscheidungen an den wesentlichen Verzweigungspunkten in unserem Leben nicht kommen konnte. Sascha, sein großer Sohn, monierte die Musikauswahl häufig und kurz, die meiste Zeit hatte er die Ohrstöpsel von seinem Diskman eingesetzt, damit relativierte er sein Problem mit den andächtigen Choralen auf ein für ihn erträgliches Maß. Seine Frau dagegen, ebenfalls nicht begeistert, hatte es schon vor Jahren aufgegeben, ihre Position angemessen berücksichtigt sehen zu wollen; sie hat sich zurückgezogen hinter eine Wand aus Groll und geschickt verborgenen Aggressionen, zu denen auch viele andere Dinge beitrugen, nicht nur diese Lieder und die sich - gelegentlich zu manchmal unpassenden Zeiten - in überraschenden Losweinen oder Türenknallen ihren Weg zu den anderen suchten. Als Weihnachten näherrückte, nahm die Berieselung naturgemäß zu, nicht jedoch proportional die Weihnachtsstimmung, die bei ihnen - George eingeschlossen - selbst in der letzten Woche vor Weihnachten auf dem Nullpunkt war. Es würden schwierige Weihnachten werden in Bezug auf ihren jüngeren Sohn, Thore. Zu diesem Weihnachten hatte er, kurz davor dreizehn Jahre alt zu werden, ein Jugendzimmer mit vollständiger Renovierung geschenkt bekommen; große Kosten für das begrenzte Familienbudget, für diesen Preis konnte man schon den Jahresurlaub im Süden verbringen. Nun lief das Timing darauf hinaus, dass sie im November vor der Zeit der Weihnachtsvorbereitungen renovierten und daher - sollte Thore nicht ohne Möbel dastehen - die Lieferungen von Teppich, Bett und Schränken schon Anfang Dezember kommen. Somit hatte er dieses Geschenk schon vereinnahmt, eingeweiht und - unfreiwillig - als selbstverständliche Umgebung angenommen als das Fest näherrückte. "Du schaust so traurig", sagte George abends einmal zu seinem Sohn, als sie noch eine Weile nebeneinander in seinem neuen Bett lagen, eines ihrer abendlichen Tagesausklang-Rituale. "Ich bekomme doch nichts mehr zu Weihnachten.", sagte er darauf, und George ahnte, dass es für seinen Sohn unweihnachtliche Weihnachten werden würden. Später am Abend saß er dann mit seiner Frau im Wohnzimmer, sie überlegten, wie sie die Bescherung retten könnten. Sie einigten sich darauf, noch ein paar kleinere Sachen zu besorgen, einen Fahrradcomputer beispielsweise und ein kleineres Schachspiel, einen Kalender - Dinge, die er sich tatsächlich einmal in der letzten Zeit gewünscht hatte, die jedoch eher bescheiden waren angesichts seines Hauptwunsches, einen aktuelleren Computer und Bildschirm, unbezahlbar im Moment, die Taschen waren leer. Sascha, inzwischen fast fünfzehn Jahre alt, wünschte sich ebenfalls einen neuen Computer, nahm die Erfüllung seines aktuellen Traumes jedoch selbst in die Hand und wünschte sich schon sein dem Frühjahr bei allen passenden Anlässen nichts anderes als Geld. Damit wenigstens etwas ausgepackt werden konnte, kauften seine Eltern ihm den Brenner von seiner Wunschliste, teuer, teurer als die Geschenke in den vergangenen Jahren, die reichhaltiger schienen und abwechslungsreicher waren als dieser eine kleine Karton, kleiner als ein Schuhkarton, der als Symbol des Schenkens zum Fest der Liebe das lange Warten auf Weihnachten rechtfertigen sollte. Für Georges Mutter, eine liebe nette ältere Dame in den späten Achtzigern, munter, direkt und fröhlich, war es immer besonders schwierig, ein passendes Geschenk zu finden. Zwar gab es einiges, meist Kleinigkeiten, die sie brauchen konnte, es war ihr sichtbar unangenehm, Geschenke zu erhalten; zudem empfand sie diese als Last, jeweils ein Teil mehr, das zunächst angemessen verstaut und dann irgendwie entsorgt sein wollte. In diesem Jahr hatten sie eine zur Küche passende weiße Funk-Wanduhr ausgesucht, und diese Auswahl hatte eine komplizierte Vorgeschichte: Georges Schwester hatte ihrer Mutter ohne besonderen Anlass eine Wanduhr mit Eichenholzrand mitgebracht. Sie sollte eine schon vor langer Zeit kaputt gegangene ähnliche Uhr im Wohnzimmer ersetzen, dann jedoch fand sich überraschend ein Uhrmacher, der sie instand setzen konnte. Die nun überflüssige neue, nach Meinung aller nicht besonders hübsche Wanduhr wurde wegen zweier Vorteile gegenüber einer weißen dort bereits seit Jahren tickenden Wanduhr in die Küche gehängt: zum einen war es ein wenn auch nunmehr überflüssiges neues Geschenk, dass angemessen untergebracht sein wollte, zum anderen war sie mit einem Funk-gesteuerten Laufwerk ausgestattet, was ein Nachstellen oder Umstellen zur Sommer- oder Winterzeit unnötig machte.

Am Morgen des Heiligenabends war noch keiner von ihnen in Weihnachtsstimmung. Und das, obwohl bei ihnen zum ersten Mal seit gut zehn Jahren an diesem Tag Schnee fiel, dicke Flocken, die die Landschaft gleichmäßig weiß bedeckten. Die Nähe zum Meer ließ es üblicherweise im Herbst erst spät kalt und im Frühjahr später als anderswo warm werden; das nahe Meer war ein riesiger Wärme- oder Kältespeicher für die Umgebungstemperatur der letzten Monate. In der Vorweihnachtszeit unternahmen sie nichts besonderes, kein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt oder einer Weihnachtsausstellung, und so rauschten die letzten Tage für alle meist einsam vor dem Computer sitzend so dahin, und auch dieser letzte Tag auf dem Adventskalender begann so. Am frühen Nachmittag sollte noch eine gemeinsame Bekannte mit ihren zwei Kindern - im gleichen Alter wie ihre beiden - hereinschauen, ein Brauch, der sich über die letzten gemeinsam verbrachten Jahre eingebürgert hatte. Doch die Gäste kamen erst mit eindreiviertel Stunden Verspätung, sie hatten ihren Shit mal wieder nicht auf die Reihe bringen können und so kamen sie am späten Nachmittag zeitlich in den Bereich der Bescherung, die George eigentlich alleine mit seiner Familie, unter sich machen wollte, in diesem Jahr mit Thore als Weihnachtsmann. Sie aßen zusammen Würstchen mit Kartoffelsalat, und weil nicht abzusehen war, wann dieser zunächst nicht erschienende und nun als lästig empfundene Besuch beendet sein würde, beschlossen George und Hannah, im Beisein der Freunde zu bescheren, ein Stück für die neugierigen Zaungäste aufzuführen, mit Thore als Weihnachtsmann in der Hauptrolle. Er hatte sich vorzüglich in seinem Zimmer alleine verkleidet, in voller Weihnachtsmannmontur, mit Bart, Brille und Mütze. Aus dem Sack holte er nach seinem Auftritt die Geschenke und verteilte sie tapfer unter den glotzenden Augen des ungebetenen Publikums, wobei Sascha sich zur Profilierung vor den Gästen genötigt sah, kleine blöde Bemerkungen, Witzchen am Fliessband abzulassen. Thore erzählte am Abend, dass er sich noch etwas ausgedacht hatte, eine Überraschungseinlage, die er jedoch angesichts der nicht nur wohlmeinenden Gesichter ausfallen ließ. Er wollte nicht einmal mehr sagen, was es für eine Überraschung gewesen wäre. Unweihnachtliche Weihnachten.

Am nächsten Tag, dem ersten Weihnachtstag. rief George morgens seine Mutter an, sie hatten geplant, das er sie gegen zwei holen würde. Er hatte bei der Planung völlig übersehen, dass sie nach einer Feier für ein bis zwei Tage sehr erschöpft sein würde, ein Tribut an das nicht mehr so ganz jugendliche Alter. Er weckte sie mit diesem Anruf um zwanzig vor Zehn, sie hatte sich nach der Feier bei seiner Schwester - stets ein Gelage mit vielen Gängen - mehrfach übergeben, etwas war ihr nicht bekommen, ein ganz schlechter Start. George bot an, das Essen zu verschieben, der zweite Weihnachtstag täte es auch, doch sie war ganz gut beisammen und wollte wirklich kommen. An diesem Morgen oder besser bis in den frühen Nachmittag hatte er mit Gans, Rotkohl und Soße alle Hände voll zu tun; aus irgend einem nicht mehr nachzuvollziehenden Grund hatten er und Hannah offensichtlich vollständig die Rollen getauscht, er kochte, sie nicht; er machte sauber, sie nicht; er sorgte sich um die Kinder, sie nicht; sie verdiente das Geld, er nicht; sie war auch nach der Arbeit immer irgendwo, er nicht, und so weiter. Als der Braten im Ofen war, fuhr er die paar Straßen in ihrem Stadtteil zu seiner Mutter herum und schlug ihr vor, in diesem Jahr bei ihr zu feiern, alles mitzubringen, doch das Angebot wurde nicht angenommen. Es war schön, trotz allem sie so munter und fit zu sehen. So verging der Rest des Tages auch in guter Stimmung, nur noch wenig dem verlorenen Heiligabend nachtrauernd. Das Geschenk der Uhr erwies sich als Flop, Georges Mutter weigerte sich einfach kurz und knapp, es anzunehmen. Sie hätte bereits eine Uhr in der Küche, außerdem sei diese ein Geschenk gewesen und sie wisse noch nicht einmal, wo sie mit der alten Küchenuhr hin solle, ob er sie vielleicht haben wolle. So kann man danebenliegen.

Zweiter Weihnachtstag: Besuch bei Hannahs Eltern, zurückgezogen lebenden Leuten in den Siebzigern, ohne jeden Kontakt zu anderen menschlichen Wesen, auf sich selbst bezogen und merkwürdig; Einerseits stets mit dem Knigge unter dem Arm Weisungen erteilend, andererseits selbst bar aller Manieren und Respekt vor den unabänderlichen Eigenheiten anderer. Als die Kinder noch kleiner waren, mussten sie am meisten einstecken. Sie wurden solange verbal provoziert, bis sie unhöflich wurden und kontra gaben. Die alte Dame schien gelegentlichen Zoff zu brauchen. Weder George noch Hannah eigneten sich hierfür, dazu waren sie zu geschickt im Vermeiden von Konflikten, sie waren nicht mehr zu provozieren. Und so lief jeder Versuch, sie auf die Palme zu bringen, auf ein Achselzucken hinaus, immer wieder, bis sich die alte Dame müde geredet hatte, ihr Repertoire erschöpft war. Hannahs Vater war still geworden mit den Jahren, sah die meiste Zeit nur aus dem Fenster oder werkelte in der Küche herum oder trug etwas hinein oder wieder hinaus, Hauptsache nicht sitzen und reden müssen, für ihn schien alles schon unzählige Mal gesagt worden zu sein, für ihn gab es keine Neuigkeiten, nicht einmal mehr Ärgernisse, seit etwa ab Oktober die Wiese vor ihrem Haus nicht mehr von jungen Müttern mit ihren Kindern und später dann am Abend auch den dazugehörigen Ehemännern bevölkert wurde. Hannah vermied es, überhaupt etwas zu sagen, ihre Mutter auch nur anzusehen, und so lief für George bei diesen Besuchen stets der gleiche Film ab, seine Schwiegermutter redete angestrengt auf seine Frau ein, ihr Mann lief manchmal hin und her und war wenig zu sehen und die Kinder lümmelten sich in die Sessel und lasen. Und er saß dort stets wie zu Besuch, mehr oder weniger aufmerksam, aufrecht, wie in einer Karikatur. Doch auch das geht vorbei, und als sie alle wieder Zuhause waren, hatte jeder von ihnen seine drei Kreuze gemacht, dass Weihnachten nun endlich überstanden war. Keine Erwartungen mehr, keine verdorbenen Freuden, keine Sorge, ob alles gut gehe, ab jetzt konnten sie wieder einfach nur leben. Bis zum nächsten November.