Wie konnte es soweit kommen
In der amerikanischen Politik haben wir damals einen identischen, medialen Umgang mit der Darstellung konstatiert und diesen von einer moralisch höheren Warte aus betrachtet zur Kenntnis genommen, leicht irritiert, etwas mokiert, als typisch amerikanisch abtuend. Heute sind wir genau da angekommen, wo auch unsere moralisch schon immer zweifelhaften wenig vertrauenswürdigen Führer unseres Landes uns haben wollten: in der Idiotenecke, verwirrt von Outings und Offenbarungstalkshows, das Hirn auf Standby runtergefahren durch Dauerberieselung mit Seifenopern, den Rest Verstand in Verkaufsshows vertelefoniert. Die geistige Verfassung des Durchschnittsdeutschen ist damit nunmehr genau richtig vorbereitet für Führer und Marktschreier aller Art; was bei Hitler das Dampfradio, der Volksempfänger war, ein neues Medium der Propaganda, ist heute der überwiegende Mangel an Sachverstand bei Redakteuren aller Sparten, die dieser Berufsbezeichnung Hohn sprechen, und es sind die unterfinanzierten Nicht-Verkaufs-Redaktionen wie zum Beispiel die der Nachrichtenshows, die nicht Nachrichten übermitteln, sondern Meinungen, die nicht informieren, sondern durch Auswahl und Weglassen der Meldungen dessinformieren, die Filmbeiträge und Bilder nachstellen, um der Sensationslust des in Fahrt gekommenen Publikums genüge zu tun, mit echten Schauspielern und ihrer Darstellungskunst, und gelegentlich bringen sie auch vollkommen frei erfundenes, und ganz selten kommt so eine Schummelei heraus und noch seltener an das Licht der Öffentlichkeit.
In diesem multimedialen Zirkus wird der Geist offen für jede Art von Irrsinn, wir sind abgestumpft durch dargestellte Obszönitäten und Brutalitäten aller Art, wen schocke da noch eine Diskussion in den amerikanischen Medien über die Einführung von Folter als Mittel im Verhör, oder gar nur ein Kriegseinsatz, der als Mittel zum Sieg des Guten über das Böse, der westlichen Kultur über den Rest der Welt verkauft wird. Der amerikanische Präsident sagt es genau so, aber weil tief in uns noch ein Rest von Feingefühl schlummert, wird er uns nicht wörtlich übersetzt und wenn doch mit dem Zusatz, er hätte es nicht so gemeint, das amerikanische Volk wolle das so hören.
Klar ist nur eines: in den Siebzigern wären die Überbringer dieser Ansinnen - diese Metapher sei erlaubt - sofort in der Luft zerrissen worden, jedem solle die Hand abfallen, der noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt (Franz Joseph Strauß, CSU, gegen Ende der fünfziger Jahre). Wir haben heute keinerlei neue Erkenntnisse, die ein Abweichen von der alten moralischen Linie rechtfertigen. Was sich geändert hat ist unser mediales Umfeld, die Beeinflussungen. Nur so ist es möglich, sich kollektiv über die in zwei verheerenden Kriegen hart und schmerzlich erkauften Erkenntnisse unserer Vätergeneration hinwegzusetzen. Geleitet von einem Medien-Kanzler, der von Marketingfachleuten beraten mal als Model im Photo-Shooting an seinem Ego und ein anderes Mal bei einer Fernsehshow an seinem Image arbeitet. Und wieder ein anderes Mal im Bundestag die Seelen der Abgeordneten für konforme Gewissensentscheidungen bearbeitet. Und uns letztlich alle einseift, alle - auch sich selbst.

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
<< Kurzgeschichten-Übersicht