Einsam, zweisam? Und dann dreisam...
Vierundvierzig mittlerweile und immer noch ein Kind, das Kind meiner Mutter, in Liebe und Geborgenheit aufwachsend, und auch ein Kind in Hinblick auf eine unendlich scheinende Naivität und Lebensuntüchtigkeit. Kann so einer überhaupt alt werden, frage ich mich gelegentlich und stelle dann immer wieder aufs Neue fest, das ich das Leben offensichtlich nicht beherrsche, es nicht kann. Bei mir scheint der Lauf der Zeit verdreht: supervernünftig, gesetzt und blasiert in schüchterner Arroganz in den Zwanzigern, jetzt langsam, nachdem ich doch so manche Schramme und Beule abbekommen habe, umgänglicher, wenn auch verschlossener in den mittleren Jahren. Eigentlich gefalle ich mir immer besser. Nach wie vor halte ich mich für den Mittelpunkt des Universums und habe den weithin sichtbaren Dünkel, dass alle Nachrichten, alle Dinge, die anderen Widerfahren, für mich von Bedeutung sind und das ich - sofern möglich - darauf Einfluss nehmen muss, weil unser aller Glück allein von mir und meinen Reaktionen auf die Ereignisse abhängt. Man darf diese Art zu denken getrost als eine lästige Form des Wahnsinns sehen; ich selbst wäre der letzte, der dies in Frage stellte. Trotz der vielen netten Begegnungen bin ich doch in einer Weise introvertiert, dass ich es nicht nur fertig bringe, hier exzessiv nur und ausschließlich über mich zu schreiben, nein, ich denke, dass ich als seltene Ausnahme eine lange Einzelhaft unbeschadet überstehen könnte, hätte ich nur einen Rechner mit Schreibprogramm und Internetanschluss dabei. Ist das nun positiv oder negativ? Für die, die mich mögen und denen ich zu verschlossen gegenübertrete negativ, für den Rest der Welt positiv.
In den ersten Jahrzehnten meines Lebens entwickelte ich naturgemäß einen nicht unerheblichen Hang zum anderen Geschlecht. Alles war neu und die Liebe schien ein unendliches Feld zu sein, auf dem es sich prima tollen lässt. Hätte mir damals jemand gesagt, dass es Jahreszeiten gäbe und diese Wiese bald verlassen brachliegen würde, ich hätte es nicht geglaubt. Tatsächlich gibt es - eine Binsenweisheit - Sommer und Winter im Wechsel, doch jeder neue Sommer wird weniger intensiv erlebt, und jeder neue Winter ist etwas kälter als der Vorherige. In dieser Hinsicht ist es gut und sinnvoll, dass wir nicht ewig leben, denn es würde uns eine kalte Langeweile erfassen; wir kennten das Leben doch schon, in allen Facetten; und wenn es nichts Neues zu entdecken gibt, was sollen wir dann noch hier? Die Definition dessen, was denn nun entdeckenswert wäre, ist glücklicherweise jedem selbst überlassen. Zuerst entdeckt man das rudimentäre Leben, dann die Mädchen, dann die festen Beziehungen, und dann den Genuss der Einsamkeit, der Literatur, des eigenen Geistes. Wohl dem, dem es reicht, einen Garten, ein Buch, ein Stück Brot und etwas Wein zu haben. Der mit sich zufrieden ist und keiner äußerer Anerkennung bedarf. Der nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zum Kosmopoliten wird und - wenn die finanziellen Mittel es zulassen - mit dem Jet mal in New York, mal in München und in den Süden fliegt, ohne je irgendwo anzukommen. Ohne irgendwo an diesen glanzvollen Orten ein Zuhause zu haben, abgeschlossen, in einem kleinen überschaubaren Dreieck in dieser Welt.
Die Welt dehnt sich mit der Familiengründung aus, wird weit und laut und anstrengend, so dass man zeitweise glaubt, die Hektik und den Lärm und die Aufgaben nicht mehr ertragen zu können, bis die Kinder - nun selbst bereits im jugendlichen Alter angekommen - unmerklich beginnen, die Luft aus diesem Leben voller Kleinigkeiten langsam und unmerklich zunächst wieder abzulassen. Bis dieses Leben aus Kleinigkeiten in sich zusammenfällt, weil sich der wesentliche Bestandteil, die tragende Säule aus ihm verflüchtigt hat und Eltern zurückbleiben in einem viel zu großen leeren Haus, in dem es so still ist, dass sie zeitweise glauben, es nicht aushalten zu können, verrückt zu werden. Und doch ist das Leben schön, lebenswert, es ist es ein Genuss, durch all diese Stadien zu gehen, wozu auch gehört, immer wieder einmal das Bündel zu schnüren und zu gehen, neue, nicht unbedingt bessere Wege zu gehen, seinen Weg weiter zu gehen bis es nicht mehr weiter geht. Bis man wieder zum Kind wird, geborgen in der Fürsorge der Kinder, sofern sie es können und wollen, sofern sie bereit sind, ihr Leben auf den Kopf zu stellen und sich neu einzurichten, zu arrangieren mit diesem ungewohnten Lebensinhalt. Wenn wir Glück haben und alt werden, kommen wir alle an diesen Punkt. Und wenn wir Glück haben und Kinder haben, die uns mögen und wenn wir Glück haben und selbst liebenswert und tolerant geblieben sind, dann, ja dann besteht eine Chance auf einen schönen Herbst.

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