Oktober 26, 2001

Verpasste Gelegenheit


Der Anruf kam vollkommen unerwartet. Mitten hinein ins "Tag der deutschen Einheit"-Getümmel schrillte das Telefon, Hannah nahm an. "Es ist für Dich" sagte sie und reichte mir mit einem Schulterzucken den Hörer.

"Cathie?" sagte ich, es gab um genau zu sein zwei, ich hoffte, aus den ersten Worten die Cathie erkennen zu können.

"Erinnerst du dich an mich? Hast du Marcs Handy-Nummer, ich habe mich ausgesperrt."

"Nein", sagte ich, aber ich schaue gerne mal nach, ich glaube, er hat irgendwann vor ein paar Jahren sein Handy weggeworfen, weil es dauernd kaputt war." Und: "Nein, hier steht seine Nummer auch nicht drin, kann ich was für dich tun?"

"Nein, er hat noch einen Schlüssel von mir, aber er ist nicht da."

"Nee, tut mir leid, da kann ich dir nicht helfen. Kann ich sonst was für dich tun?"

"Kannst du eine Tür aufmachen?"

"Ja, aber hinterher ist alles kaputt."

"Na dann..."

Aufgelegt.

Das Gespräch war zu Ende, doch ich fing gerade erst zu denken an. War sie alleine draußen oder mit ihren drei Kindern? Hatte sie wenigstens den Autoschlüssel dabei oder waren sie alle in der Wohnung? Und hatten sie Jacken oder froren sie. Ich ahnte so langsam, dies war wieder so eine, eine verpasste Gelegenheit. Hier um jemanden zu helfen, der offensichtlich in Not war und sogar um Hilfe bat. Und ich habe nichts getan außer das Gespräch nett zu beenden. Das kriegst du so schnell nicht wieder gutgemacht, sang schon Reinhard Mey. Ich setzte mich an den Computer, der sonst für jeden Mist tausende überflüssiger Lösungen parat hat. Ich schaute in den Programmen der ISDN-Anlage nach einer Log-Datei für eingehende Anrufe, der ich die anrufende Nummer hätte entnehmen können, doch da war nichts. Ich schaute ins Hamburger Telefonbuch, online natürlich, aber wie hieß sie noch? Seit Jahren reden wir nur von Cathie, Cathie hier, Cathie da, Ja, jetzt weiß ich wieder. Aber sie selbst ist nicht eingetragen, nur ihr Mann, mit Festanschluss und Handy-Nummer. Aber den kann ich nicht fragen, sie, Cathie und er befinden sich im Krieg. Im Scheidungskrieg, und solange sie nicht kapituliert wird er einen Teufel tun und ihr oder ihren Bekannten helfen. Andererseits, sie ist nicht dämlich, wird wohl inzwischen einen Schlosser gerufen haben, der ihr völlig überteuert die Tür zerstört - damit es nicht zu schnell geht und mehr berechnet werden kann. Das hätte ich auch noch hingekriegt. Ich hätte wenigstens da sein können, sie solange mit ihren drei Kindern in ein Restaurant verschleppen und dort parken können, bis der gute Marc wieder auftaucht. Ich hätte. Habe ich aber nicht. Also Schwamm drüber.

Was sie jetzt wohl macht? Ich habe keine Ahnung, wo sie wohnt. Sie ist erst vor zwei Wochen dorthin gezogen, in ein Doppelhaus von Hunderten in Wellingsbüttel. Ich spreche Marc aufs Band, sage ihm, er soll zurückrufen. Es wird langsam dunkel, herbstlich kühl, ein sonniger Tag verschwindet für immer im Sammelkoffer meiner Erinnerungen. Kann nie wieder rausgeholt und nachgebessert werden. Ist einfach vorbei. Ist einfach dunkel.