Testosteron
Wir können nichts dafür. Es ist alles wissenschaftlich, zuletzt in einer Studie der Universität Bochum, nachgewiesen und belegt. Was bisher niemand wirklich wissen wolle, es kam aus dem Dunkel des Unbestimmbaren unserer Existenz an das Licht wissenschaftlicher Betrachtungen und Erkenntnisse: das, was wir sind oder zu sein glauben, ist das Resultat eines komplexen Zusammenspiels der körpereigenen Botenstoffe, zu einem nicht unerheblichen Teil der Hormone. Ihre Konzentration im Körper determiniert die einem Reiz folgende körperliche und geistige Reaktion. Haben - sowohl Männlein als auch Weibchen - beispielsweise relativ viel Testosteron im Blut, sind sie mit ansteigendem Pegel aggressiver, aktiver auch in der Partnersuche, handeln planvoller, zielgerichteter, verfügen über eine bessere Orientierung und ein ebensolches räumliches Denken. Das mag die wissenschaftlich nachgereichte Absolution für die Auflage so mancher vergangener Fußball-Bundestrainer bis hin zu Beckenbauer - der mit dieser ehernen Regel erstmals brach und damit die Phantasie der Boulevardpresse beflügelte - sein, den Sportlern in den letzten Tagen vor einem wichtigen Spiel jeden Sex zu untersagen. Um eben genau das zu vermeiden, was eine nicht zu vermeidende Folge eines jeden Orgasmus ist: die totale Entspannung und Orientierungslosigkeit und Wehrlosigkeit durch mangelnde Aggressivität und die sich hieraus ergebende Gleichgültigkeit und vielleicht auch Unfähigkeit dem Händeln der eigenen Existenz gegenüber, ausgelöst durch einen erheblich reduzierten Testosteron- und einem erhöhten Östrogenspiegel. So betrachtet hatten die alten Trainer Recht, als sie in die Privatsphäre ihrer Mannschaft eingriffen; erst die aufkommenden sexuell nicht so verklemmten 70er Jahre machten diese Position angesichts wachsender Proteste aus der Mannschaft, vor allem initiiert durch die mit betroffenen Ehefrauen und der wachsenden Häme aus den Medien, unhaltbar, so dass dem Niedergang des deutschen Fußballs nichts mehr im Wege stand.
Andersherum haben wir unsere kreativste Versuch- und Irrtum-Phase in diesen Stunden mit verminderten Testosterongehalt. Diese Zeit ist für den Menschen das, was das drücken des Reset-Knopfes beim Computer ist, der Geist bewegt sich losgelöst von den gemachten Erfahrungen der letzten Vergangenheit, die eine Schublade tiefer ins Archiv verlegt scheinen; noch vorhanden, aber mit weniger Einfluss auf unser Handeln. Wir sind frei, frei aufzustehen und einen neuen Weg zu versuchen. Vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Männer und manchmal auch Frauen selbst nach guten Sex mit einem nicht festen Partner gerne verdrücken. Das nachdenken und gegebenenfalls weiterbaggern und wieder zusammenkommen kommt später, wenn der Testosteron-Pegel wieder auf einen Höchststand zugeht und dem Körper Alarm signalisiert.
Männer haben es gut. Wenn sie es wollten, könnten sie ihren individuellen Pegel allein durch bewusstes Anpeilen einer Entspannung beeinflussen, Frauen dagegen sind hierin doppelt eingeschränkt. Ihr Testosteronspiegel ist die meiste Zeit ohnehin niedriger als der männliche, dann jedoch - während der Menstruation - deutlich erhöht, was dafür sorgt, dass ein möglicherweise vorhandener Lebenspartner seine Frau nicht mehr versteht, ohne äußeren Anlass scheint sie plötzlich völlig anders zu denken und zu handeln und ein paar Tage weiter ist es wieder vorbei.
Inwieweit ist unsere individuelle Freiheit zu entscheiden dann überhaupt noch frei, unsere Persönlichkeit nicht festgelegt? Ist sie vielleicht lediglich eine mathematisch errechenbare Variable abhängig von der Mischung unserer körpereigenen Botenstoffe? Oder steckt hinter diesen durch die körperliche Existenz bedingten Einflüssen auf den Ausdruck unseres ureigensten Wesens ein harter Kern des unveränderlichen Selbst, wie Schopenhauer es nannte, das uns begleitet von Geburt an bis zu unserem Tode und das sich nicht verändert mit den Jahren und an dem wir den anderen wiedererkennen; so alt wir auch werden und so sehr wir uns auch verändert haben mögen? In den Augen eines Jeden spiegelt sich dieses Selbst - ist es die Seele? - wieder, an ihnen erkennen wir selbst den alten Freund nach vierzig Jahren der Trennung wieder.
Ist es so? Oder doch alles ganz anders, einfacher, profaner? Langweiliger. Testosteronloser.
Andersherum haben wir unsere kreativste Versuch- und Irrtum-Phase in diesen Stunden mit verminderten Testosterongehalt. Diese Zeit ist für den Menschen das, was das drücken des Reset-Knopfes beim Computer ist, der Geist bewegt sich losgelöst von den gemachten Erfahrungen der letzten Vergangenheit, die eine Schublade tiefer ins Archiv verlegt scheinen; noch vorhanden, aber mit weniger Einfluss auf unser Handeln. Wir sind frei, frei aufzustehen und einen neuen Weg zu versuchen. Vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Männer und manchmal auch Frauen selbst nach guten Sex mit einem nicht festen Partner gerne verdrücken. Das nachdenken und gegebenenfalls weiterbaggern und wieder zusammenkommen kommt später, wenn der Testosteron-Pegel wieder auf einen Höchststand zugeht und dem Körper Alarm signalisiert.
Männer haben es gut. Wenn sie es wollten, könnten sie ihren individuellen Pegel allein durch bewusstes Anpeilen einer Entspannung beeinflussen, Frauen dagegen sind hierin doppelt eingeschränkt. Ihr Testosteronspiegel ist die meiste Zeit ohnehin niedriger als der männliche, dann jedoch - während der Menstruation - deutlich erhöht, was dafür sorgt, dass ein möglicherweise vorhandener Lebenspartner seine Frau nicht mehr versteht, ohne äußeren Anlass scheint sie plötzlich völlig anders zu denken und zu handeln und ein paar Tage weiter ist es wieder vorbei.
Inwieweit ist unsere individuelle Freiheit zu entscheiden dann überhaupt noch frei, unsere Persönlichkeit nicht festgelegt? Ist sie vielleicht lediglich eine mathematisch errechenbare Variable abhängig von der Mischung unserer körpereigenen Botenstoffe? Oder steckt hinter diesen durch die körperliche Existenz bedingten Einflüssen auf den Ausdruck unseres ureigensten Wesens ein harter Kern des unveränderlichen Selbst, wie Schopenhauer es nannte, das uns begleitet von Geburt an bis zu unserem Tode und das sich nicht verändert mit den Jahren und an dem wir den anderen wiedererkennen; so alt wir auch werden und so sehr wir uns auch verändert haben mögen? In den Augen eines Jeden spiegelt sich dieses Selbst - ist es die Seele? - wieder, an ihnen erkennen wir selbst den alten Freund nach vierzig Jahren der Trennung wieder.
Ist es so? Oder doch alles ganz anders, einfacher, profaner? Langweiliger. Testosteronloser.



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