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Oktober 26, 2001

Hoffen und Schluss


Herbst. Regen. Nasse Fahrbahnen. In den letzten Tagen sind einige tödlich verunglückt. Entweder in Kleinwagen wie einem neuen Polo oder im alten Audi. Frauen am Steuer. Männer sterben nicht in ihren dicken Kisten, kaum einer von denen fährt sie wegen der Sicherheit. aber sie profitieren von Ihren Neurosen, wenn sie nach einem Crash aussteigen, sich Staub von der Hose klopfen und sagen: "Na bitte, halb so wild, ich kaufe mir gleich das neueste Modell. Wurde sowieso Zeit."

Was mag den armen Opfern durch den Kopf gehen, so kurz vor dem Aufprall an einen Baum, den sie seitlich auf sich zueilen sehen. Große Gedanken, weise Einsichten über verpasste Gelegenheiten? Oder einfach nur "Scheiße!" und blankes, wortloses Entsetzen. Die Sicherheit, das gleich alles anders sein wird, überlebt oder nicht. Würde ein Rückblick über das Leben Trauer auslösen, Trauer über den nahenden Verlust der Lieben und des Lebens? Oder nur Ärger darüber, ein Leben gelebt zu haben, das keine Trauer über deren Verlust hinterlässt. In dem es kaum Liebe, noch weniger gute Beziehungen gab? Was würden wir empfinden, wenn es unser Baum wäre, so etwa in fünfunddreißig Minuten, auf dem Weg im Auto irgendwohin, in Eile, wie immer zu spät. So oder so, es wäre zum heulen. Es wäre zu früh, mein Leben ist doch noch gar nicht fertig, abgeschlossen. Diese, meine Aufgabe unerfüllt, keine Chance, die wichtigen Dinge zu regeln, so wie wir es bisher immer getan hatten. Keine Chance uns zu verabschieden, in einigen letzten Worten, wie es einiger der bedauernswerten Opfer der Terrorattacke in New York tun konnten, den sicheren Tod vor Augen, noch einen letzten Anruf Zuhause bei den Lieben, fast wortlos, fast sinnlos. Der Tod ist sinnlos für die im Leben stehenden, eine ungeliebte Störung wie der versehentliche Abriss des Hauses, in den man wohnt, oder die Vertreibung aus einem Kriegsgebiet. Aber die Vergleiche hinken, in ihnen hätte man noch Hoffnung. Hoffnung, seinen Shit noch auf die Reihe zu kriegen und das zu erreichen, wonach wir streben, nachdem wir unser ganzes Leben auf der Suche sind. Oberflächliches, nicht wirklich das Glück, diesen abstrakten abgenutzten Begriff bestimmendes wie Geld, aber auch wesentliches wie schöne Beziehungen, Gefühle, gelebte Freude und Trauer. Das ist das, was das Leben lebenswert macht, die Ziele, die wir zu erreichen suchen, die uns treiben; das "Wollen", die treibende Kraft allen Lebens, wie Schopenhauer meinte. Heute ist auch er tot, seine Weisheit, sein starker Wille allein konnten ihn nicht im Leben halten. Hoffentlich sind unsere die richtigen Wege, auf denen wir gehen, so dass unser gelebtes Leben nicht entwertete Makulatur ist am Ende dieses Weges. Hoffentlich trauern wir um den Verlust des Lebens, weil es so schön war, wenn es denn vorbei ist. Hoffentlich währt es ewig, hoffentlich...

Aber noch sind wir da. Hurra, wir leben noch, ein alter Musiktitel, mit Freude ausgerufen von denen, die dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen sind. Lasst uns das Leben genießen, vor allem so weit es irgend geht nett zueinander sein. Wie, das ist banal? Der Tod ist es auch. Das bringt uns nicht weiter? Und ob es das tut. Vielleicht nicht zu Ruhm und Reichtum, für den man in der Regel sein Leben aufopfern muss, sondern für den inneren Reichtum, erlebte reiche Gefühlswelten. Ich glaube, dafür sind wir hier in diesen kleinen Teil, diesen Ausschnitt der Existenz. Um das Leben zu genießen. Um Spaß zu haben. Und ob das Leben zur Zeit gut ist oder nicht, niemals die alte Binsenweisheit vergessen: Abgerechnet wird zum Schluss.