Oktober 26, 2001

Außer Kontrolle


Zweiuhrsiebenundvierzig in der Nacht. Der Mund ist staubtrocken. Die Lippen werden spröde und der Gaumen klebt an irgendwas, wie heißt das Gegenstück im Mund noch gleich? Der Magenbereich: übel. Übelkeit steigt in Schüben immer wieder auf und dann die Gasbildung; es will raus, sucht sich seinen Weg im entsetzlichen säuerlichen Aufstoßen, alleine die in die Nase dringenden Bestandteile der dem Magen entweichenden Luft könnten ein Übergeben auslösen, wenn da noch irgend etwas wäre, was dann herauskommen könnte. Dieser Druck im Bauch. Er möchte ihn beruhigend streicheln, nimmt jedoch gleich wieder die Hand davon, um ihn nicht zu belasten, nur ja keinen Druck auszulösen. In dieser Nacht, die erst um Mitternacht für ihn begann, hat er nicht länger als dreißig Minuten am Stück durchgeschlafen. Manchmal auch nur fünfzehn. Irgendwann in der Nacht hatte er sich gewundert, dass die Zeit stehen geblieben zu sein schien, andererseits überraschte ihn in dieser Verfassung nur wenig, der Geist nicht klar, müde, abgelenkt, verwirrt vom Flüssigkeitsmangel und Mangel an fester Nahrung in seinen Verdauungswegen. Ein Mangel an Normalität.

Des Rätsels Lösung, ein Rätsel nur für ihn gemacht, zur Beschäftigung seines mit düsteren Gedanken erfüllten Geistes, erschien ihm beim Hochfahren des ebenfalls müden Rechners vor wenigen Minuten, das Betriebssystem fragte höflich nach, ob die jetzt auf Winterzeit umgestellte Systemzeit denn so richtig sei. Nett, hier und zu dieser Zeit noch jemanden, etwas zu finden, dass noch irgendwas von ihm wissen will. Der Hals ist trocken, ein, zwei Schluck sollte er nehmen und holt es sich mit einem Glas aus dem Küchenwasserhahn, diagonal gegenüber dem Rechner. Er bildet sich ein, dass das Wasser, langsam mit weniger Luftdurchmischung durch das Endstück auf dem Auslauf eingelassen nicht gleich würde durchlaufen wollen, auf direktem Wege im Intercitytempo vom Mund zum Darmausgang; je seltener er dort Wasser mit einem Strahl wie aus dem gut aufgedrehten Küchenwasserhahn verliert - wo kommt dieses ganze Wasser eigentlich her, er müsste bald leer sein, trocken - desto weniger reizten diese ätzenden Mengen die empfindlichen äußeren Hautpartien um den Ausgang herum. Was sind wir doch mit unserem manchmal so aufgeblasenen Ego für empfindliche verletzliche Wesen, in Zuständen wie diesen Demut fühlend vor den Unwägbarkeiten des Lebens und vor unserer Ohnmacht, die Dinge immer nach unseren Vorstellungen lenken zu können. Und, bei Anzeichen einer Stabilisierung oder gar Besserung, Dankbarkeit für den sonst scheinbar so entrückten Schöpfer und seinen unermüdlichen Helfern fühlend, dafür dass die geheimen Gedanken erkannt und der sehnlichste aller Wünsche erfüllt werden könnte.

Einundzwanzig Minuten sind vergangen. Der Drang zu übergeben wird immer stärker... Es lohnt sich fast nicht, das Licht im Bad nach dem kurzzeitigen Verlassen wieder aus zu machen. In dieser Situation essen? Er denkt daran, obwohl sich alles in ihm sträubt, doch er weiß, dass Reis seinem Wasserverlust ein Ende setzen könnte. Während seines Schreibens ist ein Kochbeutel heller Reis in einer Bouillon gar geworden. Wage es! Dreiuhrneunzehn. Er isst. Das im Mund verteilen und herunterschlucken ist nicht nur nicht so schlimm wie er dachte, sondern beinahe angenehm. Bis zum vierten kleinen Teelöffel, nur halb gefüllt. Die ganze Krise erscheint ihm mehr als eine geistige, als wenn unser Körper nur so gesund wäre wie unser Geist. Jetzt erscheinen ihm die aktuellen und vergangene politische Katastrophen als Bedrohung, eine körperlich wahrnehmbare.

Weiterlöffeln. Zwischendurch speichern. Dieses überlastete Computersystem stürzt zu Unzeiten aus nahezu unerfindlichen Gründen ab. Es ist mit Erweiterungen und gleichzeitig ablaufenden Programmen überfrachtet, ein Virenscanner im Hintergrund die Festplatten durchforstend, ein Taskplaner, der sich bereit hält, obwohl er noch nie eine Aufgabe erfüllen musste, eine Firewallsoftware, hocheffektiv, die zur beim Rechnerstart automatisch aufgebauten Internetverbindung eine Dauerüberwachung aller Schlupflöcher, den sogenannten Ports aufgebaut hat und nun regelmäßig Einbruchsversuche meldet, etwa im Halbe-Stunde-Takt; die eindringenden IP-Adressen lassen sich um die ganze Welt zurückverfolgen, bis nach Malaysia oder Singapur, Schweden war auch schon dabei. Er verfolgt nicht jeden Eindringling zurück, nur sporadisch, was wollen die bloß? Eine Internet-Sharing Software, die mangels anderer eingeschalteter Rechner sinnlos nach ihnen sucht, und noch ein paar andere, jetzt allesamt völlig unwichtig geworden, in seinen auf das grundlegende leidlose Funktionieren ausgerichteten Zustand. Niemals ist er dem Ende, dem Tod so nah wie in solchen Stunden. Sicherlich ist er sich der Lächerlichkeit seiner Gedanken, seiner Ferne zum Tod bewusst, doch mit den Jahren haben erste Weggefährten begonnen, den Löffel abzugeben, diesen Teil der nach seiner Auffassung viel mehr umfassenden Existenz aufzugeben. Obwohl es nur wenige sind, fühlt er sich schon im gesunden Zustand als ein Überlebender, ein Davongekommener, für den es andersherum betrachtet nur eine Frage der Zeit ist, bis sie auch ihn einholt und aus seinem Trott voller Unwichtigkeiten herausholt. Zeit. Die besten und längsten Jahre hatten wir, als wir sie nicht gesehen, nicht wahrgenommen hatte, als unser Leben noch endlos war, wir uns noch vor dem Berg befanden oder wenigstens an dessen Fuße, nicht wie jetzt auf der sonnenabgewendeten Rückseite, den schmutzigen Berg fast hinunterfallend, immer schneller je tiefer wir kommen, dem Ende entgegen. Diese Gedanken hatte er manchmal, sie bildeten eine latente Grundströmung in ihn, die es ihm zur Zeit noch erlaubte, sich über die tollen Seiten des Lebens besonders zu freuen. Und dazu gehörte auch das problemlose Funktionieren des mit Aufgaben überlasteten Geistes und somit auch des Körpers, der nun, wie gelegentlich sein PC, abgestürzt ist.

Ein anderes tiefes Bedürfnis hat ebenfalls Pause, das alles Kontrollieren zu wollen. Wie einige andere Seelenverwandte Grübler hatte er sich in Flugzeugen noch nie wirklich entspannen können, es fehlte im die Sicherheit der Hoheit über die letzte Entscheidung, die der eines Kapitäns ähnlich sein würde. Löffel für Löffel, es wird besser, es beruhigt sich. Er sah um sich herum Menschen, die in noch nicht einmal kritischen Situationen häufig oder besser ständig die falschen Dinge machten, er war zeitweilig nur am Zusammenbrechen angesichts der kollektiven Dummheit seiner Weggefährten. Dies schloss auch persönliche Entscheidungen mit ein. Wie sollte er sich zum Beispiel einem Pilotenteam anvertrauen, wenn er auch ohne je durch Katastrophenfilme beeinflusst worden zu sein davon ausgehen konnte, dass der Copilot möglicherweise jung und völlig unerfahren sein würde und noch dabei war, seine Starts und Landungen zu üben, während sich der erfahrene Chefpilot demonstrativ entspannt mit hinter dem Kopf verschränkten Händen zurücklehnt. Wenn der Mechaniker das rechte Triebwerk (oder nehmen Sie das linke, es ist völlig egal für das Resultat) im Team überholen musste, obwohl er mit seinen Gedanken bei seiner Freundin war, die ihm nach zermürbenden Streitereien gegen fünf Uhr morgens verlassen hatte. Wenn er nicht ausschließen konnte, dass die zuvor gestartete kaukasische Iljuschin irgendein offensichtlich entbehrliches Metallteil auf der Startbahn verloren hatte, das ihm und seiner Familie noch einigen Ärger bereiten könnte. Das irgendein erfahrener Pilot eines Kleinflugzeuges im Dunst des Morgennebels über einen falschen Zubringer auf die Startbahn rollt, auf der gerade etwas schwer im Kommen ist. Ein kleiner Fehler oder eine kleine Nachlässigkeit, leicht passiert, fast entschuldbar, es wäre Augenblicksversagen, aber der Ofen wäre aus. Wenn er schon das Zeitliche segnen sollte, wollte er wenigstens die letzte wenngleich fatale Entscheidung selbst getroffen haben, wenngleich eine von vielen, die so im Rückblick gesehen nicht richtig gewesen sein würde. Nur eine, die nicht korrigierbar war, anders, als er vor über zehn Jahren auf seiner Hausstrecke an der warum auch immer abgeschalteten Ampel abgebogen ist, übersehend, dass die Verkehrsplaner für diesen Fall ein ?Vorfahrt achten' Schild unter die Ampel gehängt haben; er hatte das fehlende Rotlicht in Gedanken versunken mit seiner Frau plaudernd als grünes Licht interpretiert. Augenblicksversagen. Ein auf der Vorfahrtsstraße schnell herannahender Wagen konnte gerade noch mit Mühe bremsen, wache fitte junge Leute, sie folgten ihnen auf ihrem verschlungenen Weg zu ihrem läppischen Ziel, einer Eisdiele, es war ein schöner Sommertag, sie stiegen auch aus und er war zu befangen, zu konsterniert von der ganzen Situation, um seine Lebensretter wenigstens auf ein Eis einzuladen, es wäre eine Geste gewesen, alles schrie danach.

Fehler und verpasste Gelegenheiten, besser nicht daran denken. Unser Leben ist Glück. Das beginnt schon mit dem Wunder einer überlebten Geburt und zieht sich wie ein Faden durch ein jedes Leben, vertrauen wir einfach unserem Glück, das uns letztlich immer hold war, wie sehr sich unsere Gedanken auch an negativen Ereignissen fixieren mochten. Wir haben es bis hier geschafft, also kriegen wir den Rest auch noch hin. Freuen wir uns darauf. Auch um 4:12 Uhr.