Mai 26, 2001

Atem


Den ganzen Abend über war es schon drückend heiß gewesen, das Thermometer in der Küche zeigte 26 Grad Celsius für außen und siebenundzwanzig für innen. Nach einem der ersten heißen Sommertage hatte sich ein Gewitter zusammengebraut, dass sich nun schon seit mehr als zwei Stunden entlud. Als es aufzog, langsam, im Zeitlupentempo, beleuchtete es in immer kürzeren Abständen die dunkelblauen Wolkenformationen mit blendenden Licht, viel zu grell, um von etwas anderem abzustammen als den rudimentärsten Kräften der Natur, die sich hier über diesen gemütlichen Stadtteil einer kleineren Großstadt konzentrierten, über Gärten mit kleinen Häusern und über Straßen ohne Gärten mit größeren Häusern, doch keines unangenehm groß. Der Bebauungsplan verbietet alles, was höher als vier Etagen ist wegen dem Flughafen mitten in der Stadt, der auch an diesen Stadtteil angrenzt. Obwohl - er hat in diesem Teil seines Dorfes noch nie ein Flugzeug gesehen, außer vielleicht einmal eine verirrte Chessna, die ihn absurderweise ängstlich - angesichts des geringen Risikos, vom Flugzeug erschlagen zu werden - vom Fenster zurückweichen ließ, als es auf ihn zusteuerte. Zumindest sah es aus seiner Perspektive so aus, er fühlte sich wie der Torero in der Arena, er selbst war das weithin sichtbare rote Tuch - und der Stier kam. So gegen halb elf, es war gerade dunkel geworden, sehr spät in dieser Sommernacht so kurz nach der Sonnenwende, die Eimerkerze auf dem Balkon steuerte ihre eigenen Lichtreflexe zu dem Lichtspiel der Blitze bei, begann es zu regnen, unmerklich zuerst, mit vereinzelten Tropfen, die sich jedoch schon bald zu einem Teppich verdichteten, der weniger an den dampfenden Schwaden dicker Tropfen als am gleichmäßigen Prasseln zu erkennen war. Ein seltenes Geräusch hier im Norden Deutschlands, in dem es sonst entweder nur nieselt oder trocken ist, alles andere ist nicht von hier, passt nicht hierher. Er prasselte so beruhigend gleichmäßig, als wäre ein anderer Zustand des Wetters undenkbar, der Regen im endgültigen Schlussstadium eines sehr warmen Sommertages.

Heute Mittag hatte er anstelle seines üblichen Mittagsessens ein zweites Frühstück gemacht, mit Rühreiern, und endlich einmal wieder gesalzen, denn die Phase eines jeden Jahres, in der er aus Rücksicht auf sich und seine allergischen Beschwerden kein Salz zu sich nahm, war fast vorbei. Er glaubte sich auf der sicheren Seite und gab einem Drang nach, dem seit einer Arbeit in einem Entwicklerflüssigkeiten produzierenden Chemiewerk vor fast zwanzig Jahren kaum noch vorhandenen Geschmackssinn etwas Abwechslung zu bieten. Und jetzt, mehr als neun Stunden danach, setzt das ein, was er schon seit fast zehn Jahren überwunden glaubte: seine Bronchien schwellen in einem entzündlichen Prozess an und sondern nicht unerhebliche Mengen Flüssigkeit ab, die kaum noch den Weg durch die Luftröhre nach oben findet. Dabei verkrampfen sie auch, die Luft sucht sich einen Durchlass von den Lippen in die Lungenflügel über Wege, die enger sind und verschlungener zu sein scheinen als nur wenige Stunden zuvor. Er saugt die Luft gegen einen unsichtbaren Wiederstand hinein und lässt sie so langsam als möglich über den gleichen Weg wieder entweichen. Wäre dies nicht so eine wichtige Aufgabe, es wäre ein ausgesprochen dämlicher Job, die ganze Aufmerksamkeit auf ein Pumpspiel zu verwenden, so in sich hineinzuhorchen, vorsichtig, etwas ängstlich, bedächtig agierend. Um halb zwölf ist er dann völlig fertig ins Bett gefallen. Doch im Liegen erschien ihm das Atmen noch beschwerlicher zu sein, nahezu unmöglich. Also stand er wieder auf und sitzt jetzt in der Küche, wegen des lindernden Koffeins eine Cola schlürfend, den Geschmack und den unweigerlich folgenden Bakterienbelag auf den Zähnen jedoch hassend, dabei irgendetwas in die Tastatur tippend. Der Rechner steht dort, wo er sich am liebsten aufhält, in der Küche; wenn es nach ihm ginge, hätte seine Wohnung eine riesige Küche, es ist das Zentrum seines Heims.

Ein Druckgefühl in der Brust wird stärker, die Kohlensäure der Cola - er ist aufgebläht wie ein Ballon. Was sollte er tun, am besten aufstehen und rumlaufen, bewegen, es löst sich etwas, er - Verzeihung - rülpst, auch im Magen war Luft, die ihren Weg nicht so einfach fand und von innen zusätzlich auf die Lungen drückte. Weiterbewegen. Zähne putzen, zum zweiten Mal heute Abend. Das Gewitter - weitergezogen. Die Nacht finster und ruhig, der Mann an den Tasten - müde. Er hängt. Die Atmung: schon besser, es geht, er kann es wagen, sich hinlegen, ein paar Stunden, eine kurze Nacht, in ruhigem Schlaf, nur leicht und beiläufig atmen, keine Wünsche außer diesem einen: zu atmen.

Doch als er da so liegt, auf dem Bauch, um überhaupt etwas von der aus den Lungenflügeln hochtransportierte Flüssigkeit abräuspern zu können - seine Frau wacht dabei immer wieder auf, er weiß es, beide sagen jedoch nichts - wird der Druck seines Körpergewichts auf den Brustkasten unerträglich, noch weniger Luft kommt nun hinein und wieder hinaus, er stützt sich auf einen Arm: so kann es nicht weitergehen. Nach acht Stunden hatte sich das Salz über den Verdauungstrakt in die Blutbahn und von dort in die hinterste Zelle verteilt und diese Reaktionen ausgelöst. Jetzt, weitere zwei Stunden später, ist die Belastung am größten. Es wird Stunden dauern, bis sich der Salzgehalt in seinen Körper soweit reduziert hat, dass er liegend schlafen kann und Tage, bis alle vom Salz ausgelösten Einschränkungen verschwunden sind. Die Wohnung ist jetzt dunkel und still. Nur noch vereinzelt ziehen nachzügelnde Regenschwaden am Haus vorbei und erinnern ihn an die feuchte Schwüle, der er sich nicht entziehen kann, kein Raum in dieser elenden Mietwohnung ist kühl und trocken.

Leise schleicht er sich aus dem Bett und setzt sich in den Flur. Noch müder als vorher, es ist jetzt vielleicht zwei Uhr durch. Dicht an den Tisch gerückt stopft er sein Kopfkissen unter sein Gesicht, er wird im Sitzen Schlaf suchen müssen, vorn übergebeugt - die angenehmste aller denkbaren Positionen. Hatte er nicht irgendwo in der Wohnung eine Atemschutzmaske? Er steht wieder auf, sucht in der Abstellkammer, findet sie nicht, es ist ja auch schon zehn Jahre her, dass er sie zuletzt gebraucht hatte. Und nun ist sie aufgeräumt, unauffindbar, hier oben und unten nicht, das Bücken fällt schwer, er kann nicht mehr suchen, fast nicht mehr atmen, da fällt es ihm ein: im Medizinkoffer, da ist sie, eine billige Baumarktmaske gedacht gegen Staub auf Baustellen, sie muss reichen. Er setzt sie auf, die Kante der Maske drückt fest auf das Gesicht, die Gummibänder, über den Kopf geführt, sind noch neu, nicht ausgeleiert. Heiß und noch feuchter, diesmal von seinem eigenen Atem, ist es unter der Maske. Doch die Ware taugt nichts, das Gewebe ist zu undurchlässig, so zieht er die zum atmen benötigte Luft durch die kleinen Passungenauigkeiten an den Seiten ein; er merkt es, wie die doch relativ kühle Außenluft an seiner Haut vorbei nach innen gesogen wird. Nein, sie muss draufbleiben, besser als nichts. Er will schwitzen, es ist ihm jetzt egal, das Wasser läuft, die Nase gleich mit, furchtbar ja, aber - er kann noch atmen, gerade so. Morgen wird er neue Masken kaufen, in einer Apotheke. Und dazu ein Dosieraerosol.

Eng an den Tisch geschmiegt, der Kopf auf den Kissen liegend, die Arme ausgestreckt über den Tisch, seine Kissen umschließend, so schläft er ein, für zweieinhalb Stunden, der einzige Schlaf heute Nacht.