Januar 26, 2001

Abschied


Unsere Wohnung ist morbide. Morbide und verstaubt. In allen Ecken liegen Erinnerungen in Form von beiseite geschobenen Sachen, Dinge, die eigentlich weggeräumt oder entsorgt gehörten. Diese Wohnung ist voll. Vier Personen auf 78,5 Quadratmetern. Die Kinder - relativ viel Raum genießend - in ihren eigenen Zimmern, abschließbare Reiche, der erste Lebensraum. Ihre Eltern, auf Flur, Bad, Küche und Wohnzimmer verteilt, im Gemeinschaftsreich untergebracht, jederzeit betretbar, einsehbar, nicht intim. Wenn es sich die Eltern kuschelig machen, meist spät am Abend beim Zubettgehen, wird eine der Innentüren verschlossen. Das Wohnzimmer mutiert zum Schlafzimmer, die Eltern besetzen diese wichtige strategische Position fast rund um die Uhr. Klopfende Eindringlinge werden meist abgewehrt, nachbarliches Störfeuer aus dem Bewusstsein ausgeblendet.

Die Wohnung zerfällt. Als sie als junges Paar hier einzogen, damals noch ohne Kinder und frisch verheiratet, haben sie alles renoviert. Sogar der Abstellraum wurde experimentell rotbraun mit Lackfarbe gestrichen. Er sieht noch heute ansprechend aus. Auch an den Tapeten der anderen Räume ist jede Neuerung durch vorbeiziehende Modetrends spurlos vorübergegangen, - sie kamen hier nicht an. Von den Wänden im Flur zwitschern auf weißem Grund zart gedruckte Vögel von kleinen, mit Blüten versetzten Zweigen. Jeder Zweig teilt sich zweifach, vier rosa Blüten umgeben von vielen Blättern und je einem Vogel. Er hat diese Tapete immer geliebt, sie war für ihn der Innbegriff der Jugend, jetzt, da älter, schon fast ein Symbol für die vielen fröhlichen Jahre, die sie hier verbracht haben. Sein großer Sohn dagegen spottet über diese Tapete; sie ist ihm peinlich. Das Wohnzimmer ist auch eher weiß gehalten, mit einer leicht marmorierten Tapete. Es gab sie damals in zwei Grundtönungen, bläulich und ein etwas wärmeres beige? Oder doch braun? Von der Ferne sieht sie weiß mit leichten Melierungen aus. Aus der Nähe betrachtet sieht man Risse, hier und da leichte Verfärbungen durch ehemals feuchte Stellen, die wieder getrocknet waren, nachdem der Hausbesitzer die Außenwand abgedichtet hatte. Die Decke des Wohnzimmers, damals praktischerweise in einem hellen, leicht bräunlichen Farbton gestrichen, war nie perfekt, sah immer irgendwie gescheckt aus, er hatte sie wohl damals einmal zu wenig gestrichen. Oder aber die Farbe änderte mit jedem neuen Anmischen ihre Tönung. Sie merkten es erst, als alle Möbel und die Teppichauslegeware schon drin waren. Seitdem wurde der Fehler nur von den in dieser Höhle hausenden übersehen, jedem Besucher dagegen fiel er sofort ins Auge und bot so Stoff zum plaudern. Der Veloursteppich, - wir sind immer noch im Wohnzimmer - ehemals dunkelbraun in der Modefarbe der siebziger Jahre, ist ausgeblichen. Doch hat er sich noch vergleichsweise gut gehalten, ist nicht so schäbig wie der gedeckt grüne Veloursteppich im Flur, in dem eine über zwanzig Jahre wechselnde Tischkultur Spuren hinterlassen haben, an denen bereits ein beauftragter Shampoonierer verzweifelte.

Der Atem der Neuzeit ist jedoch nicht ganz spurlos an dem Heim vorbeigegangen; zahlreiche Kabel verästeln sich aus der Küche kommend im Flur, nur halbherzig unter dem Teppichboden versteckt und diesen in eine Hügellandschaft verwandelnd. Sie führen in die verschiedenen Zimmer, fast alles ist hier irgendwie verdrahtet, eine multimediales Netzwerk moderner Prägung in einem altem Bau. Er hatte oft überlegt, wie man eine Renovierung praktisch durchführen könnte, doch es gab keine Lösung. Jeder Raum war voll. Beispielsweise die Einrichtung - im Wohnzimmer ein Sekretär aus Mahagoni, ein ovaler Marmortisch und eine Stoffcouch in beige; dazu ein weißes Klappbett, nur halbhoch, daher nicht den Raum dominierend, jedoch für seine Zwecke unbequem. Überall stand irgendwas, ein Beistelltisch aus gebeizten Kiefernholz mit Glasplatte, den er einst seiner zukünftigen letzten Ehefrau zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte, dann eine Steinsäule mit dem entsprechenden Pott obendrauf, in ihm ein ums überleben kämpfender Ficcus Benjamini. Bilder - so eine von drei selbstgemachten Collagen, gerade erst über dem Sofa an die Wand gehängt; dann ein viel zu großer Druck eines Oelbildes, zu groß zum Aufhängen, daher am Boden hinter einem Topf an der Wand lehnend, in dem eine eingehende Palme und ein weiterer Ficcus wohnt. Beide sind über die Jahre aus dem Leim gegangen, bis zur Decke gewachsen, die Palme dabei fast kahl geworden und der Ficcus schon einen Bogen an der Decke beschreibend, die seine Höhe begrenzt. Auf einer weiteren Säule, nunmehr Kunststoff, von innen beleuchtet, ein Schachbrett aus Holz, nur gelegentlich benutzt. Fast versteckt in den Ecken des Raumes stehen die Lautsprecher, zwei große und drei kleinere; dann weniger versteckt ein großes Steinregal - bestehend aus Marmorplatten auf weiß angestrichenen Ziegelsteinen - für die Hifi-Anlage. Wer nennt das heute noch so? Zuletzt ein gewichtiger Stepper und jede Menge Kleinkram.

Wo sollte er all das lassen? Im Haus wurde geklaut, also konnte er diese Dinge nicht einfach tagelang vor die Haustür stellen. Die anderen Räume waren ebenso voll wie das Wohnzimmer. Im Flur war jedes freie Wandstück mit weißen Bücherregalen belegt, darin hing eine weitere Collage über dem Esstisch. Die Regale, weiß und schlicht, eben Ikea, waren solide; kein Brett hängt durch, obwohl jedes Fach mit Büchern vollgestopft ist. Also wohin damit?

Es gab nur eine Lösung: Ausziehen. Er musste sich seine Familie unter dem Arm klemmen und einfach ausziehen. In ein neues Heim. Er musste das, bevor es zu spät ist, bevor die Kinder zu alt und aus dem Haus waren und bevor er selbst aufgegeben hatte, irgendetwas verändern zu wollen. Er musste hier raus, in ein Häuschen hier im Stadtteil, fast unbezahlbar für ihn - doch, es könnte gehen. Das alles hier verlassen, das er so lieb gewonnen hatte wie man sich in ein altes Bistro zurücksehnt, mit rostigen Gartenstühlen, in dem man einen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Doch wurde es Zeit, erwachsen zu werden. Und die Wohnung zu verlassen. Nicht die Familie.