Nichts ist perfekt
Tatsächlich führte diese Reparatur zum Verlust aller Daten, die sich seit dem Beginn meiner Computerei angesammelt hatten. Eine als Sicherungs-Laufwerk verwendete Festplatte ist versehentlich formatiert worden anstelle der - die defekte ersetzende - neu gekauften. Formatieren heißt so viel wie entrümpeln und reinigen. Als leidlich kreativer Mensch hatte ich diverse Dinge gleichzeitig in Arbeit und natürlich nur dort gespeichert; so schieb ich über die Jahre so manches, vom Allergieratgeber über Kurzgeschichten bis hin zu einer nie vollendeten Philosophasterei. Nicht, dass jemand außer mir diese Texte vermissen würde, aber es war ärgerlich. Dazu hatte ich in den letzten zehn Jahren ein paar Computer-Programme geschrieben - ein Spiel, ein Wartungsprogramm für Rechner, um nur zwei zu nennen. Auch diese waren weg. Auch diverse Kalkulationen, Korrespondenz und meine Zitate-Sammlung.
Als ob das nicht genug wäre, rauschten die Börsen-Indizes und mit ihnen unsere Aktien - wir waren voll eingedeckt - in den Keller, so dass wir uns pünktlich zum Feste genau dort befanden, wo wir nach dem großen Crash im März dieses Jahres schon einmal waren. Mist. Ich leide, versuche mich abzulenken, irre ziellos durch die Wohnung.
Der Weihnachtsbaum. Er fällt mir jetzt ins Auge, der vom Verkäufer am letzten Tag vor Weihnachten mir aufgeschwatzte, letztlich doch freiwillig gekaufte Baum, durchsichtig und schief. Auch als Sonderangebot will er mir nicht mehr gefallen. Aber - wir müssen sparen. Und irgendwo fängt man nun einmal damit an. Denn eine professionelle Daten-Rettung kostet Geld, leicht fünf bis achttausend deutsche Mark. Ohne die Gewähr, das die Daten danach auch wieder da sind.
So leidet meine Familie gleich mit, unter mir und meinem Grämen. Und meinem Schimpfen bei den vergeblichen Versuchen des Wiederherstellens alter Festplattenseligkeit. Nichts geht mehr so wie früher und nichts, wirklich nichts, ist mehr da.
Stunden vergehen. Ich trauere noch immer, nun um das Geschriebene. Und damit um einen Teil meines Gedächtnisses, dass alles selbst zu speichern nicht in der Lage ist. So schrieb ich vieles nieder in dem Glauben, immer wieder darauf zurückgreifen zu können. Es ist mir, als wäre ein Teil meiner Vergangenheit gelöscht. Selbst wenn ich versuchte, alles noch einmal zu schreiben, würde ich doch nicht mehr die Stimmungen und Gedanken einfangen können, die mich damals berührten. Natürlich - wir werden ab hier die Datensicherung perfektionieren, das ist einfach. Aber neu anzufangen, mit Schreiben und dem ganzen Zeug, das ist schwer. Doch - wenn es schon ein Neuanfang sein muss, welcher Zeitpunkt würde sich dafür besser eignen als Weihnachten und die Jahreswende? Also los, ran an die Tasten - und fröhliche Weihnachten, trotz alledem.

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