August 26, 2000

Jenseits


Im Fernsehen gab es letztens eine Reportage, "Jenseitsreisen" hieß sie. Da zeigten sie eine Frau, die wegen einer Gehirnoperation künstlich heruntergekühlt wurde und der alles Blut abgepumpt werden musste. In einem Stadium der Vorbereitung trat sie aus ihrem Körper aus, fühlte sich leicht und wohlig, und schwebte über dem Geschehen. Später konnte sie die verwendeten Instrumente detailliert in ihren Worten beschreiben, auch die Arbeit und Gespräche der Ärzte und Assistentinnen schildern. Gleichzeitig erweiterte sich ihr Bewusstsein unermesslich; so erhielt sie auf jede Frage, die ihr in den Sinn kam, unmittelbar eine Antwort, ein umfassendes Verständnis, diese Antworten wurden sozusagen vor Augen geführt, wollte sie zum Beispiel wissen, wie die alten Römer lebten, dann sah sie es, losgelöst von der irdischen Zeit. So sah sie Zusammenhänge, die uns verborgen bleiben. Verstorbene, zu denen sie früher eine innige Bindung gehabt hatte, kamen - unversehrt trotz schwerer körperlicher Gebrechen in den späten Lebensjahren und mit einer Ausstrahlung wie in ihrer besten Zeit - wie um sie zu betreuen. Sie wollte in Richtung eines einladenden hellen Lichts gehen, doch die Verstorbenen gaben ihr - wortlos, nur über Gedanken - zu verstehen, dass Sie, wenn sie sich zu weit von hier fortbewegen würde, es nicht mehr in ihren Körper zurück schaffen könnte. So blieb sie. Nach Ende der Operation sah sie auf den abschreckend wie ein Leichnam daliegenden Körper und "sagte", dass sie da nicht wieder hinein wolle, es grauste ihr vor dem Anblick. Doch ihre Betreuer bedeuteten ihr, sie müsse einfach hineinspringen, so wie man zum Beispiel vom Beckenrand ins kalte Wasser springt. Sie zögerte lange und schließlich gaben sie ihr einen Stoß; sie fiel in ihren unangenehm kalten Körper, ein Schaudern und alle mit körperlichen Sinnen wahrnehmbare - nach der Operation eben eher unangenehme - Empfindungen überfielen sie.

Wenn wir sterben, auf dem Weg zurück auf die andere Seite sind, verändert sich die gewohnte Umgebung unseres Geistes, unsere auch auf Erfahrungen basierenden Einstellungen sowenig, dass den ins Leben zurückgekehrten zumindest nichts derartiges bewusst geworden ist. Das würde beweisen, sofern diese Berichte als korrekt angesehen werden können, das wir, wie Arthur Köstler es ausdrückte, ein "Gespenst in der Maschine" sind, dass unser Geist wie Carl Gustav Jung es schon annahm, außerhalb unseres Körpers, in einer "anderen Dimension" Zuhause ist, seinen Sitz hat. Wir - das körperliche wir - scheint lediglich ein Instrument des Austauschens, der Kommunikation untereinander zu sein, ein Werkzeug. Wie wichtig und bedeutsam dieses Werkzeug für unseren Geist, unser eigentliches Selbst ist, ist für uns von dieser Seite des Seins aus betrachtet nicht abzuschätzen.

Es ist unendlich tröstlich, annehmen zu können, dass wir offensichtlich auch im einem Jenseits noch wir selbst sind; mit unseren Vorlieben und unserer ureigenen Art, die wir von klein auf unveränderlich in uns fühlen; die unzerstörbar scheint, das "ich", dass dem Altern verwundert und auch überrascht zusieht, ungläubig, wo wir selbst uns doch nicht verändert haben, seit unserer Kindheit, solange wir denken können. Und das wir nicht, wie es auch hätte sein können, im Abschied von der irdischen Existenz zu Monstern á la Frankenstein oder anderen Wesen mit anderen Werten mutieren, denen möglicherweise der Anblick des eigenen Leichnams nichts ausgemacht hätte. Auch die Aussicht, dass es dieses Jenseits gibt, ist mehr als tröstlich. Der Tenor dieser Reportage schien zu sein, dass es eine unfassbar große "Welt" jenseits unserer Wirklichkeit gibt, und unsere Leben nur ein Aspekt der Existenz sind. Auch scheinen wir in der Lage zu sein, uns von drüben helfen zu lassen, Problemlösungen anzufordern; wir brauchen es nur zu tun. So erhält die Kraft der Gebete eine vielleicht unchristliche Erklärung, die jedoch auch - andersherum betrachtet - das Funktionieren des Glaubens und somit der christlichen Lehre zu belegen scheint. Denn künftige Entwicklungen, an die wir fest glauben, neigen dazu einzutreten. Dies ist eine Art der selbsterfüllenden Prophezeiung in einem jeden Leben - wir scheinen stets eng, ohne uns dessen bewusst zu sein, mit der anderen Seite zusammenzuarbeiten. Wenn wir davon ausgehen, dass diese Annahmen ungefähr richtig sind, dann werden Erklärungsversuche für Phänomene der außersinnlichen Wahrnehmung einfacher. Außerhalb unserer dinglichen Welt wären Zeit und Raum relativ und könnten beliebig gewählt werden. Für jeden denkbaren Handlungsstrang ab jeden beliebigen Punkt im Leben eines Wesens gäbe es jede mögliche Verzweigung, deren Zukunft bis ins Detail außerhalb unser körperlichen Welt bekannt wäre und bei Bedarf zur Orientierung abgerufen werden könnte. Wir würden uns also an die Zukunft erinnern, weil wir sie schon kennen.

Träume sind also möglicherweise nicht - wie es die Wissenschaft derzeit lehrt - eine Nachbearbeitung der vergangenen Erlebnisse, sondern eher helfende Vorschauen, intensive Vorbereitungen auf mögliche Entwicklungen der nächsten absehbaren Zeit. Die Bilder und Handlungen sind selten mit den später tatsächlich Erlebten identisch, doch die im Traum erlebten Gefühle, Stimmungen und Grundverfassung ist stets absolut stimmig, so dass wir beim Eintreten der erahnten realen Situation vorbereitet sind. Ohne sie würde unser stets nur einen kleinen Teile des Lebens sich vergegenwärtigendes Gehirn mit der Orientierung und Entscheidung über die nächsten Handlungen angesichts der Fülle der Möglichkeiten völlig überfordert sein; wir würden verrückt werden so wie die armen Opfer in den Schlaflabors verrückt werden, wenn ihnen die Forscher für zwei, drei Nächte die Traumphasen entziehen, weil sie sie immer wieder darin stören, nur die Tiefschlafphasen lassen sie zu, doch die reichen nicht zum Leben. Die Maschine Mensch läuft scheinbar nicht ohne ihre Programmierung, produziert ohne sie nur Fehler. Wir haben also angepasst an unseren Schlafrhythmus eine 24-Stunden-Aktualisierung für unsere individuellen Entscheidungshilfen. Auch sind Menschen, die an der Schwelle zum Tod standen ebenso wie zurückgekehrte Raumfahrer in diesem Leben zunächst orientierungslos, ihre Gehirne sind - soweit für die Mediziner erkennbar - gesund, sie fühlen sich hier nur wie am falschen Platz, es scheint zu dauern, bis nicht nur das Gehirn, sondern wie Schopenhauer es beschreibt, die Urkraft hinter einem jeden Leben, der individuelle Wille wieder "zum Leben erweckt" ist.

Wenn man sich so das Leben in unserem Kulturkreis ansieht, könnte man auf die Idee kommen, der Sinn des Lebens, seine ureigene Bedeutung bestehe in der Filterung, Aufnahme und Auswertung von Informationen. Dieses ist die Grundlage einer rein auf irdische Ziele gerichteten Existenz unter Ausklammerung der Gefühlswelten, des Empfindens. Wenn wir einfach einmal davon ausgehen, dass unsere Leben nur jeweils ein Aspekt einer viel umfassenderen Intelligenz und Existenz sind und das wir, zurückgekehrt in den anderen Teil der Existenz, über das vollständige Wissen um alle Dinge verfügen, jede denkbare Information erhalten können, wenn wir das als möglich ansehen, dann wäre ein rein auf Informationssammlung gerichtetes Leben Verschwendung. Als sinnvolle Lebensziele blieben nur die Spielarten der Gefühle, als da als positive unter anderem sind: Liebe, Empfinden, Fühlen, Hineindenken, Beistehen, einfach nur nett sein, das gesamte Gefühlsspektrum rauf und runter. Selbst die negative Palette, die genannten Gefühle mit negativem Vorzeichen wären als sinnerfülltes Leben denkbar, wenn sie gelebt würden. Das würde für den Normalsterblichen bedeuten, dass seine "dunklen" Seiten der Seele, seine nicht die derzeitigen Normen unserer Gesellschaft erfüllenden Sexualpraktiken als Beispiel, um einmal ein jeden Menschen irgendwie betreffendes Thema heranzuziehen, das Leben an seinem Ende erfüllter dastehen lassen als ein durch intensives Studium ausgefülltes. So betrachtet hat der in unserer Gesellschaft sehr geschätzte Intelligenztest für die Bewertung der Intensität und Qualität eines Lebens keinerlei Aussagekraft, er bleibt lediglich ein fragwürdiges Mittel zur Auslese von Bewerbern. Sicher, hätte ich nicht die mir vertrauten Fähigkeiten, die zugleich aber auch Unfähigkeiten in anderen in unserer Gesellschaft äußerst wichtigen Gebieten bedeuten, wäre ich unglücklich, wenn mir denn dieser Mangel bewusst wäre. Da aber jeder nun einmal unverrückbar in seiner Haut feststeckt bis zum Ende dieser irdischen Existenz, kann er sich wohl in dieser zurücklehnen und beruhigt ausrufen: "Ich bin wie ich bin, und ihr könnt mich alle mal". Oder wie Laotse es sagte: ?Alle menschlichen Begriffe, Werte und Ziele sind relativ und sollten kein Zweck an sich sein.'

Also, wir sind hier Gast in dieser Welt, dieser Phase der Existenz und sollten uns auch so benehmen; im biblischen Sinne ein guter Mensch zu sein ist schon einmal nicht verkehrt, denn: man sieht sich immer zweimal.