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April 26, 1999

Maitage


Seit ein paar Tagen, genauer seit drei Tagen brüllte er, sonst gar nicht seine Art, seine Kinder schon fast ohne einen Anlass an; er ging dermaßen durch die Decke, wurde aggressiv, so dass er noch während es passierte - es lief wie ein Film vor ihm ab - auf einer anderen Ebene seines Bewusstseins sein Verhalten selbst in Frage stellte. Und stets aufs neue beschloss, zu versuchen, diese viele destruktive Energie irgendwie umzuleiten, irgendwie. Auf der Treppe von der Tiefgarage des Einkaufszentrums in das Erdgeschoss ist er gestern gestolpert, hat sich nahezu hingelegt, eine Art Kontrollverlust. Und am Nachmittag fiel ihm, zum ersten Mal seit langem, ein Teller mit den Essensresten eines seiner Kinder aus der Hand, einfach so. Er hatte vorher in der Küche kurz die Orientierung verloren, wollte die Reste in den Müllbeutel befördern, lief jedoch zunächst in die falsche Richtung los, nur langsam wurde ihm klar, dass sich der Müllbehälter, den zu suchen er sich immer wieder in Erinnerung rufen musste, hinter ihm in einem Kunststoffeimer unter der Spüle befand. Irgendwie bei der darauf angedachten Drehung des Körpers fiel der Teller aus der Hand.

Die Post aus dem Briefkasten, einfache Briefe versetzen ihn nahezu in Panik, wenn sie unangenehmes enthalten konnten; er sieht sich in dem jeweiligen Problem versinken, ist davon umschlossen mit der damit einhergehenden Unfähigkeit, seine Probleme sachlich zu managen, sinnvolle Entscheidungen zu treffen, sie einfach in Schubladen einzuordnen, denn sie sind aus ihnen herausgefallen, haben ihn fast vollständig begraben; deutliche Angstreaktionen durchströmen ihn und lassen auch Kontakte zu nicht so vertrauten Menschen wie zum Beispiel den Nachbarn zu einen Abenteuer werden, bei denen er sich wie jemand fühlt, der auf "Guten Morgen" keine Antwort weiß, nicht nicht antworten will, doch bis er reagieren kann und ihm eine Antwort einfällt, wird dem normalen Gegenüber klar, dass dieser Mann heute offenbar etwas verwirrt ist. Sprachliche Fehler vervollständigen diese eigene Einschätzung, er hatte tatsächlich gestern erhebliche Probleme bis hin zur Unfähigkeit, die Tuwörter (Verben) in einem kleinen Text seines in die zweite Klasse gehenden Sohnes zu erkennen, es war dessen Hausaufgabe, und weder er noch sein Sohn konnten dieses Problem alleine lösen. Er war weder von Alzheimer befallen oder ohne das hierzu notwendige Wissen, er kam nur nicht an dieses heran, an die für das Abrufen unerlässlichen synaptischen Verbindungen in seinem Gehirn. Es ist, als wären sie gekappt wie nach einer wochenlangen Bombardierung der Transportwege, nur noch einige schlechte Verbindungen sind übrig geblieben. Wenn er mit Menschen redet, wird er schnell viel zu persönlich; auf die einfache Frage: "Wie geht's?" antwortet er sich selbst immer mehr in seinen Gedanken verstrickend umständlich, erzählt von seinen Problemen, kommt vielleicht noch darauf, was er noch alles so vorhat und wen er mag und wen weniger, ungefragt, das Dilemma wohl bemerkend, aber nicht anders reagieren könnend. Im Innern seiner Wohnung wird er sich nach so einem Nachbarschaftskontakt oder dem unaufschiebbaren Besuch beim Anwalt erst einmal gegen die Wand lehnen und leise "Mist!" vor sich hin murmeln. Er scheint dumm, ohne mit der ausreichend durchdringenden Dummheit gesegnet zu sein, die einen von dem Erkennen der eigenen Auffälligkeiten und Eigenarten schützt. Er ist somit kein lachender unbeschwerter Dummer, eher einer, der neben sich stehend sich selbst wie in einem jämmerlichen Film betrachten kann, das Selbst und die eigenen Handlungen dabei mit härtester Kritik bedenkend. Doch der Film ist fertig, unabänderlich und nicht mehr zu cutten. Übel.

In einer Woche wird eine oft unerwartet laufende Nase dazukommen, wie Wasser so dünn das Sekret, dass die Schleimhäute, auch die seiner Lunge unablässig produzieren werden. Sein Hauptjob wird neben dem Naseputzen das Abhusten, das Abräuspern des Wassers sein, das auf dem schwierig zu bewältigenden Anstieg aus den Lungen in seiner großen Menge den Weg nicht immer alleine schafft; es kann die Schwerkraft nur mühsam überwinden, auf dem Weg in den oberen Teil seines Halses, wo Luft- und Speiseröhre zusammentreffen und die eine deren anderen Last übernimmt. Manchmal fällt er unangenehm auf mit den häufig gequollenen und von der Reizung roten Augen oder den Niesanfällen, so als wenn Niespulver verstreut worden wäre, so heftig und intensiv. Er ist kaum ansprechbar für seine Partnerin, zumindest empfindet sie es so, dabei gibt es in jeder Stunde einige Minuten, wo er sich mit ihr austauschen könnte, sich zusammennehmend, ohne in sich versunken zu sein, unstörbar beschäftigt mit seinen Gedanken, ohne Aussicht auf Erfolg Problemlösungen suchend, dabei meist unfreundlich in seinem Gebaren.

Und dann, nach etwa sieben Wochen ist alles vorbei, wie ein Spuck, der überstanden ist, so als wäre nichts gewesen; er wird auferstehen wie ein Phönix aus der Asche, bei Nachbarn, Freunden und dem Ehepartner Verstörung und Irritationen hervorrufen; er ist wieder der Alte. Keiner weiß so recht, wie man mit diesen rhythmischen Wandel der Persönlichkeit umgehen soll und - noch schwerwiegender - wie man diesen Menschen einschätzen soll, sie alle sind nicht in der Lage, ihn in gewissen zeitlichen Abständen jeweils in eine andere Schublade zu legen. Statt dessen ist er nach vielen Jahren dieses Wandelns in eine dritte, die des nichteinzuschätzenden, persönlich labilen Bekannten hineingerutscht. Angefangen hat dies alles schon, als er etwa vierzehn war, keiner in seiner Umgebung konnte seinerzeit etwas damit anfangen, es erkennen, erklären und einordnen; er war eben schwierig, eigen, damals schon, vor dreißig Jahren, als seine Gräserallergie zum ersten Mal auftrat.