April 26, 1999

Das Basketballspiel


Der Korb hob sich deutlich von dem blauen Himmel über dem Schulgelände des alten Gymnasiums ab. Der Basketball lag schwer in seiner Hand, immer wieder prellte er ihn auf den Boden, um ein Gespür für sein Gewicht und die Schwerkraft zu bekommen. Es war an einem Tag im April, genau genommen der erste April, an dem es so warm und Frühlingshaft war wie selten in dieser Region. Gewöhnlich bestanden die ersten vier Monate des Jahres aus eher trübseligen, nasskalten Wetter, in diesem Jahr jedoch begann der Frühling nicht nur rechnerisch am 21. März; seit diesem Tag schien nur unterbrochen von den Nachtstunden die Sonne und brachte mit ihrer Kraft die Außentemperaturen von anfänglich drei Grad Celsius auf über zwanzig.

Diese friedliche Stille auf dem nur Ben und seinen Sohn tragenden Schulhof wurde lediglich gestört von dem, das die Nachrichten nun schon seit zwei Wochen sagten: dass es wieder Krieg ist und Deutschland an vorderster Front - im Unrecht vereint mit den Amerikanern, weil das legitimierende UNO-Mandat fehlt - dort unten im fernen Kosovo kämpft. Dieses belastende, den blauen Himmel wie durch eine Milchglasscheibe trübende Ereignis war sozusagen in zweiter Ebene in Bens Gedächtnis, während er in der ersten den Ball auf den fünf Fingerkuppen der rechten Hand ausbalancierte und den Korb, der nur zwei bis drei Meter vor ihm an dem modernen Aluminium-Haltegestell hing, mit konzentrierten Blick anpeilte. Die Schwerkraft aufzuheben und leicht zu übertreffen war das Geheimnis, dass den Ball seine mathematisch definierbare Kurve, seinen leichten Bogen nehmen ließ; er soll schweben, nur so viel Druck, um ihn in Bewegung zu setzen, so dass er gleichwohl innezuhalten scheint, dort oben über dem Netz, um dann im Sog der Schwerkraft zu versinken, mit einen lauten, die Konzentration und Verzückung brechenden Knall auf dem Boden aufzuschlagen. Er erteilte seinen Fingern, jeden Einzelnen, so schien es, den Befehl, aufeinander abgestimmt den Abstoß zu wagen, während Malte - sein Sohn - auf der anderen Seite des Spielfeldes, auf Höhe mit ihm darauf wartete, den Ball nach einem unglücklichen Abprall aufzunehmen und selbst sein Glück zu versuchen. Der Ball nahm eine etwas andere Flugbahn als er angenommen hatte, sein Bogen schien möglicherweise vom Wind beeinflusst eine Kurve zu nehmen, ungeplant, die gedachte Ideallinie ignorierend; leicht versetzt prallte er an die Holzplatte, an der der Korb mit seinen riesigen Schrauben, offenbar viele Male herausgebrochen und neu befestigt, hing.

Daneben! Malte nahm an und prellte zunächst ein wenig, so wie es unsere Politiker machten, als der Einsatz noch so undenkbar und große Worte noch so bedeutungslos waren. Jetzt sind sie im Spiel, ungewollt, aber sie haben sich hereinreden lassen oder selbst hereingeredet, wie es Kindern immer wieder passiert, wenn eine Auseinandersetzung eskaliert, jeder weiter auftrumpft, auch um das Gesicht zu wahren, nicht als Verlierer vor seinen Freunden dazustehen. Es sah nicht so aus, als würde die NATO den Ball in den Korb bekommen, so allein, ohne UNO-Mandat, und je länger der Krieg dauerte, desto mehr Leute fragten sich, was das eigentlich werden solle, welchen Sinn das Ganze ergibt, sollte der Wurf beendet sein. Mit der behenden Bewegungsfreude seiner zwölf Jahre zeigte Malte sich selbst zunächst ein nettes Kunststück, den Ball drippelnd zwischen seine Beine hindurch auf die andere Seite bewegend, dabei gleichwohl tanzend und spielerisch ebenfalls eine imaginäre Ideallinie anpeilend in Position gehend. Der Platz war für den Abwurf denkbar ungünstig, die Sonne strahle ihm in gleißender Helligkeit direkt in die Augen, der Schirm seiner Baseballmütze, stets richtig herum aufgesetzt, brachte keine Besserung. Der Ball schien ebenfalls geblendet seinen Weg zu suchen durch diese stille, ruhende Luft, die nur durch die gelegentlichen schnellen Bewegungen der beiden Spieler in Bewegung gesetzt wurde.

Heute morgen sind drei amerikanische Soldaten in Gefangenschaft geraten, entführt worden von den Serben, ein sicheres Faustpfand für die Schänder, deren Existenz wir in unserer kollektiven Naivität für nicht mehr möglich nach dem zweiten Weltkrieg, für ausgerottet hielten. Doch das Böse ist in uns, und wenn wir nicht unsere Gesetze und Regeln, vom Vergewaltigungsparagraphen bis hin zur Bauvorschrift hätten, würde auch hier noch heute annehmlich jeder das für sich in Anspruch nehmen, was ohne Aussicht auf Sanktionen genommen werden kann. Die beiden spielten das Spiel ohne Regeln, bewusst, es ging einfach darum, wer als erster 21 Körbe hatte, geworfen wurde abwechselnd jeweils von der letzten Aufschlagstelle, außer, wenn einem der Korb gelungen war, dann von einer mit einem einfachen Kronkorken markierten, schon wieder imaginären Abwurflinie aus.

Alles erschien so real, so überbetont in diesem freundlichen Frühlingslicht, die Forsythiensträucher und eben knospende Hecken wirkten nach dem langen zwar nicht so kalten, aber düsteren Winter wie hingesetzt, einer bestimmten Inszenierung zu Liebe, nur geschaffen und zum erblühen gebracht für dieses unschuldige Basketballspiel, am späten Nachmittag auf dem Schulgelände in Niendorf, einen der schöneren Stadtteile von Hamburg. Ben war am Zuge. Malte, etwas verärgert über den Nichttreffer, warf ihm den Ball mit Schwung zu, so als wolle er die Materie mit der Energie aus seiner Verärgerung strafen. Das könnte der nächste Schritt sein, dachte Ben, die Amis und die Europäer sitzen in der Falle, wenn sie die drei nicht ganz schnell rausbringen; sie werden entweder aufhören da unten, um ihre Leute frei zu kriegen oder wütend und ungenau zielend handeln; zu dumm, dass wir nicht mehr intelligente Politiker haben, das sollte ein Kriterium für die Zulassung für das Treffen von Entscheidungen solchen Ausmaßes sein, dann gäbe es möglicherweise nicht so viel von Dummheit geschaffenes Leid, nicht nur im Kosovo, auch woanders. Er fühlte den Ball, tastete ihn ab, dann hob er ihn wieder auf den Fingerspitzen balancierend bis auf Kopfhöhe und peilte in diese absolute Ruhe. In dieser Zeit des Jahres ist es noch nicht so laut, die Vögel sind noch nicht alle aus dem Süden zurück und die Hitze des Sommers, die uns in ihrem Überfluss der Sonne überdrüssig werden lässt, hat uns noch nicht erfasst. Wir nehmen diese ersten Sonnentage eines Jahres als Geschenk, dass eher ruhig und ehrfürchtig empfangen wird, man blickt ihm mit Freude entgegen.

Der Korb selbst bestand aus verwittertem Metall, die weiße Farbe fast vollständig abgeblättert und wunderschön in diesem Kontrast zum tiefblauen Himmel. Später, in den nächsten Monaten würde der Himmel eine weißlichere Farbe annehmen, dieses Blau gibt es nur im Frühjahr und Spätherbst und wenn man ganz hoch auf die Berge klettert, und sprichwörtlich über den Wolken steht. Er dachte kurz auf einer dritten Ebene über dieses Bild nach und beschloss dann den Abwurf. Vater und Sohn in Eintracht, im gemeinsamen Spiel, schon fast vergessen dieser Spaß, wann hat man schon mal Zeit.

Zeitlos. Während der Augenblicke, wo du den Korb anpeilst und den Stoß gibst, bleibt die Zeit nahezu stehen. Der Flug selbst scheint in Zeitlupe abzulaufen, fast könnte man noch hinterher springen und eingreifen. Es sind die schönen Dinge des Lebens, die wir so konzentriert machen, dass die Zeit nicht zu existieren scheint. Kein Hunger, kaum einmal Durst unterbricht diese intensiven Beschäftigungen, wir existieren nur durch das, was wir machen. Sicherlich, das Zeitempfinden ist relativ, die Wissenschaftler finden ja immer mehr heraus, er hatte kürzlich gelesen, dass einige Insekten, Fliegen zum Beispiel, unsere Bewegungen in Zeitlupe sahen. so bleibt ihnen immer genug Zeit, um zu verschwinden. Kein Wunder, dass er so selten eine erwischt.

Drin. Im Korb, wie hineingeweht durch einen Lufthauch, fast ohne den blätternden Rahmen zu berühren. Einundzwanzig. Genug für heute. Für jetzt.