Dezember 27, 1998

Die Zeit der Coctails ist vorbei


... und das ist wohl so ziemlich das deprimierendste, was sich über ein Leben sagen lässt. Ein liebgewonnener Lebensabschnitt mit einer Fülle von gesellschaftlichen Ritualen geht zu Ende, klingt aus, als hätten die jungen Paare hier in unserem dörflichen Viertel am Rande der Großstadt nie wirklich der Zusammenkünfte bedurft, die uns so viel bedeuteten.

Als wir alle jünger waren, so um die dreißig, konnten wir unsere Welt nüchtern offenbar nur schwer ertragen; der Whiskey war für die Männer - bei den Frauen war es meist Wein - Lösungsmittel im doppelten Sinne: er half uns, nach den Mühen des Tages als Angestellter, Gastronom oder Staatsbediensteter unsere Anspannung zu verlieren und ließ uns vergessen, dass das, was wir zu erreichen wünschten, uns letztlich unmöglich schien Wenn jeder Drink dabei auch tausende Gehirnzellen vernichtete und jedes einzelne Glas, das geleert wurde, etwas von unserem Selbst nahm, wir waren alle so mit unserem Mikrokosmos beschäftigt, dass hierüber nachzudenken niemanden in den Sinn gekommen wäre. Zugegeben, aus meiner heutigen Sicht als eher nüchterner Zeitgenosse war dies kein erstrebenswerter Lebensstil oder einer, dem hier nachzutrauern es Wert gewesen wäre. Und doch waren es die Drinks und Cocktails, die so viel Geselligkeit und Zusammenleben überhaupt erträglich machten, und wurden so ein Teil unseres Lebens. Dieser Teil ist uns leise entglitten, so wie die Kinder uns entgleiten, die auch älter geworden mehr und mehr ihr eigenes Leben leben und irgendwann ganz ohne uns auskommen werden. Und so bleiben wir nüchtern, weniger aus gesundheitlichen Gründen als aus einer neuen Rücksicht heraus auf unsere Jobs, die ihrerseits vielleicht von einem Führerschein abhängen, aus Rücksicht auf unser Gemüt, das uns schon nach einem leichten Besäufnis trostlos werden lässt, angefüllt von ebenso viel Traurigkeit wie Alkohol. Was wird dem Verlust der Betäubung der Sinne folgen? Den gelebten Sex gibt es noch, wenn inzwischen auch in abgeschwächter Form, so als müsse der Geist zu dieser Anstrengung erst überredet oder - bei einigen wenigen - durch Pillen angeregt werden. Er ist nicht mehr so wichtig, jetzt, in dieser Phase, der Mitte unseres Lebens, wobei Mitte doch eher optimistisch definiert ist: Wir bewegen uns Tag für Tag, mit jeder neuen Abendzeitung, die draußen vor der Tür liegt, auf einen Abgrund zu, unseren ganz persönlichen Weltuntergang, wie jemand den Tod einmal genannt hat. Kein Whiskey, kein Sex, und dann? Kein Leben mehr. Das war's dann.

Ich möchte nicht in diese Zeitspanne zurück, die unruhigen dreißig-irgendwas, mit den vielen unnützen Hoffnungen und harten Lebenskämpfen, im Job und auch Zuhause, mit der uns angetrauten ständig überforderten und doch unterschätzten Ehefrau, die unsere Kinder hütete und es nebenbei noch irgendwie fertig brachte, den Haushalt zu versorgen, und uns auch. Erstaunt dämmert mir die banale Erkenntnis, dass alle Dinge im Leben ihre Zeit haben: erste Beziehungen, feste Partnerschaft, Ehe, Kindererziehung, Freunde, Scheidung, Umzug, ein zweiter Versuch, neue Freunde, andere Beziehungen, Lieben und Leiden. Vielleicht ist das der einig wirkliche Trost, der hinter allem steckt, nämlich das alles vorbei geht. Und so schlimm es auch im Moment sein mag, auch das geht vorbei. Wir wissen nur nicht, ob es hinterher besser ist.

Doch nicht nur der Verlust unserer engsten Freunde durch Scheidungen, Wegzug ins Ausland und Streit brachten mich auf den Pfad der Tugend zurück; im Gegensatz zu meinen Dreißigern habe ich jetzt in den Vierzigern kaum noch Zeit und Muße für die ewigen Zusammenkünfte, in denen wir, wie Updike es so passend formulierte, einander zu Kirchen gemacht haben; konnten wir Paare uns ein Wochenende einmal nicht sehen, ging es uns schlecht und wir versuchten, doch noch ein Treffen zu arrangieren, irgendwie, später am Abend oder am Sonntagmorgen, vor dem Mittagsstress, in dem das Essen vorbereitet und die Kinder für den Besuch der Großeltern präpariert wurden.

Noch immer arbeite ich, male Bilder, schreibe gelegentlich und lese. Und erziehe meine Kinder, noch. Und ich halte meine Frau bei Laune, so gut es geht. Ich habe einige wenige, aber gute Freunde und bin bei dem Rest der Welt aus den verschiedensten Gründen eher unbeliebt. Bei einigen Bekannten, weil ich mir für sie nur noch wenig Zeit und Aufmerksamkeit nehme. Bei einigen Verwandten aus dem gleichen Grund. Bei Vertragspartnern, weil ich immer etwas zu meckern habe, und bei allen anderen, weil ich nicht halb so pflegeleicht bin, wie ich manchmal aussehe. Warum erzähle ich das eigentlich in diesem Zusammenhang? Weil alles irgendwie miteinander verwoben ist: Beziehungen, Menschen überhaupt und die Stimmungen, mit denen wir uns begegnen. Niemand ist irgend einem anderen gegenüber gleichgültig einstellt; wir hegen entweder Sympathien für unser Gegenüber, selbst wenn wir es zum ersten Mal sehen, - oder wir lehnen den anderen mehr oder weniger ab.

Vielleicht sind uns Menschen, die wir vor langer Zeit einmal geliebt oder abgelehnt haben, aber auch gleichgültig geworden, nachdem wir sie über viele Jahre aus den Augen verloren haben, ohne Kontakt zu halten. Glücklich sind die, die niemals gute Freunde gehen lassen mussten, die ihr Leben lang begleitet wurden von Menschen, die ihre Geschichte kennen und als Andenken bewahren, wenn sie zu Staub geworden sind. Jeder braucht jemanden, der ihn schon kannte, als er jung war. Auch deswegen ist es so schwer zu ertragen, wenn Eltern sterben, seien sie auch in ein noch so gesegnetes Alter vorgedrungen. Wir sind ein Teil von Ihnen, und wenn sie gehen, geht ein Teil von uns. Auch das ist wie sterben, wir gehen in Raten, unmerklich beginnend nach einer Zeit von etwa dreißig Jahren, in denen man mehr oder weniger liebevoll aufgebaut wird, sich einrichtet und es sich gemütlich macht im Leben. Und hat man es dann geschafft, folgen in allen Lebensbereichen wie Freundschaft, Ehe oder im Job zwangsläufig nur noch Rückschläge, Krankheiten und zuletzt - der Tod. Und das ist tröstlicher, als es uns erscheinen mag, denn niemand möchte wirklich ewig leben, durch Krankheit gezeichnet, und Freunde und vielleicht auch Kinder wären durch ein Unglück vorausgegangen, und du kannst nicht folgen, bist irgendwann alleine, denn unsere Kontakte knüpfen wir, wenn wir noch jung sind, ab vierzig verwalten wir nur noch das Erreichte, das Haus, die paar Aktien und Wertpapiere, unsere Ehepartner, die Freunde und uns selbst. Wir sind uns zwar der Sterblichkeit bewusst, die uns am Ende unseres Weges erwartet, leben aber unser Leben, als währte es ewig. Die Natur mag nicht, wenn wir traurig sind, zahlt es uns heim. Unser Punktabzug hierfür bestünde in Krankheiten wie Krebs und Depressionen. Also leben wir und sterben dann, wie es Reinhard Mey so schön sagte, wenn es denn soweit ist, im stehen.

Um mich herum, in meinem Leben sind viele, die ich zwar nicht persönlich kenne, die mir jedoch Trost geben, weil sie die gleichen Phasen und Gedanken wie ich durchlaufen, Dinge aus anderen Blickwinkel betrachten und dies öffentlich machen. Dazu gehören neben Schopenhauer und dem Liedermacher Mey vor allem die Schriftsteller John Updike und Erika Jong, beide schonungslos ehrlich und scharfsinnig in dem Beobachten ihrer Mikrokosmen, in denen sie leben. Wir alle, ob reich, berühmt oder nicht, bewegen uns nur in einem ganz kleinen Dreieck in dieser Welt, und sosehr wir es uns auch wünschen, diese Grenzen zu sprengen, vielleicht ein "Weltbürger" zu werden, wir werden unsere engen Beziehungen doch nur in einem kleinen Dreieck leben können, dem Ort meist, wo unsere Kinder Zuhause sind und Freunde haben. Updike sagt, Kinder verbinden die Paare mit der Welt; wir lassen uns bei unseren Kindern nieder, um sie zu beschützen und zu begleiten, und leben so mit einer Vielzahl von Kontakten, die wir ohne sie nie gehabt hätten. Deshalb ist es auch schwer, Kinder gehen zu lassen, wenn sie groß sind; sie sind das Bindeglied, und ohne sie sind wir Paare in den späteren mittleren Jahren sehr allein.

Aber so banal es klingt, das ist der Lauf der Dinge. Wenn wir niemals Freude empfunden haben, was könnten wir betrauern? Es ist ein Ausgleich in allen Dingen. "If you are carefull enough, nothing good or bad will ever happen to you": dieser nur unzureichend zu übersetzende Ausdruck bringt es auf den Punkt: wenn du nur vorsichtig genug bist, wird dir niemals etwas gutes oder schlechtes widerfahren. Also leben wir und leiden wir. Und durchleben unsere Phasen, und trinken und lieben und streiten, bis wir irgendwann nicht mehr trinken und lieben und streiten. Vielleicht, weil wir im besten Fall trinkend, liebend und streitend, also stehend gestorben sind.