Nahe dem Übergang
Die erste Empfindung dieser Art hatte er, als er seinen alten Freund anrief, um ihn die Geburt seines ersten Sohnes mitzuteilen. Sie waren schon zusammen zur Schule gegangen, auf ?Tante Emilie', wie sie das Emilie Wüstenfeld Gymnasium stets scherzhaft nannten, haben sich dann jedoch immer mal wieder aus den Augen verloren. Und nun hing er am Telefon und überbrachte die freudige Nachricht und erfuhr, dass der nette alte Vater seines Freundes verstorben war, gerade einmal zwei Wochen zuvor.
Wenige Monate darauf starb seine Tante - dies ist nun sechzehn Jahre her - an Lungenkrebs, und er und sein Sohn, damals acht Monate alt, waren die einzigen in dem traurigen alten Schlafzimmer mit den dunklen veralteten Möbeln, die sie begleiteten. Sie lag schon seit Monaten im Sterben, und ihr jüngerer Sohn - der Besorgtere - konnte sich als Elektriker in einem kleinen Betrieb nicht so lange freimachen - er hatte schon zuvor wochenlang an ihrem Bett gewacht und sie betreut. Der große Bruder - ein durchsetzungsstarker Widder - hatte sich mit einem Meniskusdefekt über eben diese Wochen in ein Krankenhaus zurückgezogen, fernab von all dem Leid. Und so lag sein eigener Sohn keinen Meter von ihr entfernt auf dem für diese kleine geschrumpfte Person viel zu großen Ehebett, als sie Georg sagte: "Ich mag nicht mehr." Nicht mehr, kein Gruß an irgendwen, einfach nur ganz ruhig und überzeugt diesen kleinen Satz, gesprochen in leisen Worten. Und dann starb sie. Ein Sterbeprozess dauert einige Stunden, doch Georg war es, als wenn sie genau in diesem Moment ihren Körper aufgab und verließ. Ein einsamer Abgang nach einem weitgehend fröhlichen Leben.
Regentropfen nässten seinen Arm. Doch Georg blieb sitzen. Der kümmerliche, fast vollkommen abgestorbene Birnbaum zu seiner rechten war ihm wie ein Dach. Und es war undicht, und damit in etwa so unperfekt wie sein Leben. Er krebste seit seinem Auszug aus diesem Elternhaus am Existenzminimum entlang, hatte immer zu viele Interessen für Dinge, die nur kosteten, aber nichts einbrachten.
Die Kinder ein paar Häuser weiter sind unermüdlich. Er hätte dort gerne Mäuschen gespielt, doch er bewachte tapfer die Klingel. Er und seine die alte Dame betreuende Halbschwester hatten eine Funkklingel besorgt, so dass sie sich innerhalb des Grundstücks bewegen konnten. Und nicht auf jeden Atemzug lauschen mussten. Doch in den letzten Tagen vergaß ihre Mutter, dass der Klingelknopf über ihren Bett hing, gehalten von einer Eigenkonstruktion aus Hosengummiband und Bindfaden.
Es tropfte stärker. Im Schlafzimmer seiner Mutter war es nun still.
