Nach der Quantenmechanik in Verbindung mit Heisenbergs Unschärferelation (Unbestimmtheitsprinzip) ist es - wie wir gesehen haben - unmöglich, für ein Ereignis im Universum sowohl den Ort als auch die Geschwindigkeit genau zu messen. Entweder erhalten wir den genauen Ort, können die Geschwindigkeit nicht eindeutig fixieren und umgekehrt. Wenn wir nun an der klassischen, nichtquantenmechanischen Theorie festhalten würden, dass ein System oder Objekt nur eine einzige, nämlich die von uns wahrgenommene Geschichte hat, führt das Unbestimmtheitsprinzip zu allen möglichen Paradoxa, wie Teilchen, die an zwei Orten zugleich, oder Astronauten, die nur halb auf dem Mond sind. Diese Feststellungen führte zu der von Feynman postulierten Pfadintegralmethode, ein Konzept der Aufsummierung von Möglichkeiten. Hawking beschreibt sehr anschaulich unter Berufung auf Feynman, dass ein Objekt nicht nur eine einzige Geschichte hat, sondern alle Geschichten, die möglich sind.
In den meisten Fällen hebt sich die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Geschichte zu haben, gegen die Wahrscheinlichkeit auf, eine etwas andere Geschichte zu haben; doch in bestimmten Fällen verstärken sich die Wahrscheinlichkeiten benachbarter Geschichten gegenseitig - und es ist eine dieser verstärkten Geschichten, die wir dann als Geschichte des Objekts beobachten. In der Quantentheorie existieren also mehrere Geschichten nebeneinander. Hawking verwendet auch das folgende Beispiel:
Stellen wir uns ein Teilchen vor, dass sich in einem bestimmten Moment in Punkt A befunden hat. Normalerweise ginge man davon aus, dass es sich in gerader Linie von A fortbewegt. Doch nach der Pfadintegralmethode könnte es sich auf jedem in A beginnenden Weg bewegen. Es gleicht dem Ausbreiten eines Tintentropfens auf einem Stück Löschpapier. Jedem Weg, jeder Geschichte des Teilchens ist eine Zahl zugeordnet, die von der Form des Weges abhängt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Teilchen von A nach B bewegt, ergibt sich aus der Summe der Zahlen, die mit allen das Teilchen von A nach B befördernden Wegen verknüpft sind.
Um dieses Phänomen anschaulich zu machen, führte Hawking den auf Feynmanns Konzept der Aufsummierung von Möglichkeiten basierenden imaginären Zeitpfeil ein. Es handelt sich hierbei wie schon beschrieben um eine Zeitachse, die senkrecht auf die von uns wahrgenommene reelle Zeitachse zeigt; es ist eine Zeitschiene, die seitlich von unserer reellen Zeit weggeht. Auf ihr könnten sich die anderen, ab jetzt möglichen Geschichten eines Objekts mit einer in diesem Moment beginnender Verzweigung befinden. Die bereits verzweigten Geschichten vom Moment vorher wären für uns bereits nicht mehr erreichbar, so wie der Saft eines Baumes nur in die vor ihm liegenden Verzweigungen fließen kann, nicht jedoch auf seinem Weg zurück und dann in andere Äste.
Nach Feynman legt jedes Teilchen, somit auch als Beispiel jeder Mensch jede mögliche Bahn, respektive Lebensweg durch die Raumzeit zurück, lebt also jedes zwischen zwei Positionen in der Raumzeit mögliche Leben. Wir sollten uns hierbei von der geistig nicht erfassbaren Fülle der Möglichkeiten nicht ablenken lassen, praktisch sind sie in der Zahl natürlich begrenzt und mit einer entsprechenden allumfassenden Theorie berechenbar. Jeder Bahn respektive jeder möglichen Geschichte ordnet Feynman zwei Zahlen, also Werte zu, die eine für die Größe, die Amplitude einer Welle und die andere für ihre Phase, die Position innerhalb dieser Welle - oben, unten oder irgendwo dazwischen. Diese beiden Werte haben übrigens nichts mit der Wellenlänge der Wellen zu tun, die wir zur Bestimmung der Position und Geschwindigkeit eines Teilchens verwenden. Hier ermöglichen eine kürzere Wellenlänge hochfrequenter Wellen eine genauere Positionsbestimmung/ ungenauere Geschwindigkeitsbestimmung
und die längeren Wellenlängen niederfrequenter Wellen umgekehrt eine genauere Geschwindigkeitsbestimmung/ ungenauere Positionsbestimmung.
Die Wahrscheinlichkeit nun, dass ein Teilchen von A nach B gelangt respektive ein Mensch zum Beispiel ein selbst gestecktes Ziel erreicht, berechnete er als die Summe der Wellen, die zu jeder möglichen Bahn zwischen A und B beziehungsweise zu jedem möglichen Teil-Lebensweg vom ins Auge fassen des Ziels bis zum Erreichen des Ziels gehören. Dass wir rückblickend stets den Eindruck haben, auf nur einer Bahn, nur einem Lebensweg zum Ziel gekommen zu sein, ergibt sich nach Feynman aus seinem Konzept der Summe der Geschichten: denn zumindest bei makroskopischen, also mit bloßem Auge ohne optische Hilfsmittel erkennbare Objekten heben sich alle Bahnen bis auf eine auf, wenn die Summen aller Kennzahlen der Wellen, also aller Geschichten zusammengefasst werden. Interessanterweise sehen viele Menschen in präkognitiven Träumen oder durch nicht bestimmbares Wissen [Ingrisch] Inhalte einiger alternativen Geschichten; sie wissen,
wie etwas verlaufen würde, würden sie an einem bevorstehenden Kreuzpunkt eine bestimmte Entscheidung treffen.
: Eine Skizze der zwei Zeitdimensionen
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